Sonntag, 9. September 2012

Predigt am 9. September 2012 (14. Sonntag nach Trinitatis)


Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet
und denken ohne Unterlass vor Gott, unserm Vater, an euer Werk im Glauben und an eure Arbeit in der Liebe und an eure Geduld in der Hoffnung auf unsern Herrn Jesus Christus.
Liebe Brüder, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr erwählt seid;
denn unsere Predigt des Evangeliums kam zu euch nicht allein im Wort, sondern auch in der Kraft und in dem Heiligen Geist und in großer Gewissheit. Ihr wisst ja, wie wir uns unter euch verhalten haben um euretwillen.
Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist,
sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja.
Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen.
Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott
und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet.

1. Thessalonicher 1, 2-10


Liebe Schwestern und Brüder,

wie kommt es, dass ihr heute hier seid? Ich meine nicht, wieso ihr jetzt ausgerechnet auf dieser Insel, an diesem Ort hier seid, sondern wie es kommt, dass ihr an diesem Tag im Gottesdienst seid. Ihr habt euch bewusst entschieden, jetzt genau das zu tun: mit uns Gottesdienst zu feiern.

Weil ihr Christen seid? Weil ihr an Gott glaubt? Weil ihr die Gemeinschaft schätzt? Weil ihr dazugehören möchtet?

Wie kommt es, dass es diese Gemeinschaft gibt: Kirche, Gemeinde? Wie kommt es, dass Menschen sich im Glauben und Suchen zusammenfinden? Wie kommt es, dass unser Angebot, Gottes Angebot angenommen wird? Jedenfalls immer wieder von einigen?

Ich frage das, weil ich darüber staune. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der es nicht normal, nicht selbstverständlich war, an Gott zu glauben, zur Kirche zu gehen. Religion war nach offizieller Lesart zum Absterben verurteilt; das ging zwar nicht so schnell, wie Ulbricht sich das erhofft hatte, aber letztlich ist der Trend weg vom christlichen Glauben ungebrochen. Auch im Westen. Wir finden es kaum noch erstaunlich, wenn sich Leute vom Glauben abwenden und aus der Kirche austreten. Wir finden es erstaunlich, wenn Menschen zur Gemeinde und zum Glauben hinfinden.

Ja, ich staune, wie viele das sind … Viele, die oft erst als Jugendliche oder Erwachsene Christ geworden sind. Manche, die auch heute und hier nach vielen Jahrzehnten wieder zur Kirche kommen. Ich staune und ich freue mich, dass immer wieder Menschen glauben und dass unsere christliche Gemeinde manchmal sogar ein bisschen wächst.

Wie kommt es, dass du glaubst? Egal wie groß oder klein du deinen Glauben einschätzt; immerhin reicht er ja, dass du heute hier bist. Wie kommt es, dass du glaubst? – Ich möchte euch einladen, jetzt in einer Minute der Stille mal darüber nachzudenken, wer und was daran schuld ist, dass du heute als Christ in diesem Gottesdienst sitzt.


Wenn ich über mich und meine Lebensgeschichte nachdenke, fällt mir einiges ein. Es ist nicht ein einzelnes Ereignis, eine einzelne Entscheidung, eine einzelne Person oder was auch immer, die mich zum Christen gemacht haben, es ist vieles, das zusammengekommen ist und ineinandergegriffen hat.

Zuerst denke ich an die Menschen die mich geprägt haben, die mir Glauben nahe gebracht haben. Bei mir hat das im Kindesalter begonnen: meine Eltern, die mit mir gesungen und gebetet haben, meine Mutter und meine Großmutter, die mir biblische Geschichten erzählt haben, die Gemeindehelferin in der christlichen Kinderstunde, später Pfarrer und Jugendmitarbeiter. Genau so wichtig waren für mich Gleichaltrige. Einer ging in meine Klasse, war mein Freund, wir haben uns immer wieder auch über Glaubensfragen ausgetauscht. Später war es ein Hauskreis, wo wir miteinander Bibel gelesen und Glaubens- und Lebensfragen besprochen haben. Noch später Kommilitonen, Freunde im Studium, die mir geholfen haben, dass die Theologie, die Wissenschaft vom Glauben, und der Glaube selber nicht auseinandergefallen sind. Mit manchen habe ich nächtelang bei Rotwein und Zigaretten Probleme gewälzt, mit manchen habe ich mich zum Morgengebet in unserer Hauskapelle getroffen. Und mit manchen bin ich noch heute verbunden, und dank Facebook immer wieder auch im Gespräch.

Und dann sind da natürlich immer wieder auch die Menschen, die ich auf meinem Weg als Pfarrer oder auch schon als Vikar in den verschiedenen Gemeinden getroffen habe. Menschen mit ihrer Sicht, mit ihrer eigenen Geschichte und mit ihrem eigenen Glauben, und davon springt immer wieder auch etwas über. Tiefes Gottvertrauen ohne viele Worte – das hat mich immer beeindruckt. Manche Lebensgeschichte kommt da und dort zur Sprache, und oft nehme ich einfach eine tiefe Dankbarkeit wahr, eine Gewissheit getragen zu sein, auch durch die Tiefen und Untiefen des eigenen Lebensweges. Das stärkt und trägt dann auch wieder mich in meinem Glauben – und in meinem Dienst als Pfarrer. Denn ich soll ja Zeugnis geben, weitersagen vom Glauben.

