Sonntag, 28. August 2011

Predigt vom 28. August (10. Sonntag nach Trinitatis)


Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.
Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: „So sollst du sagen zu dem Haus Jakob und den Israeliten verkündigen: 'Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.' Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“
2. Mose (Exodus) 19, 1-6

Liebe Gemeinde,

schon allein die Ortsnamen lassen unseren Abschnitt ganz aktuell erscheinen: Israel, Ägypten, Sinai. Wovon hier erzählt wird, ist weit über 3000 Jahre her. Aber die Orte und die Akteure gibt es immer noch: Israel und Ägypten haben eine Grenze am Sinai. In der Nähe sind erst vor wenigen Tagen Menschen erschossen worden: Insassen eines israelischen Busses. Dann auch palästinensische Terroristen und ägyptische Soldaten. Israel und Ägypten – Nachbarn, die einen brüchigen Frieden aufrechtzuerhalten suchen. Israel, ein Land, ein Staat, dessen Identität und dessen Existenz immer wieder angezweifelt, angegriffen wird. Ägypten, ein Land, eine Gesellschaft im politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Was der bringen wird, ist noch lange nicht ausgemacht. Erst recht nicht, was er für Israel bringen wird. Wird der brüchige Frieden halten? Wird die Moslembruderschaft an Macht gewinnen, oder gar die Macht gewinnen, deren terroristische Brüder von der Hamas im Gaza-Streifen regieren?

Israel und Ägypten – eine uralte Geschichte. Eine Geschichte, die nie von Zuneigung geprägt war. Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten, und wurden auf wunderbare Weise in die Freiheit geführt: durch Todesgefahr, durch Meerestiefen – und doch wunderbar und sicher: wie auf Adlerflügeln – so steht es in unserem Text. Das ist die Gründungslegende des alten Israels. Das kleine Israel, gerettet und befreit aus den Händen des mächtigen Ägyptens. Gerettet und befreit durch die noch mächtigere Hand ihres Gottes.

Zwischen Ägypten und Israel – der Sinai. Karges Land, Wüste, Gebirge. Hier lernt Israel seinen Gott kennen. Hier hatte er sich dem Mose in einem brennenden Dornbusch offenbart. Hier hatte er sich mit Namen und Adresse vorgestellt: Jahwe – Ich bin, der ich sein werde – Ich bin, der für euch da ist. Ich bin der Gott eurer Väter, Abrahams, Isaaks, Jakobs. Ich bin der Gott eurer Befreiung. Ich bin der Gott eurer Vergangenheit und eurer Zukunft.

Zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Ägypten und dem gelobten Land stehen die Israeliten wieder am Sinai. Hier schließt Gott seinen Bund mit seinem Volk. Hier gibt Gott seine Gebote und seine Verheißung.
So, wie seine Gebote gelten bis heute und bis ans Ende der Tage, so gilt auch seine Verheißung bis heute und bis ans Ende der Tage, so gilt auch sein Bund mit Israel bis heute und bis ans Ende der Tage.

Zwischen Ägypten und dem gelobten Land, dem künftigen Eretz Israel, lernt Israel seinen Gott kennen. Auf einem Weg der Entbehrungen, der Widerstände, aber auch der Wunder und Offenbarungen. Dort, auf dieser Wüstenhalbinsel, dort, an diesem Berg, scheint er zu Hause zu sein, Jahwe, der Gott Israels.

Aber er bleibt nicht dort in der Wüste, sondern er macht sich auf den Weg, geht mit mit seinem Volk, zuerst als Wolken- und Feuersäule, die den Weg weist, und dann zieht er mit der Bundeslade und dem heiligen Zelt, der Stiftshütte, mit. Er hat sich an sein Volk gebunden, er hat sich an die Gebote gebunden, die er ihm gegeben hat, er hat sich an die Verheißungen gebunden, die er ihm gegeben hat. Der Sinai ist für das Volk Israel, für die Juden und zuletzt für den modernen Staat Israel nicht mehr interessant. Nur dass von dort keine Gefahr für Israel ausgehen soll, war und ist wichtig.

Gott ist nicht an einem bestimmten Ort. Gott ist dort, wo sein Volk ist, seine Menschen, mit denen er sich verbündet hat.

Auf noch mal neue und dramatische Weise muss das Volk Israel das erfahren, als sein eigenständiges Staatswesen zerstört, seine Menschen verschleppt und zerstreut, Gottes Tempel geschleift wird. In der babylonischen Verbannung ist ein großer Teil der biblischen Schriften entstanden, haben Priester und Propheten die Geschichte ihres Volkes aufgeschrieben. Gott war nicht im fernen Jerusalem zurückgeblieben, sondern er war bei seinen Menschen, bei seinem Volk. Er hat es gezeigt und bewiesen: Ihr sollt mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Überall auf der ganzen Erde können sie auf seine Stimme hören, seinen Bund halten, das Volk seines Eigentums sein.

