Sonntag, 25. Mai 2014

Predigt am 25. Mai 2014 (Sonntag Rogate)

Der HERR sprach zu Mose: „Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: ‚Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat.‘“
Und der HERR sprach zu Mose: „Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen.“ Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: „Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: ‚Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie vom Erdboden‘? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: ‚Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig.‘“
Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.
2. Mose (Exodus) 32, 7-14


Liebe Schwester, lieber Bruder,
sag mir, wie du betest, und ich sage dir, was für einen Gott du hast. So könnte man zugespitzt formulieren.
Vielleicht betest du am Morgen oder am Abend und sagst Gott Danke für alles, was gut ist, und bittest ihn für das, was nicht so gut ist, damit es besser werde. – Dein Gott ist der himmlische Vater, der für alles zuständig ist, der sich um alles kümmert und irgendwie alles gut machen kann und will. Und der möchte, dass du ihm vertraust.
Vielleicht betest du regelmäßig für bestimmte Menschen oder Anliegen; du führst eine Gebetsliste, in der steht, wer jeden Tag dran ist, dass du für ihn betest. – Dein Gott ist einer, den man mit Treue und Ausdauer beeindrucken kann, ja, der sich von uns beeinflussen lässt und sein Tun von unserem Beten abhängig macht.
Vielleicht betest du nur hin und wieder oder auch regelmäßig ein Vaterunser oder Luthers Morgen- und Abendsegen, einen Psalm oder, wenn du katholisch bist, den Rosenkranz. – Dein Gott lässt sich von deinen Gebeten sicher nur wenig beeindrucken, aber für dich, für die Gesundheit deiner Seele ist es gut, dich mit diesen guten alten Texten an Gott zu erinnern, an sein Nahesein und an seinen Willen für dein Leben. Du willst eigentlich nicht Gott beeinflussen, sondern dich selber.
Vielleicht ist Beten für dich überhaupt eher Meditation. Besinnung über ein gutes Wort, ein Bild, einen Gedanken, über dich selber. – Dein Gott ist eher das Symbol für unser inneres Leben, für die geistige Energie, die die Welt durchzieht. Mit diesem Gott kannst du nicht wirklich sprechen, aber du kannst dich von ihm durchströmen und beeinflussen lassen.
Vielleicht betest du nur in der Kirche mit. Neigst andächtig dein Haupt zu den frommen Worten, die der Pfarrer spricht. Beten ist ein religiöses Ritual. Dafür gibt es Fachleute, auf die verlässt du dich. – Und so ist es auch mit deinem Gott. Er ist ziemlich kompliziert. Aber Gott sei Dank, gibt es Fachleute für das theologische Wissen und die religiöse Praxis. Sie werden das schon richtig machen. Und wenn du einigermaßen anständig lebst, dann wird das mit Gott auch alles irgendwie in Ordnung gehen.
Vielleicht betest du gar nicht. Weil du das insgeheim ziemlich sinnlos findest. – Für dich gibt es gar keinen Gott. Er ist eine Illusion, ein Wunschgebilde, das sich die Menschen nach ihrem Bilde geschaffen haben. Mit Wunschgebilden redet man nicht. Man tut etwas dafür, damit die Wünsche wahr werden.
Vielleicht aber glaubst du sehr wohl an Gott, betest aber trotzdem nicht. – Denn du weißt: Gott ist allmächtig und allwissend, ewig und umfassend. Es wäre doch völlig absurd, diesen Gott mit unseren Wünschen und Bitten zu behelligen. Sollte der große Gott sich tatsächlich von uns kleinen Menschen irgendwas sagen oder vorschreiben lassen? – Nein, und deshalb ist Beten für dich sinnlos.

