Sonntag, 23. September 2012

Predigt am 23. September (16. Sonntag nach Trinitatis)

Überarbeitete Fassung einer Predigt vom 1. Oktober 2006

Liebe Schwestern und Brüder,

wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden (Psalm 126, 1; Eingangspsalm). Das sind die bewegenden Worte der Hoffnung, formuliert als die Israeliten als Verbannte und Gefangene an den Flüssen Babylons saßen. Worte, wie sie wieder aufgeklungen sind, als Schwarze Sklavenarbeit auf den Baumwollplantagen der amerikanischen Südstaaten verrichten mussten und daraus Lieder geworden sind, Spirituals, in denen sich die Sehnsucht nach Befreiung aus dem Sklavendasein mit der Sehnsucht nach dem ewigen Leben bei Gott verbindet. Worte, die immer wieder Resonanz gefunden haben, wo Menschen Gefangenschaft, Sklaverei und Unterdrückung erfahren, äußerer oder innerer Art.

Immer ist da auch der Traum von der Befreiung, von der Erlösung. Wie gut, dass uns die Bibel Worte überliefert, die diesen Traum formulieren helfen! Und wie gut, dass uns die Bibel erzählt, wie der Traum von Freiheit und Erlösung immer wieder wahr geworden ist!

Die Geschichte der gefangenen Israeliten in Babylon ist so eine Befreiungsgeschichte.

Die Geschichte der amerikanischen Negersklaven ist auch so eine Befreiungsgeschichte. Gerade gestern vor 150 Jahren erklärte Präsident Lincoln die Sklaven für frei.

Die Geschichte, aus dem Neuen Testament, die heute für uns Predigttext ist, ist auch eine Befreiungsgeschichte – und eine echt traumhafte Geschichte!

Sie steht in der Apostelgeschichte, Kapitel 12.

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.
Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote. Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.
Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: „Steh schnell auf!“ Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: „Wirf deinen Mantel um und folge mir!“
Und er ging hinaus folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel. Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: „Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.
Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten. Als er aber an das Hoftor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu hören, wer da wäre. Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. Sie aber sprachen zu ihr: „Du bist von Sinnen.“ Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: „Es ist sein Engel.“ Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich. Er aber winkte ihnen mit der Hand, dass sie schweigen sollten und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: „Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern.“ Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.
Apostelgeschichte 12, 1-17

Ja, da wird der Traum von Befreiung und Erlösung aus der Gefangenschaft wortwörtlich wahr. Lukas erzählt uns diese Befreiungsgeschichte mit viel Humor. Für Petrus ist das alles so traumhaft, dass er es selber nicht glauben mag, was ihm da geschieht. Er glaubt, er träume nur einen schönen Traum. Eben noch im Hochsicherheitstrakt des Jerusalemer Gefängnisses, findet er sich auf der nächtlichen Straße wieder – in Freiheit. Und erst da merkt er, dass der Traum von der Befreiung kein Traum war, sondern wunderbare Wirklichkeit. Gott hat eingegriffen, seinen Engel gesandt, und ihn befreit.

Wenig später steht er vor dem Haus der Maria, wo die Hausgemeinde, vielleicht der Leitungskreis der Gemeinde, Gebetsgemeinschaft hält. Worum beten die eigentlich? Doch wohl darum, dass Petrus wieder frei kommt. Aber als dann die Magd hereingestürzt kommt mit der Botschaft: „Petrus steht vor der Tür“, da glauben sie es nicht.

Tröstlich, dass es nicht nur uns so geht, dass wir beten und gar nicht wirklich darauf vertrauen, dass unsere Gebete erhört werden. – Mir fällt da diese Anekdote ein von einer Gemeinde im mittleren Westen der USA; die ist angesichts einer lang anhaltenden Dürre zusammengekommen, um für Regen zu beten. Zu Beginn der Gebetsversammlung stellt der Prediger fest: „Wir sind zusammengekommen, um für Regen zu beten, und warum sehe ich keinen, der einen Schirm mitgebracht hat?“ – Ja, so sind wir: Glauben wir eigentlich, worum wir beten?

Die versammelte Hausgemeinde in Jerusalem glaubt lieber an Engel als an die Befreiung des Petrus. Und damit sind sie kurioserweise ganz nah an der Wahrheit dran und doch voll daneben. Denn der Engel ist schon lange wieder verschwunden. Aber Petrus ist da, steht vor der Tür und klopft.

Für die Magd ist das alles ja auch wie im Traum. Sie ist so durcheinander, dass sie Petrus gleich mal vor der verschlossenen Tür stehen lässt. Erst ist er von Herodes eingesperrt, dann von der eigenen Gemeinde ausgesperrt. Wenn das nicht mit Sinn für Humor erzählt ist! (Und ausgerechnet noch Petrus, der doch sonst immer den passenden Schlüssel dabei hat!) Schließlich kommen sie noch zusammen, die zusammen gehören, und Petrus kann von der traumhaften Befreiung erzählen.