So wie andere mir Zeugnis gegeben haben und weitergesagt vom Glauben. Ich denke an Gottesdienste, an Predigten, an christliche Veranstaltungen, die mich berührt haben. Wie oft ist Gottes Wort zu lebendigem Wort Gottes an mich geworden! Selten waren es die ganz großen und mitreißenden Worte, aber oft waren es die vielen kleinen guten Worte, die sich summiert haben, die sich in meinem Kopf und in meinem Herzen festgesetzt haben und in mir weitergewirkt haben.

Und je länger je mehr waren es Bibelworte und Worte aus Liedern, Gesangbuchliedern, Jugendliedern oder dann auch aus den geistlichen Motetten und Oratorien, die ich gehört und vor allem auch selber mitgesungen habe. Ich merke, wie sie mir präsent sind, mir immer wieder einfallen, mir nachgehen, mein Leben beeinflussen. Sie helfen mir zu glauben und im Glauben zu bleiben.

Aber dann sind da auch noch andere Worte, Worte, die ich meistens gar nicht selber gehört habe, die andere für mich gesprochen haben: Worte und Gedanken zu Gott hin, Gebete. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht glauben könnte, nicht so glauben könnte, wenn nicht viele Menschen immer wieder für mich gebetet hätten und auch heute noch für mich beten würden. Manchmal bekomme ich das gesagt, manchmal weiß ich es oder ahne es, dass da jemand für mich betet. Und ich spüre, dass mich das trägt und hält, so dass ich nicht aus Gottes Spur falle.

Menschen, die mit mir ihren Glauben geteilt haben, und die mir mit ihrem Glauben Vorbild waren, Menschen die mir Gottes Wort gesagt haben, Menschen, die für mich gebetet haben. Mein Glaube ist lebendig in der Verbundenheit mit diesen Menschen. Glaube ist lebendig im Teilen von Glauben.

Aber ich überlege noch weiter: Liegt es wirklich nur an den Menschen, dass ich glauben kann? Gewiss, ich könnte es mir nicht vorstellen ohne sie alle. Aber eigentlich weiß ich: hinter ihnen allen steht doch Gott, der, an den sie glauben, an den ich glaube. Glauben zu können, Christ sein zu können, ist sein Geschenk. Keiner von diesen für mich doch so wichtigen Menschen hätten es geschafft, in mir den Glauben zu wecken und am Leben zu halten, wenn Gott nicht das Entscheidende an mir getan hätte. Mein Glaube, das ist im Grunde Gottes unergründliche Entscheidung für mich. Darüber kann ich nur staunen und danken.

Ja, in meinem Leben hat es auch umgekehrt auch meine Entscheidung für Gott gegeben. Manche meiner frommen Schwestern und Brüder legen großen Wert darauf, auf die eigene Entscheidung für Gott. Ich könnte zwar auch ein Datum angeben für so eine Art Bekehrung, so eine Entscheidung für Gott. Aber im Rückblick habe ich nach und nach gemerkt, dass es nicht nur ein Datum sein kann, sondern dass ich mich an verschiedenen Stellen für Gott entschieden habe. Da war zum Beispiel mein Ja bei der Konfirmation, oder schon mein Ja für die Konfirmation und nur für die Konfirmation, als doch die Teilnahme an der Jugendweihe erwartet wurde und viele meiner Altersgenossen sich für die Jugendweihe oder zumindest für beides – erst Jugendweihe, dann Konfirmation – entschieden. Da war schon vorher meine Entscheidung, jeden Tag in der Bibel zu lesen und zu beten. Und da waren ganz viele Entscheidungen, die alle irgendwie mit dem Glauben zu tun hatten und die anders gefallen wären, wenn ich sie nicht mit Gott und für Gott getroffen hätte. Am Ende relativiert sich so eine „Bekehrung“. Das Entscheidende ist, immer wieder hingekehrt zu Gott zu leben.

Und mit der Zeit bin ich da ziemlich demütig geworden: Es war eigentlich nie meine Entscheidung, es war schon immer Gottes Entscheidung für mich. Erst kam er mit seinem Wort und dann ich mit meiner – manchmal nur zögernden oder halbherzigen – Ant-Wort.

Ihr Lieben, ich habe euch das jetzt nicht um meinetwillen erzählt. Ich habe euch an meinem Beispiel etwas davon erzählen wollen, was ich für typisch halte für den Glauben. Nicht weil ich so typisch bin, sondern weil ich es in der Bibel, weil ich es auch in unserem heutigen Bibelabschnitt so gefunden habe.

Da staunt ein Paulus darüber, dass die Gemeinde in Thessaloniki existiert, glaubt, wächst und Ausstrahlung hat. Und er schreibt darüber, dass das mit dem Glaubensvorbild anderer Christen zu tun hat, mit der Predigt des Evangeliums, mit dem Gebet füreinander, auch mit der bewussten Entscheidung, Bekehrung, Hinwendung zu Gott, im letzten aber in Gottes Entscheidung für die Menschen, mit seiner Erwählung.

Ich nehme an, wenn ihr über euren Weg zum Glauben, zur Kirche nachdenkt, werdet ihr sicher Ähnliches entdecken.

Und vieles davon finde ich in den Worten wieder, mit denen Martin Luther im Kleinen Katechismus den Abschnitt über den Heiligen Geist und die Kirche erklärt:

Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten;
gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten Glauben;
in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird.
Das ist gewisslich wahr.