Sonntag, 30. September 2012

Predigt am 30. September 2012 (17. Sonntag nach Trinitatis)

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merket auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. Und er sprach zu mir: "Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will."
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz, wiewohl mein Recht bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott ist. Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde, – darum bin ich vor dem HERRN wert geachtet, und mein Gott ist meine Stärke –, er spricht: "Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.
Jesaja 49, 1-6



Liebe Schwestern und Brüder,

Alles muss klein beginnen,
lass etwas Zeit verrinnen.
Es muss nur Kraft gewinnen,
und endlich ist es groß.

Es ist ja eine Binsenweisheit, die in diesem Kinderlied von Gerhard Schöne besungen wird: Aus dem winzigen Samenkorn wird mit der Zeit ein großer Baum. Die kleine Quelle wird zum großen Fluss. Leichte Schneeflocken setzen sich auf den Ast, bis durch eine kleine Flocke die Last so groß geworden ist, dass der Ast bricht. Und so ist es auch mit mir, singt Gerhard Schöne:

Manchmal denk ich traurig: Ich bin viel zu klein!
Kann ja doch nichts machen! Und dann fällt mir ein:
Erst einmal beginnen. Hab ich das geschafft,
nur nicht mutlos werden, dann wächst auch die Kraft.
Und dann seh ich staunend: Ich bin nicht allein.
Viele kleine Schwache stimmen mit mir ein:
Alles muss klein beginnen …

Wir merken: Wenn es um uns selber geht, ist es gar keine Binsenweisheit mehr. Dieses Ich bin viel zu klein! Kann ja doch nichts machen! ist nämlich in uns ziemlich stark. Es überfällt uns, nistet sich in unseren Gedanken und Gefühlen ein, macht uns nörgelig, unzufrieden und depressiv. Und wenn es erst zu unserem Glaubenssatz wird, dann ist es auch wahr. Dann können wir wirklich nichts machen. Dann sind wir tatsächlich viel zu klein. Dann werden wir unser Leben erleiden, werden vielleicht schimpfen und motzen über die Großen und Starken, die Erfolgreichen und Gesunden, die Politiker und die Banker... Irgendjemand ist immer schuld… Aber wir werden es nicht selber gestalten.

Ist das nicht eigentlich die Einstellung von kleinen Kindern? – Ich bin viel zu klein! Kann ja doch nichts machen! – Nicht die Einstellung von Erwachsenen, die ihr Leben selber in die Hand genommen haben.

Dabei ist selbst in Kindern, die so denken und empfinden, schon etwas kaputtgegangen. Denn eigentlich sagen Kinder: Ich bin noch zu klein. Aber bald bin ich groß. Und dann … kann ich, darf ich, werde ich … In Kindern ist der Drang groß zu werden noch lebendig. Statt zur Resignation, weil sie noch klein sind, neigen Kinder doch eher zur Selbstüberschätzung: Das kann ich schon selber! – Dabei müssen wir überbehütenden Großen ihnen das gar nicht sagen, was sie noch nicht können. Sie bekommen das meistens schon alleine raus.

Ja, die Kleinen wollen groß werden, wollen, was in ihnen steckt, entfalten, wollen wachsen.

Die Binsenweisheit, dass alles klein beginnt und wächst und sich entfaltet, ist so etwas wie ein Naturgesetz, zumindest ein Gesetz, das überall da gilt, wo Leben ist, ein Lebensgesetz. Und darum ein Gesetz Gottes. Wir stellen uns gegen Gottes Gesetz, wo wir das Wachstum und die Entfaltung des Lebens hindern oder unterbinden.

Am Rande bemerkt: Ich glaube schon deshalb, dass die Evolution des Lebens nicht im Gegensatz zu Gottes Schöpfung steht, weil Gott eben dieses Gesetz des Wachstums, der Entfaltung – und das Wort Entfaltung bedeutet ja nichts anderes als Entwicklung – des Lebens in seine Schöpfung hineingelegt hat: Die Erde lasse wachsen… Seid fruchtbar und mehret euch…

Alles muss klein beginnen – alles muss wachsen, sich entfalten, groß werden. Veränderung, Entwicklung, Wachstum, Fortschritt sind der Schöpfung eingeschrieben. Ich sage mal ganz provokativ: Die seit drei, vier Jahrzehnten zur Selbstverständlichkeit gewordene Kritik an Wachstum und Fortschritt, die ist zutiefst unbiblisch und unchristlich.