Das ist die helle Seite der Geschichte. Das ist auch die helle Seite unseres Glaubens, wenn wir selber das an der einen oder anderen Stelle erleben, dass Gott befreit und erlöst, dass er seinen Engel in unser Leben schickt und uns aus auswegloser Lage rettet oder bewahrt. Viele haben ja ähnliches erlebt. Vielleicht nicht so spektakulär wie bei Petrus. Aber Gott muss ja nicht immer spektakulär handeln. Manchmal haben wir es gemerkt, dass sein Engel da war: wenn wir bewahrt worden sind, wenn eine gefährliche Situation gerade noch gut ausgegangen ist: Der Unfall, der nicht stattgefunden hat, weil noch Zentimeter dazwischen waren – vielleicht stand ja ein Engel dazwischen. Oder aber der Unfall, der stattgefunden hat und glimpflich ausgegangen ist – vielleicht hat ja ein Engel den Wagen zwischen den Bäumen hindurchgelenkt. Oder aber, die Gefahrensituation, die wir gar nicht bemerkt haben, und aus der wir doch heil herausgekommen sind. Wir sagen gern: „Das war Bewahrung“, wenn wir der Gefahr ins Auge geblickt haben. Eigentlich können wir immer sagen, wenn wir gesund nach Hause kommen: „Das war Bewahrung.“ Wenn wir einen Tag gesund und ohne schlimme Ereignisse zu Ende gebracht haben: „Das war Bewahrung.“ – Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diesen Tag gnädiglich behütet hast ...“ – Luthers Abendsegen.

Ja, das ist die helle Seite der Geschichte, die helle Seite unserer Glaubenserfahrung. Die dunkle Seite ist die, wo die erhoffte und erbetene Errettung ausbleibt. Wo wir uns nicht wie in einem Traum, sondern wie in einem Alptraum fühlen. Wo es wirklich kracht. Wo wir uns bewegungslos in einem Krankenhausbett wiederfinden. Wo der Arzt uns mit dieser gefürchteten Diagnose konfrontiert. Wo wir vor den Scherben einer Beziehung stehen. Wo das Kind sich von uns abwendet. Wo wir jedes Mal sagen müssen: „Aus der Traum!“ Euch allen werden ähnliche Beispiele einfallen, und wir fragen: Wo ist denn Gott, der Retter, Erlöser, Befreier? Wo hatte er gerade seine Augen? Warum war sein rettender Engel nicht auch da?

Die dunkle Seite liegt ist auch in unserer Geschichte. Die Gemeinde befindet sich in einer Verfolgungssituation. Einige werden festgenommen und gefoltert. Jakobus ist der erste Apostel, der um seines Glaubens an Jesus willen hingerichtet wird. Er ist nicht der letzte. Wir wissen, dass auch Petrus, der hier so wunderbar befreit wird, einmal für seinen Herrn sterben wird. Und nach ihm unzählige christliche Märtyrer – bis auf den heutigen Tag. Ist es in dieser Situation nicht eigentlich verständlich, dass unser Glaube an die Errettung und Befreiung so klein ist?

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird ... – ja wenn. Dieser Traum hat schon vor Jahrhunderten in Babylon einen sehr langen Atem gebraucht. Fast fünfzig Jahre vergingen, bis die Rückkehr aus dem Exil möglich wurde.

Der Traum von der Erlösung brauchte immer einen langen Atem. 40 Jahre bis zur Befreiung vom Kommunismus in der DDR. 56 Jahre insgesamt bis zur Befreiung von den totalitären Diktaturen in Deutschland. Und wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die diesen Traum immer weiter geträumt und für den Traum von der Freiheit gelebt und gebetet hätten, dann hätte er sich vielleicht nie erfüllt. 23 Jahre ist es inzwischen her, dass dieser Traum unter unseren Augen und Ohren – und unter unseren Beinen und Händen Wirklichkeit wurde. Und dann waren wir selber wie die Träumenden, die auszogen aus der Gefangenschaft ins Gelobte Land.

Aber eben doch nach langem Warten, Sehnen und Träumen: Befreiung, Errettung, Bewahrung, Erlösung ereignet sich nicht immer gleich und nicht immer dann, wenn wir es erwarten. Und manchmal ereignet sie sich in diesem Leben gar nicht. Jakobus musste sterben, andere nach ihm auch.

Unser Psalm von den Träumenden, der 126. Psalm hatte in der christlichen Liturgie lange Zeit einen besonderen Ort: Er wurde vornehmlich bei Beerdigungen gebetet. So wurde er gedeutet auf die letzte Befreiung und Errettung, die Erlösung aus dem Tod, auf die Auferstehung. In Gottes Ewigkeit – spätestens dann – werden wir sein wie die Träumenden. Wir werden lachen statt weinen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Ich weiß, dass das immer wieder als billige Vertröstung angesehen worden ist. Es kann und soll aber etwas anderes sein: wahrer Trost, wo wir mit unserem irdischen Träumen und Trösten am Ende sind. Wahrer Trost und keine billige Vertröstung. Denn für diesen Trost hat Jesus teuer bezahlt. Er musste hinabsteigen ins Reich des Todes, um im Tod den Tod zu besiegen. Er steigt auch mit uns hinab in die Trostlosigkeit unseres Todes, und er reißt uns heraus ins Freie, ins Leben, in die traumhafte Wirklichkeit Gottes.

Manchmal kommt ein Engel, der uns aus Todesgefahr errettet. Aber einmal ist der Herr Jesus Christus selber gekommen und hat uns aus dem ewigen Tod gerettet. Deshalb werden auch wir sein wie die Träumenden – wenn wir Gottes ewige Herrlichkeit schauen.