Montag, 15. August 2011

Predigt vom 14. August 2011 (8. Sonntag nach Trinitatis)


Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen und sagen: „Kommt lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!“ Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen Krieg zu führen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!
Jesaja 2, 1-5


Liebe Gemeinde,

„Schwerter zu Pflugscharen“ – dieses biblische Motto, in diesem Logo, dieser bildlichen Darstellung, ist seit über 30 Jahren das Symbol der Ökumenischen Friedensdekade, die in vielen Kirchengemeinden in Deutschland jeweils im November begangen wird.

Die Bibelstelle, die in diesem Logo angegeben ist, Micha 4,3, ist eine Parallelstelle zu unserem heutigen Predigttext: Im Buch des Propheten Micha findet sich fast wortgleich dieselbe Weissagung, die wir soeben aus dem Buch des Propheten Jesaja gehört haben. Micha und Jesaja wirkten gleichzeitig in Juda und Jerusalem, so dass wir nicht mehr wissen, wer dieses Wort zuerst gesagt hat. Aber das ist letztlich auch egal.

„Schwerter zu Pflugscharen“ – das war damals die Vision einer Welt, in der sich keiner mehr vor anrückenden Heeren, vor Belagerung, Hunger, Plünderung, Vergewaltigung und vor schwer zu gewinnenden Kämpfen gegen übermächtige Gegner fürchten musste.

Diese Vision hat zu allen Zeiten fasziniert.

1959 schenkte die Sowjetunion der UNO eine Bronzeskulptur, die das Umschmieden eines Schwertes zu einer Pflugschar bildlich darstellt – als Symbol des angeblichen Friedenswillens der damaligen UdSSR.

Ein Bild dieser Skulptur wurde 1980 die Mitte in diesem Logo der Friedensdekade und dann überhaupt der Friedensbewegung in der DDR.

Es war ein Geniestreich oder wohl eher noch ein Blitz des göttlichen Geistes, der damals den sächsischen Jugendpfarrer Harald Bretschneider auf die Idee brachte, das Bibelwort und diese sowjetische Darstellung miteinander zu verbinden und das ganze 1980 zunächst als Lesezeichen auf Vliesstoff drucken zu lassen. Denn – so die clevere Überlegung –: gegen ein Friedenssymbol, das die Sowjetunion selbst verwendet hatte, konnte der damals noch sowjethörige DDR-Staat ja schwerlich etwas haben.

Nachdem einige Jugendliche begonnen hatten, das Lesezeichen-Symbol auszuschneiden und sich auf ihre Jeansjacken und Parkas zu nähen, ließ man im nächsten Jahr gleich Aufnäher drucken, die dann in großer Zahl von christlichen, pazifistischen und DDR-kritischen Jugendlichen getragen wurden. – Auch der Druck auf ein Textilmaterial war ein genialer Schachzug, denn normalerweise unterlag alles, was in der DDR gedruckt wurde, der staatlichen Druckgenehmigung, auf Deutsch: der Zensur. Nur nicht der Textildruck …

Auch ich bin damals mit so einem Aufnäher rumgelaufen. Das ging nicht lange gut. In der Schule wurde verlangt, ich sollte den wieder entfernen. Ich schrieb eine Stellungnahme dazu, mein Vater ebenfalls. Daraufhin wurden wir zu einem Gespräch beim „Rat des Kreises“ bestellt. Man heuchelte Verständnis und versuchte gleichzeitig uns einzuschüchtern. Mit Sicherheit war auch jemand von der Stasi dabei. Wir beriefen uns auf die verfassungsmäßig garantierte Religions- und Meinungsfreiheit und auf den erklärten Friedenswillen der DDR. Das half aber nichts. Kurz darauf ließ unser Landeskirchenamt mitteilen, dass es die Träger des Aufnähers nicht mehr vor staatlichen Sanktionen würde schützen können. Und so trennte ich schweren Herzens den Aufnäher wieder ab von meinem Parka.

