Sonntag, 16. September 2012

Predigt am 16. September 2012 (15. Sonntag nach Trinitatis)


Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.
Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid; und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. Ein jeder aber prüfe sein Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern. Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.
Wer aber unterrichtet wird, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allem Guten.
Irrt euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.
Galater 5, 26 – 6, 10


Liebe Schwestern und Brüder,

der Mensch ist ein Lasttier. Wie ein Esel oder ein Kamel schleppt er Dinge von einem Ort zum andern. Und manche Last legt er überhaupt nicht ab, vielleicht weil er nicht kann, vielleicht auch weil er nicht will.

Die Lasten, die wir tragen, sind uns vielleicht von anderen aufgeladen worden. Aber manche Last haben wir uns auch selber auferlegt. Manche Lasten müssen wir tragen, andere wollen wir tragen.

Warum sind wir solche Lasttiere? Sind wir als Menschen nicht ganz anders geschaffen, nicht zum Lastentragen, sondern zum aufrecht Gehen?

Mir scheint, dass uns vieles im Leben so wichtig ist, dass wir es überall hin mitnehmen müssen. Das merken wir zum Beispiel bei einem Umzug. Was nehmen wir mit? Was lassen wir zurück? Wovon können wir uns trennen, wovon nicht? Da sind Möbel und Bilder, die zu uns gehören, Wertstücke vielleicht, die wir schon von unseren Vorfahren geerbt haben, andere, die wir uns selber angeschafft haben und an denen nun unsere Erinnerungen und unser Herz hängen. Da sind Kisten mit alten Fotos und Briefen, das sind Säcke voller Kleidung, die wir schon lange nicht mehr getragen haben. Es sind eben nicht nur Dinge; es ist die ganze Geschichte unseres Lebens, die wir mit uns herumtragen, egal wohin wir gehen. – Manches davon ist eine angenehme Last. Manches können und wollen wir nicht verlieren, wir wollen es gern tragen. Von anderem können wir uns nicht trennen, obwohl wir es gerne täten.

Wir Menschen sind Lasttiere, auch deshalb weil wir unser Leben selber bauen müssen. Wir tragen das Baumaterial zusammen und bauen daraus das Haus, das Gebäude unseres Lebens. Aber das sind Lasten, die wir nur zeitweise tragen, die wir an den Ort bringen, wo sie hingehören, und die dann als Baumaterial ihre Aufgabe erfüllen: Wie Steine und Balken eines Hauses werden sie selber zu tragenden Elementen unseres Lebens. Sie machen es fest und stabil.

Der Mensch ist ein Lasttier, ja. Aber er ist doch ein schlechtes Lasttier. Er stöhnt oft unter den Dingen, die er mit sich herumschleppt. Er hadert mit denen, die ihm Lasten aufgelegt haben. Er hadert auch mit sich selbst, weil er wider Willen immer wieder zum Lasttier wird. Und mancher bricht unter den Lasten zusammen, die er zu tragen hat.

Die meisten Lasten, die ein anderer Mensch trägt, sehen wir nicht. Denn es sind ja nur selten materielle Gegenstände; es sind vielmehr Sorgen und Ängste, Schmerzen und Schuld, Krankheiten und Probleme. Er muss schon gehörig klagen, damit wir auch wirklich sehen, wie schwer er zu tragen hat.

Meistens sehen wir nur unsere eigene Last, und meistens erscheint sie uns schwer genug. Das Leben der anderen dagegen mutet uns oft so leicht an! – Dabei liegt es doch nur daran, dass ihre Lasten eben, wie gesagt, nicht zu sehen sind, und dass wir uns auch nicht wirklich für die Lasten der anderen interessieren. „Du weißt nicht, wie schwer die Last ist, die du nicht trägst“, sagt ein afrikanisches Sprichwort.


Wie gehen wir mit unseren Lasten um? Mit den Lasten, die wir selber tragen, mit den Lasten, die der andere trägt?

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen!, so heißt der bekannte Kernsatz unseres Predigttextes.

Das Gesetz Christi – das ist das Lastentragen. Es ist das Gesetz, das über dem Leben Jesu Christi stand. Er hat den Menschen Lasten abgenommen: die Last von Schuld und Sünde, die Last von Krankheit und Tod, die Last von Sorgen und Ängsten. Und den Menschen, die das erfahren haben, ist es leicht geworden ums Herz, weil Jesus sie entlastet hat: der Frau, die an der unheilbaren Krankheit ihrer Tochter zu tragen hatte; dem Zöllner, dem sein Leben voller Unwahrheit und Betrug zur Last geworden war; der Ehebrecherin, die unter den Steinwürfen der Selbstgerechten zusammenzubrechen drohte; dem Räuber am Kreuz neben Jesus, dem der gekreuzigte Herr das Paradies versprechen konnte. Ihnen allen hat er die Last ihres Lebens abgenommen. Jesus hat sie für sie getragen. Er hat sie ans Kreuz getragen. Er ist zum Lastträger für sie, für uns alle geworden. Das ist das Gesetz Christi, das Gesetz, unter dem sein Leben stand.

Das ist das allerwichtigste für uns, wie wir mit unseren Lasten umgehen. Wir können sie zu Jesus Christus hintragen, sie ihm übergeben, sie von ihm tragen lassen, wegtragen am Kreuz. Was ich nicht tragen kann, meine Sorgen, meine Schuld, meine Not, darf ich, soll ich ihm anvertrauen und übergeben. Er trägt sie, er hat sie schon getragen.