Veränderung, Entwicklung, Wachstum und Fortschritt sind auch uns Menschen eingeschrieben. Wenn ich aufhöre, mich zu entwickeln, Neues zu entdecken, zu lernen, auszuprobieren, dann, glaube ich, beginne ich zu sterben. Aber noch will ich leben.


Vor gut 2500 Jahren lebte in der Weltmetropole Babylon eine kleine ethnische und religiöse Minderheit, dorthin deportiert aus einem Kleinstaat, der der Großmacht Babylon zum Opfer gefallen war: Juda hieß dieser Staat. Und darum nannte man die Angehörigen dieser Minderheit in Babylon auch die Juden. Sie selbst nannten sich nach einem legendären Stammvater Israel (der Stammvater ist auch unter dem Namen Jakob bekannt). Mit der Eroberung ihres Heimatlandes, mit der Zerstörung des Heiligtums ihres Gottes, mit der Deportation ins Feindesland schien ihr Untergang besiegelt zu sein. Innerhalb von zwei, drei Generationen würden sie sich ihrer neuen Umwelt assimiliert haben, würden einfach Babylonier geworden sein – so ist es anderen Völkerschaften auch ergangen.

Aber dann geschah etwas ganz Anderes. Aus dem Untergang wurde ein neuer Anfang. Das Exil in Babylon wurde zum Samenkorn für etwas Großes und Neues. Und es hat begonnen mit vielen kleinen Schwachen.

Da gründen einige ein Lehrhaus, wo sie das Wissen über ihren Glauben und über Gottes Gesetze weitergeben. Sie sollen nicht verlorengehen, hier in der Fremde. Denn gerade hier geben sie Halt, Orientierung und Kraft. Später hat es solche Lehrhäuser, solche Synagogen überall gegeben, wo Juden in der Welt gelebt haben; das ist bis heute so. Klein begonnen hat es damals in Babylon.

Was sollte man dort lehren und weitergeben? – Die Angehörigen der alten Priestergeschlechter aus Jerusalem sichten ihre Schriften und Aufzeichnungen, so weit sie diese noch zur Verfügung haben; vor allem aber sichten und ordnen sie ihre Erinnerungen und die mündlichen Überlieferungen der Gesetze und Chroniken, der Sagen und Legenden, die zurückreichen bis ins alte Ägypten und ins nördliche Zweistromland, als es noch nicht von den Babyloniern beherrscht wurde. Und sie schreiben alles auf – als Lehrmaterial für die Synagoge, die Schule des Glaubens. Aus diesen Aufzeichnungen ist ein großer Teil der hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments entstanden. Es hat klein begonnen, und es ist ein Buch daraus geworden, das nun seit über zwei Jahrtausenden die Weltgeschichte und den Glauben von Millionen und Milliarden von Menschen geprägt hat.

In Babylon lebte zu dieser Zeit auch einer, der Gottes Wort hören konnte, so wie Gott es ihm eingab: ein Prophet. So wie Gott in der alten Heimat durch Propheten zu seinem Volk geredet hatte, so tat er es hier in der Fremde auch. Gott war nicht nur der Gott des Landes Israel, er war der Herr und Schöpfer der ganzen Welt. Er lenkte nicht nur die Geschicke seines Volkes Israel, sondern die Geschicke aller Völker… Darüber staunte er, darüber staunten sie, mit denen er dort lebte und sprach…

Dieser Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, aber dessen Worte uns im zweiten Teil des Jesajabuches (Jesaja 40 – 55) überliefert sind, dieser Prophet kündigt Unerhörtes an: Es wird eine politische Wende geben. Es wird eine Rückkehr und einen Neuanfang geben für Gottes Volk in der alten Heimat. Er sieht die kleinen Anfänge und hört Gottes Wort, das Großes verspricht: Aus dem kleinen Häuflein der Vertriebenen und der Zurückgelassenen schafft Gott einen neuen Anfang. Es wird Neues wachsen. Es beginnt eine Geschichte, die bis an die Enden der Erde und bis ans Ende der Welt reichen wird. Und: es wird eine Geschichte sein unter der Überschrift: Licht und Heil.