„Schwerter zu Pflugscharen“ – das war für uns damals ein so wichtiges Symbol, weil wir die Zuspitzung der militärischen Konfrontation zwischen Ost und West damals hautnah erlebten. Die Sowjetunion stationierte Atomraketen auch in der DDR – was wir freilich nur aus den Westmedien wussten – und die Amerikaner drohten mit der Nachrüstung in der Bundesrepublik – die dann auch kam. Wir alle fürchteten den baldigen Atomtod. Dazu erlebten wir, wie in der Schule ein neues Unterrichtsfach eingeführt wurde: Wehrkunde. Die vormilitärische Ausbildung in und neben der Schule nahm immer größere Ausmaße an. – So konnte es nicht weitergehen. Und so erinnerten wir an die biblische Friedensvision: Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln … Waffenarsenale, die uns alle hätten mehrfach umbringen können, sie konnten doch keinen Frieden schaffen – so dachten wir. Sie fraßen nur Ressourcen auf, und sie fraßen unsere geängsteten Seelen auf.

Wir träumten den Traum vom Frieden und von einer angstfreien Welt – bis dieser Traum begann wahrzuwerden. Ende der 80-er Jahre lenkte Gorbatschow ein, und die Atomraketen konnten abgezogen werden. Das System aus Angst und Zwang, das uns gefangenhielt, brach zusammen. Und das nicht zuletzt der Menschen wegen, die sich für Frieden und Gewaltlosigkeit eingesetzt hatten. Die wenige Jahre zuvor „Schwerter zu Pflugscharen“ gefordert hatten, das waren dieselben, die bei den Demonstrationen 1989 „Keine Gewalt!“ riefen.

Eine schöne Geschichte, wie biblische Visionen wahr werden – so könnte man meinen. Und doch kann dieselbe Geschichte auch ganz anders erzählt werden:

Die sowjetische Supermacht rüstete auf, versuchte sich militärische Vorteile zu verschaffen und so vielleicht keinen Krieg auszulösen, aber den Druck auf den Westen zu erhöhen. „Schwerter zu Pflugscharen“, dargestellt durch die bekannte Skulptur in New York, das war eine propagandistische Lüge. Man hatte in der Vergangenheit schon vom Friedenskampf gesprochen und doch die Freiheitsbewegungen in den eigenen Vasallenstaaten mit militärischer Gewalt niedergeschlagen: in der DDR, in Ungarn, in der Tschechoslowakei. Auch der Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren gehört in diese Geschichte hinein. Man war durchaus auch bereit, die eigene Einflusssphäre mit Gewalt auszuweiten, zuletzt in Afghanistan.

Dieser Bedrohung der freien Welt war nur durch konsequentes Dagegenhalten beizukommen. So kam es zum Nato-Doppelbeschluss, zur Nachrüstung, zum militärischen Gegendruck seitens des Westens, einschließlich der Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Westdeutschland.

Gegen den Druck einer Friedensbewegung, die sich auch im Westen auf die Vision von Jesaja und Micha berief, hielten Politiker wie Helmut Schmidt und sein Verteidigungsminister Hans Apel, beide evangelische Christen, oder später Helmut Kohl, der katholischer Christ ist, an der Politik der Nachrüstung fest. Der Westen war nicht erpressbar, und der Sowjetunion gelang es nicht, eine Überlegenheit zu gewinnen. Im Gegenteil: auch das militärische Gegenhalten des Westens hat dazu beigetragen, dass die sowjetische Wirtschaft dem Wettrüsten nicht mehr gewachsen war und letztlich – natürlich auch aus anderen Gründen – kollabierte, und dann schließlich das ganze kommunistische System, das in wenigen Monaten vollständig zusammenbrach.

Auf der einen Seite also Visionäre, die von einer Welt ohne Waffen träumten. Auf der anderen Seite Realpolitiker, von denen einer sogar gesagt hat, wenn er Visionen habe, gehe er zum Arzt. Wer von ihnen hat mehr bewirkt? Wer von ihnen hat die Welt stärker verändert? – Für mich ist das überhaupt keine rhetorische Frage. Sie ist nicht einfach zu beantworten.