Der Wochenspruch und das Evangelium sagen es uns: Werft die Sorgen auf ihn, denn er sorgt für euch!

Und ebenso gilt: Werft die Sünden auf ihn, denn er vergibt euch!

Eines unserer großen Probleme ist wahrscheinlich, dass wir unsere Lasten nicht gerne loswerden wollen. Dass wir immer auch ein bisschen stolz sind auf das Päckchen, das wir zu tragen haben.

Und dass wir uns nicht gerne helfen lassen. Es ist schließlich unangenehm, wenn ich jemanden um Hilfe bitten muss, weil ich es selber nicht schaffe.

Aber genau dafür ist Jesus gekommen: um uns zu helfen, um unsere Lasten zu tragen, gerade wenn und weil wir es selber nicht schaffen.

Das Gesetz Christi – das ist das Lastentragen. Und in erster Linie ist es das Gesetz, das er sich selber auferlegt hat: Er will es so: für uns die Lasten tragen.


Erst in zweiter Linie ist es sein Gebot an uns: Einer trage des andern Last. Das sagt er nämlich nicht, um uns noch mehr aufzubürden, wenn wir ohnehin schon kurz vor dem Zusammenbrechen sind, das sagt er uns, weil er uns zuvor die eigene Last abgenommen hat. Wer seine eigenen Sorgen bei Christus losgeworden ist, wem die eigene Schuld durch ihn vergeben worden ist, wem die eigenen Verletzungen durch ihn geheilt worden sind, der ist ja frei geworden, der kann ja wieder aufrecht gehen, der ist ja nicht mehr von der Last des eigenen Lebens bedrückt und gebeugt. Und weil er frei ist und auch den Blick frei hat für den Menschen neben ihm, sieht er dessen Lasten und hilft sie ihm zu tragen, nimmt ihm etwas ab: Einer trage des andern Last!

Das heißt nicht, dass er wieder so belastet und gebeugt dastehen soll wie zuvor, als er noch unter der eigenen Last stöhnte. Das Lastentragen hat ja für ihn ein Ziel. Er kann auch die Lasten des anderen dorthin tragen, wo er selber seine Last losgeworden ist: zu Jesus Christus hin.

Ich kenne Menschen, denen vertraut man gerne seine Sorgen und Lasten an, weil man spürt, dass sie ehrlich mittragen wollen. Das tut gut, das entlastet. Aber manche von diesen Menschen tragen dann selber allzu schwer an den Lasten ihrer Mitmenschen. Wenn mich die Nöte der anderen so belasten, dass ich nicht mehr schlafen kann, dann mache ich was falsch, dann habe ich mich übernommen. Das wichtigste, wenn ich anderen ihre Lasten trage, ist, dass ich sie zu Christus hintrage.

Das kann ich tun, indem ich für diesen Menschen bete. Das ist die wichtigste Form des Mittragens von Lasten unter Christen: dass wir füreinander beten, gerade wenn wir um die Lasten des anderen wissen.

Eine andere Form des Lastentragens füreinander ist das Vergeben. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern … Wo mich die Schuld eines anderen belastet, da kann ich diese Schuld, seine Schuld zu Gott bringen, bei Gott abladen.

Vor kurzem war ich an einem Gespräch beteiligt, wo jemand die Frage aufwarf, ob es einen Unterschied zwischen vergeben und verzeihen gäbe. Ist es etwas anderes, wenn ich sage: Ich verzeihe dir, als wenn ich sage: Ich vergebe dir? Ich wusste in diesem Gespräch nicht so recht einen Unterschied zu benennen. Ein anderer, der an dem Gespräch beteiligt war, sagte etwas in der Richtung, dass Vergeben immer mit Gott zu tun habe. – Ich glaube, jetzt habe ich es verstanden: Wenn ich verzeihe, dann möchte ich, dass die Schuld des anderen nicht mehr zwischen uns steht. Aber wahrscheinlich belastet sie mich weiter. Es ist ein menschlicher Akt der Großzügigkeit, der mich selber viel Kraft kostet. Ich nehme gewissermaßen die Schuld des anderen auf mich. Wenn ich vergebe, dann tue ich das auch, aber ich gehe mit seiner Schuld zu Gott, ich trage sie zu Jesus Christus und gebe sie ihm ab. Er soll sie am Kreuz mit wegtragen, wo er ohnehin alle Schuld der Welt trägt.

Ja, auch das heißt, des anderen Last tragen: Ihm vergeben, weil Gott mir vergibt.


Und als drittes heißt des anderen Last tragen, dann natürlich auch, ihm ganz praktisch helfen, so wie es in meinen Kräften steht. Denn ich will das Lastentragen nicht nur vergeistigen. Manchmal braucht es ganz praktisch ein offens Ohr, einen guten Rat, eine helfende Hand. – So wie es in meinen Kräften steht, sagte ich. Denn Gott will nicht, dass wir uns überfordern und belasten. Aber er will, dass wir mit unseren Gaben und Kräften füreinander da sind.

Und so endet ja auch unser Abschnitt mit einer ganz schlichten und handfesten Aufforderung:
Lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Wir können es, weil Christus uns über die Maßen viel Gutes getan hat.