Die Israeliten in der Wüste haben auch gebetet. Sie haben gebetet wie nörglige kleine Kinder. Wenn Gefahr drohte – etwa von den Ägyptern, die sie verfolgten – dann haben sie zu Gott geschrien: „Hilfe, wir kommen um! Warum hast du uns ins Verderben geführt?“. Wenn sie nichts zu essen hatten, jammerten sie: „Warum lässt du uns in der Wüste umkommen!“ Als sie immer dasselbe zu essen hatten, murrten sie: „Dieses Manna hängt uns zum Hals raus!“, und immer so weiter. – Wenn dann alles wieder gut war, haben sie Gottesdienste gefeiert und Loblieder gesungen – aber das hielt nie lange an. Ihr Gott war immer nur für die kleinen und großen Notlagen da; dass Gott sie mit Geduld einen weiten Weg führte – aus der Sklaverei durch die Wüste in die Freiheit –, das sahen sie nicht.
Und weil sie mit diesem Gott unzufrieden waren, schufen sie sich eines Tages einen neuen Gott. Alle mussten ihren Goldschmuck abliefern und daraus wurde dann ein goldenes Stierbild, das berühmte Goldene Kalb, gegossen: Das ist dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Sie beteten es an. Sie tanzten, sie sangen, sie opferten.
Derweil ist Mose auf dem Berg und betet: redet mit Gott, von Mann zu Mann, von Mensch zu Gott. Gott ist zornig. Auf die Menschen, die goldene Stierbilder anbeten und nicht mehr ihn. Mose will ihn beschwichtigen, diskutiert, argumentiert, und am Ende beruhigt sich Gott tatsächlich, ändert seine Meinung, bereut, was er vorhatte…

Und wir? – Beten wir die sichtbare Macht an, einen irdischen, von Menschen geschaffenen Gott, in den wir unsere Wünsche und Bedürfnisse hineinprojizieren: dass einer mächtig gewaltig führt und versorgt und schützt, wenn wir ihm nur opfern – ist das unser Gott, den wir anbeten?
Oder beten wir zu einem Gott, der schlecht gelaunt auf seinem Berg oder auf seiner Wolke sitzt und sich von Menschen ins Gewissen reden lässt, bis er seine Meinung ändert und sie dann doch nicht für ihre Sünden bestraft?
Oder stehen wir da drüber und haben diese alten Gottesbilder hinter uns gelassen, ja, haben uns das Beten vielleicht schon ganz abgewöhnt und das Gottvertrauen unter der Hand auch?
Wie wäre es, wenn wir die alte biblische Geschichte von Gott, der mit dem Menschen spricht, von Gott, der seine Meinung ändert, versuchen neu zu verstehen?
Vielleicht so: Gott ist lebendig und nicht tot. Lebendig, das heißt: beweglich, veränderlich, flexibel. Er agiert und reagiert. Er lässt sich auf uns Menschen ein. Er nimmt uns ernst, berücksichtigt unsere Wünsche und Bedürfnisse und macht dann doch ganz in seinem  Sinne alles gut.
Vielleicht so: Gott hat viele Gesichter. Das Gesicht des gerechten Gottes, der zornig wird, wenn Menschen falsch und dumm und ungerecht handeln. Und auch das Gesicht des gnädigen und barmherzigen Gottes, dem es das Herz zerreißt, wenn er das Recht mit Gewalt durchsetzen muss.
Vielleicht so: Gott geht auf uns Menschen ein, und geht auf uns Menschen zu. Weil er möchte, dass er gehört und verstanden wird. Darum gibt er sich als Gesprächspartner, als Gegenüber, als Vater und als Freund. Ja, er wird selber Mensch – in Jesus Christus.
Und deshalb beten wir:
Weil Gott auf uns zugeht, gehen wir auf ihn zu. Weil Gott auf uns eingeht, gehen wir auf ihn ein. Weil Gott mit uns spricht, sprechen wir mit ihm.
Weil Gott gerecht ist, bitten wir ihn um Gerechtigkeit für uns und alle, die Unrecht leiden. Weil Gott gnädig ist, bitten wir ihn um Geduld mit uns.
Weil Gott unsere Wünsche und Bedürfnisse ernst nimmt, sagen wir sie ihm. Und weil Gott lebendig ist, hoffen wir, dass er uns auf unser Beten hin Lebenszeichen gibt. So dass wir merken: Er hat unser Beten erhört.

Das perfekte Beten gibt es nicht. Es gibt die verschiedensten Formen des Betens.
Denn das perfekte Gottesbild gibt es auch nicht. Wie auch immer du dir Gott vorstellst: Er ist immer noch größer und anders, als du denkst.
Aber sei gewiss: Gott lässt mit sich reden. Deshalb, in welcher Form auch immer: Hör nicht auf zu beten!