Es ist ja auch nicht so, dass sich die Realpolitiker weniger auf die Bibel berufen könnten als die Visionäre. Wir lesen in der Bibel auch von der Verantwortung der Regierenden, die Menschen mit dem Schwert vor dem Bösen zu schützen. Wir lesen von Kriegen, die im Namen des Herrn geführt wurden – mit Schwert und Spieß. Selbst Jesus Christus, den wir den Friedensfürst nennen, hat Schwert und Verfolgung angekündigt.
Wir kriegen beides nur zusammen, wenn wir darauf achten, wovon jeweils die Rede ist, von welcher Zeit, von welchen Umständen.

Die Vision von Jesaja und Micha spricht von der letzten Zeit, von der Zeit des Gottesreiches, wenn sich alle Wünsche, Verheißungen und Visionen einer heilen Welt erfüllt haben werden. Es ist eine ganz merkwürdige Formulierung im hebräischen Urtext: im Rücken der Tage heißt es da wörtlich. Es sind diese fernen kommenden Tage eben nicht die, die man klar vor sich sieht; klar vor Augen liegen viel mehr die vergangenen Tage. Die kommenden Tage der Erfüllung liegen nicht in unserem Blickfeld. Sie kommen nur auf dem Weg der gottgeschenkten Vision in den Blick. Ich sehe was, was du nicht siehst, sagt der Prophet, weil Gott ihm einen Blick gibt für das, was normalerweise nicht in unserem Blickfeld liegt, sich gleichsam hinter unserem Rücken befindet.

Die Realpolitiker sollten sich nicht an Visionen orientieren, sondern an dem, was klar vor ihren Augen liegt, an dem, was die Erfahrung lehrt, was machbar ist, was dem Maß menschlicher Vernunft und Einsicht entspricht, sonst sind sie keine Realpolitiker.

Und wir Christen stehen gewissermaßen dazwischen. Wir sind Bürger zweier Reiche, des kommenden Gottesreiches, wo Krieg und Waffengewalt ausgedient haben. Und wir sind Bürger eines politischen Gemeinwesens und Bürger einer Welt, in der es immer noch und immer wieder nötig ist, den Gewalttätern mit Gewalt zu widerstehen, und denen, die uns und unsere Nächsten mit Waffen bedrohen, ebenfalls mit Waffen entgegenzutreten.

Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen zeigen eher, wohin es führt, wenn der Gewalt nicht mit entschlossener Gegengewalt begegnet werden kann. In Norwegen hat es offenbar zu lange gedauert, bis eine Einsatztruppe überhaupt bewaffnet und in Bewegung gesetzt war, um dem Mörder von Utøya Einhalt zu gebieten. In den britischen Städten fühlten sich die kriminellen Chaoten offenbar ermutigt durch eine unbewaffnete Polizei, die erst nach nächtelangen Krawallen in Erwägung zog, auch nur Wasserwerfer einzusetzen.

In der letzten Zeit, im Rücken der Tage – da sind wir offenbar noch nicht. Wir leben in einer Welt, in der der ewige Frieden noch immer eine Vision ist. Dass diese Vision wahr wird, dazu wäre es nötig, dass alle mitmachen beim Umschmieden der Waffen. Dazu wäre es nötig, dass alle Heiden zum Gott Jakobs, zum Gott Israels, zum Gott Jesu kommen, um von ihm Frieden zu lernen – diese Hinwendung der Völker zum lebendigen Gott, das ist ja Teil der prophetischen Vision. Im Moment sieht es aber eher danach aus, dass sie sich gegen ihn wenden und gegen, die, die sich an ihn halten, Juden und Christen.

Wir aber sind gerufen zum Licht des Herrn. Das heißt, wir sind gerufen: die Vision vom ewigen Frieden lebendig zu halten. Und mehr noch, wir sind gerufen, diesen Frieden schon hier und jetzt zu leben.