Der Prophet mag es selber nicht glauben. Er hält sich selber für viel zu klein für so eine große Botschaft. Aber es ist Gottes große Botschaft, und das macht auch ihn groß. Er wächst über sich hinaus und sagt das schier Unsagbare in Worten, die nicht vergessen sind und die bis heute wirken. Worte, die wie Pfeile durch die Jahrhunderte und Jahrtausende schwirren und noch heute und hier – hier auf diesen Inseln am Rande der Welt – hier treffen und wirken:

Alles muss klein beginnen. Traue den kleinen Anfängen! Traue dem Wort, das dich im Herzen trifft, folge ihm! Und tu die kleinen Schritte, die du tun kannst und sollst, dort wo du bist! Resigniere nicht! Sag nicht: Ich bin zu klein! Alles muss klein beginnen. Aber es muss eben beginnen, und vielleicht bist gerade du es, der den Anfang machen soll, damit es einmal groß sein kann.



Vor knapp 2000 Jahren lebte einer, der sprach gerne von den kleinen Anfängen. Vom Senfkorn, das man in die Erde legt und das wachsen muss, damit es eine große, Schatten spendende Pflanze wird. Einer der sich selber mit einem Weizenkorn verglich, das in die Erde gelegt wird und stirbt, und gerade da beginnt zu wachsen und zu wirken und Frucht zu bringen.

Alles muss klein beginnen: Ein einzelner in einer damals abgelegenen Weltgegend, zwölf Freunde, ein paar weibliche Fans. Von der Mehrheit abgelehnt, schließlich verraten, verurteilt, hingerichtet. – Heute hat er über zwei Milliarden Nachfolger.

Oder, wie es jemand auf Twitter im Twitter-Jargon ausdrückte: "Jesus hatte nur 12 Follower. Aber die haben dafür seine Message retweetet wie Sau."

Ja, sie haben weiter gemacht, wo Jesus aufgehört hat. Sie haben selber klein angefangen: die Botschaft von Jesus weitergesagt und so gelebt, wie er es gesagt hatte. Es hat klein begonnen. Aber es ist eine große Sache draus geworden.

Ein Freund sagte vor ein paar Tagen in einem Telefongespräch: "Die Kirche wird auch immer kleiner." – "Ach", sagte ich, "wieso denn das?" – Weil da ein paar Kirchgemeinden in Deutschland schrumpfen, wird doch die Kirche nicht kleiner!

Vielleicht hat es ja auch mit dieser resignativen Haltung zu tun – wir werden immer weniger; die Strukturen werden immer dünner; die Gemeinden immer kleiner –, dass wir tatsächlich so wenig Wachstum erleben; wir erwarten es nicht mehr, dass was Kleines beginnt und größer wird. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass wir selber lieber an die Grenzen des Wachstums glauben und daran, dass alles immer schlechter wird. Und vermutlich liegt es auch daran, dass wir uns für unseren kleinen Glauben eher schämen, als dass wir ihn groß machen wollen, ihn leben, ausbreiten und verkünden, oder eben: "die Message retweeten wie Sau".

Aber ich glaube, dass der Herr auch zu uns spricht, uns dieses große Wort sagt, das er damals dem kleinen Propheten gesagt hat: Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde. – Jesus hat es seinen Leuten ja auch so gesagt: Ihr seid das Licht der Welt! Und: Geht hin in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Nachfolgern!

Zu große Worte für uns kleine Leute? – Nein, alles muss klein beginnen. Und wir können es ja auch tun, was uns aufgetragen ist. Und wir tun es auch: Wir glauben, hoffen, lieben; kommen her, laden ein, machen mit.
Und was klein beginnt, wächst, und was wächst, wird groß – und es ist das Reich Gottes.