Ein zweites Mal wurde der Tempel zerstört, Jerusalem geplündert und die Juden, die Nachkommen des alten Israels unter die Völker zerstreut. Christen haben das so verstanden, als hätte Gott sich von seinem Volk abgewandt, weil die Juden Jesus nicht als Messias angenommen haben. – Aber ist nicht die Geschichte dieses Volkes über Jahrhunderte und Jahrtausende der Zerstreuung, der Benachteiligung, der Verfolgung bis hin zum Versuch der systematischen Ausrottung, ist diese Geschichte nicht am Ende viel mehr eine Geschichte der erstaunlichen Treue Gottes? – Während Völker, Kulturen und Imperien gekommen und gegangen sind, ist Gottes Volk geblieben. Und das nicht deshalb, weil Juden irgendwie besser, schlauer, dümmer, sozialer, gerissener, eigennütziger oder was auch immer sind, sondern weil sie sich immer wieder an Gottes Gebote und Verheißungn,  an seinen Bund gehalten haben – die Kultur jüdischer Schriftauslegung ist unvergleichlich. Mehr aber noch, weil Gott ihnen die Treue gehalten hat. Und es ist eben keineswegs abwegig, in der Wiedererstehung des Staates Israel im 20. Jahrhundert ein Zeichen der Treue Gottes zu sehen.

Es ist keineswegs abwegig, sich von Theorien zu distanzieren und zu verabschieden, nach denen die Kirche Israel als Gottesvolk abgelöst hätte. Sicher: so wie wir das in vielen Lieder und Gebeten ausdrücken, so dürfen wir uns um Jesu willen auch als Gottes Volk bezeichnen, dürfen davon sprechen, dass Gott einen neuen Bund geschlossen hat, zu dem auch Nichtjuden Zugang haben. Aber eben so wenig dürfen wir damit den alten Bund Gottes mit seinem zuerst erwählten Volk als beendet ansehen. Für uns ist die Geschichte Israels Vorgeschichte der Jesus-Christus-Geschichte. Für das Judentum, für Israel geht seine Geschichte mit dem Gott der Väter, dem Gott der Befreiung, dem Gott der Verheißung weiter, mit dem Gott, der für uns der Gott Jesu Christi ist. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen, schreibt Paulus im Römerbrief im Blick auf sein Volk Israel.

Es ist keineswegs abwegig, dass wir als Christen an der Seite Israels und der Juden stehen. Und das auch politisch. Manche meinen, das moderne Israel wäre mächtig und stark und würde mit überzogener Gewalt gegen seine Gegner vorgehen. Tatsache ist, dass Israel heute ein schmaler Küstenstreifen ist, der auf der einen Seite vom Meer und von den anderen Seiten mehr oder weniger von Feinden umgeben ist. Tatsache ist, dass Israel fast täglich Angriffen aus einem Gebiet ausgesetzt ist, dass es zuvor freiwillig geräumt hatte. Tatsache ist, dass Israel in der internationalen Politik kaum Freunde hat; selbst die USA sind unter Präsident Obama zunehmend auf Distanz gegangen. Tatsache ist aber doch auch, dass Israel der einzige demokratische Rechtsstaat in der Region ist. Tatsache ist, dass hier nicht nur Juden, sondern auch Christen und Muslime unbehelligt ihren Glauben leben können, was man von den Nachbarländern nicht gerade sagen kann. Und Tatsache ist, dass Israel zum ersten Mal seit über 2000 Jahren wieder ein jüdischer Staat ist, eine Heimstatt für dieses Volk, das über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg zerstreut, benachteiligt, verfolgt und auszurotten versucht worden ist. Und während seine Feinde Israel bombardieren und offen davon sprechen, die Juden ins Meer zu treiben – was ja genau dasselbe ist, was die Ägypter damals schon mit den Israeliten anstellen wollten –, währenddessen stellen sich in Deutschland und anderswo Menschen hin und bezeichnen Israel als rassistisch und sprechen dem jüdischen Staat das Existenzrecht ab. Es gibt eine Art von Israelkritik, die vom schlechten alten Antisemitismus kaum noch zu unterscheiden ist.

Wir merken: dieses Predigtwort kommt uns nicht nur durch die bekannten Ortsnamen nahe. Es kommt uns nahe, weil es die Treue Gottes für dieses Volk verspricht, das noch heute wie seit über 3000 Jahren in seiner Existenz bedroht ist. Es kommt uns nahe, weil unsere Geschichte als Gottesvolk des neuen Bundes aufs Engste mit der Geschichte des Gottesvolkes das alten Bundes zusammenhängt.

Wenn wir wieder in den Nachrichten von Israel, von Ägypten, vom Sinai oder von anderen biblischen Orten hören, dann lasst uns wohlwollend an Gottes Volk denken und ihm mit unseren Gebeten nahe sein. Amen.