Sonntag, 7. August 2011

Predigt vom 7. August 2011 (7. Sonntag nach Trinitatis)

Das Volk sprach zu Jesus: "Was tust du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du? Unsre Väter haben in der Wüste das Manna gegessen, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): 'Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.'" Da sprach Jesus zu ihnen: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater im Himmel gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben." Da sprachen sie zu ihm: "Herr, gibt uns allezeit solches Brot." Jesus aber sprach zu ihnen: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, der wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten."
Johannes 6, 30-35



Liebe Gemeinde,

Jesus sagt von sich: Ich bin das Brot des Lebens. Das ist wohl das klarste und anschaulichste Bild, das Jesus von sich selber entwirft. Brot als Zeichen, als Symbol für das, was wir zum Leben brauchen. Dabei wissen wir: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht (Matthäus 4, 4). Das Brot des Lebens ist Gottes Wort. Jesus Christus ist Gottes Wort – "das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben", wie es die Theologische Erklärung von Barmen bekannt hat – zur Zeit der Nazis, angesichts der Deutschen Christen, die lieber auf andere Worte hören wollten, die meinten, Gottes Wort in Jesus Christus sei nicht genug zum Leben und Sterben.

Nein, es ist anders: Das tägliche Brot, Essen und Trinken, aber auch all das andere, was wir zum guten Leben brauchen, wie Kleidung und Wohnung, Gut und Geld, Stabilität und Wohlstand, Frieden und Gesundheit, Nachbarn und Freunde, das alles ist nicht genug zum Leben und Sterben. Was wir brauchen, ist immer noch mehr. Wir brauchen einen ganz großes Ja über unserem Leben. Wir brauchen einen ganz großen Sinn in unserem Leben. Wir brauchen etwas, das uns trägt und hält, selbst dann, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Darum diese Formulierung: "im Leben und im Sterben". Darum geht es: Was hält uns? Was trägt uns durch, selbst durch Todesangst und -einsamkeit? Selbst durch Schuld und Scheitern? Selbst durch Verzweiflung und Sinnlosigkeit? – Das ist mehr als Brot. Das ist Brot des Lebens im biblischen Sinne. Das ist Gottes Wort, das uns erreicht, das uns errettet, das uns trägt und hält, wie es die ganze Schöpfung trägt und hält.

Jesus Christus, das Brot des Lebens: Es wird ganz anschaulich im Heiligen Abendmahl. Wir essen Brot und trinken Wein, aber wir empfangen viel mehr als Brot und Wein. Wir empfangen Gottes Wort.

Wenn ich mit meinen Konfirmanden das Heilige Abendmahl behandelt habe, habe ich sie immer gebeten zu überlegen, was zum Abendmahl alles dazugehört: Ja, natürlich: Brot bzw. Oblaten und Wein oder auch Saft, die Gefäße dazu; dann kamen sie meistens auf den Pfarrer und die Gemeinde, schließlich fielen ihnen Gebete und Gesänge ein. Das Wichtigste aber, das Wichtigste, was aus dem allen erst das Heilige Abendmahl macht, das ist ihnen oft gar nicht eingefallen: Es ist Gottes Wort. Wir sprechen die biblischen Worte von der Einsetzung des Abendmahls, wir zitieren die Worte Jesu: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Das ist mein Blut des neuen Bundes bzw. das Neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Und wir sprechen das jedem einzelnen persönlich zu, wenn wir die Gaben verteilen: Christi Leib, für dich gegeben, Christi Blut, für dich vergossen.

Ich habe vor ein paar Tagen erst wieder Luthers Schrift von der "Babylonischen Gefangenschaft der Kirche" gelesen. Darin kämpft er um das richtige Verständnis der Sakramente, und sein Hauptaugenmerk liegt auf dem Sakrament des Abendmahls, der Messe, wie er mit der damaligen kirchlichen Ausdrucksweise sagt. – Heute sagt man lieber "Eucharistie", in der katholischen und auch in der anglikanischen Kirche, auch manche in der lutherischen Kirche. Im Sinne von Luther ist das nicht richtig. "Eucharistie" ist ein griechisches Wort und bedeutet 'Danksagung'. Und selbstverständlich gehört die Danksagung, das Dankgebet zur Abendmahlsfeier dazu – aber sie ist nicht das Wichtigste, nicht die Hauptsache. Sie ist erst unsere Antwort auf Gottes Gabe. Das Eigentliche, das Wichtige, die Hauptsache am Heiligen Abendmahl ist das, was Gott uns durch Jesus schenkt, und nicht das, was wir für ihn tun. – Darum hat sich Luther so vehement dagegen gewendet, dass man die Messe als ein Opfer betrachtet hat, als ein Werk der Kirche, mit dem man vor Gott Verdienste erwerben könnte.

Das Heilige Abendmahl ist Gottes Wort, Gottes Zuspruch und Verheißung, versehen mit einem sichtbaren, leiblichen Zeichen. Das nennen wir Sakrament: Gottes Wort, versehen mit einem sichtbaren Zeichen: bei der Taufe ist es das Wasser, beim Abendmahl sind es – manche würden sagen: Brot und Wein, Luther sagt: Leib und Blut Christi unter Brot und Wein. Man kann auch sagen: Sakramente sind sichtbar gewordenes Wort Gottes. Das Entscheidende ist das Wort, und was dieses Wort uns sagt, lese ich einfach einmal in den guten alten Worten Luthers, wie er sie dem Herrn Jesus  Christus in den Mund legt:
Siehe, du sündiger und verdammter Mensch, aus lauter und unverdienter Liebe, mit der ich dich liebe - der Vater aller Barmherzigkeit will es so haben - verheiße ich dir mit diesen Worten, ehe du irgend etwas verdient und verlangt hast, Vergebung aller deiner Sünden und das ewige Leben. Und auf dass du gewiss seiest, will ich meinen Leib dahingeben und mein Blut vergießen und diese Verheißung hinterlassen. Sooft du davon Gebrauch machst, sollst du mein gedenken und diese meine Liebe und Güte gegen dich preisen, loben und danksagen.
Vielleicht kommt uns diese Anrede als "sündige und verdammte Menschen" überzogen und unzeitgemäß vor. Sie sagen aber letztlich nur das aus, dass wir ohne Gott verloren sind, ohne Halt und ohne Sinn, dass wir uns selber nicht das geben können, worauf wir im Leben und im Sterben bedingungslos vertrauen können. – Aber Gott sagt Ja. Er sagt Ja zu dir, und das sollst du auch ganz persönlich annehmen, wenn es dir beim Heiligen Abendmahl gesagt ist: Für dich. Für dich ist Jesus gekommen, für dich hat er gelebt, für dich ist er gestorben. Er ist das eigentliche Sakrament und Zeichen für Gottes Liebe zu dir. So gewiss, wie du isst und trinkst, so gewiss wie er gestorben ist, so gewiss steht Gottes Ja über deinem Leben. – Gott fordert nichts von dir, als diesem seinem Wort zu vertrauen.