Sonntag, 18. Mai 2014

Predigt am 18. Mai 2014 (Sonntag Kantate)

Ich sah, und es war wie ein gläsernes Meer, mit Feuer vermengt; und die den Sieg behalten hatten über das Tier und seine Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden.“
Offenbarung 15, 2-4


Liebe Schwestern und Brüder,
so was Ähnliches habe ich doch gerade im Fernsehen gesehen, dachte ich, als ich am Montag den Predigttext für den heutigen Sonntag: Viele Leute mit Instrumenten und Gesang. Und eine Bühne, die aussah wie ein gläsernes Meer mit Feuer vermengt: Feuer, Wasser, Eis, Lichteffekte aller Art. Die quadratische Grundform würfelförmig in die dritte Dimension gehoben erinnerte auch an die Offenbarung: das neue Jerusalem: Die Länge und die Breite und die Höhe der Stadt sind gleich, heißt es da (Offb 21,16). Und dann gab es sogar eine Christusgestalt: Bart, lange Haare und ein langes glänzendes Gewand. Die Arme ausgestreckt wie die Erlöserstatue von Rio, so ging sein Bild durch die Medien. Und gesungen hat er ein Lied von der Auferstehung: Rise Like A Phoenix. – Jubelnde Massen. Ein neuer Star. Ein neuer Messias: Conchita Wurst!
Und wie das bei Messiassen so ist: ob du dafür bist oder dagegen, das ist eine Bekenntnisfrage. Auf einmal geht es nicht mehr um Musik und Show und um Geschmack – ich persönlich finde ja einen Mann, der sich als Frau mit Bart verkleidet, eher geschmacklos –, nein es geht um das Bekenntnis zu Freiheit und Toleranz, es geht um die richtige Gesinnung. Und dann ist eben überhaupt nicht wurst, ob du diese Inszenierung gut oder schlecht findest. Ein Kollege von mir ging sogar so weit, Conchita Wurst mit einer wichtigen Stelle im Galaterbrief in Verbindung zu bringen, wo es heißt: Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus. – Ich kann mir nicht ernsthaft vorstellen, dass Paulus, als er das geschrieben hat, an Leute gedacht hat, die selber nicht wissen, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Vielmehr denke ich an die Schöpfungsgeschichte, wo es nach wie vor heißt: und schuf sie als Mann und Frau (Gen 1,27). Und dabei ist nicht gemeint: beides in einem, sondern beides getrennt. Entweder oder. Sicher gibt es Unglücksfälle der Natur, wo das alles nicht so einfach ist; aber das zum neuen Ideal zu verklären, hat weder mit biblischem Schöpfungs- noch mit christlichem Erlösungsglauben zu tun. Nein, richtig ist: Gott hat dich als Mann oder als Frau geschaffen oder vielleicht im Einzelfall sogar als Mann, der lieber Frau sein möchte, oder umgekehrt. Aber das ist letztlich wurst, wenn du an Christus glaubst.
An Christus. Er ist der Messias. Der Heiland. Der Retter. Er ist auferstanden. Wie Phoenix aus der Asche. Nur, dass er – anders als der mythische Vogel – nicht mehr sterben kann, sondern ewig lebt. Das ist unsere christliche Botschaft. Was du von einer androgynen Kunstfigur aus dem Showbusiness hältst, ist wurst. Wie du zu Jesus Christus stehst, das ist entscheidend.
Ja, aber es ist schon faszinierend, wie dieses Showbusiness auf uralte biblische Bilder zurückkommt. Vielleicht merken wir das gar nicht mehr. Vielleicht merken es auch die Produzenten des Showgeschäfts selber nicht. Aber sie erreichen – vielleicht auch dadurch – eine nahezu religiöse Faszination und Ergriffenheit.
Wir können das als Konkurrenz sehen, als Gefahr: Da tritt ein androgyner Möchtegern-Jesus in einer perfekten Show auf, steht wie der Auferstandene im Lichtglanz eines technischen Zauberhimmels. Die Welt, die davor war und danach ist, die Welt da draußen, die Welt, in der weiter gekämpft und gelitten und gestorben wird, sie ist verschwunden, da ist nur noch ein scheinbar unendlicher Raum aus Klang und Licht. So müssen es die Zuschauer dort in Kopenhagen erlebt haben, und so ist es für mich am Fernsehschirm rübergekommen. Wir können das als Konkurrenz sehen und Gefahr: Die holen unsere Bilder vom Himmel auf die Erde. Die schaffen quasireligiöse Erlebnisse, Ekstasen, von denen unsere Gottesdienste und Kirchentage Lichtjahre entfernt sind. Die küren sich ihren neuen Messias, und wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und gegen Toleranz und Vielfalt und Freiheit.
Wir können das aber auch als Hilfe und Stütze unseres Glaubens verstehen. Weil es endlich wieder attraktive Bilder vom Himmel gibt. Bilder, die den Expressionismus der Offenbarung aufnehmen, Bilder, die anders sind als unsere von Barock und Romantik geprägten Vorstellungen von Engeln und Heiligen, die harfeklimpernd durch die Wolken schweben; das ist ja nicht der Himmel, wo wir hin wollen. Vielleicht ist es auch nicht der Himmel des European Song Contest, wo wir hinwollen. Aber immerhin kann der uns sagen: Wenn wir hier auf Erden schon so eine gigantische Show auf die Beine stellen können, in der du vergisst, wo oben und unten ist und was Mann und Frau ist, wo sich Feuer, Wasser, Licht und Klang zu etwas nie Gesehenem vereinigen, was muss das erst im Himmel für eine Show sein! Wenn hier auf Erden schon ein künstlicher Transvestiten-Jesus die Anbetung der Völker auf sich zieht, wie muss das erst mit dem richtigen Jesus sein, der nicht von der Auferstehung nur singt, sondern von sich sagen kann: Ich war tot, und siehe, ich lebe (Offb 1,18)! – Was immer wir auch erschaffen und auf die Beine stellen – es ist immer nur ein schwacher Abglanz dessen, was im Himmel ist.
Der arme alte Johannes, der uns die Offenbarung in die Bibel geschrieben hat, hatte es sicher nicht einfach, diese überunaussprechlichen Dinge, die er da im Himmel gesehen hatte, in Worte und Bilder zu fassen. Er hat es versucht und geschrieben vom gläsernen Meer, mit Feuer vermengt, von Menschenmengen mit Gottesharfen, von Posaunenengeln und wundersamen Gestalten und von dem, der das Lamm ist, das gestorben ist, und zugleich der Löwe von Juda und der Menschensohn auf dem Thron Gottes. Um so beeindruckender ist es, wenn wir hier auf Erden plötzlich und unerwartet Bilder und Töne finden, in denen sich etwas davon zurückspiegelt, was einer vor fast 2000 Jahren in seinen Visionen vom Himmel gesehen hat!
Aber etwas von dem, was im Himmel ist, soll sich immer zurückspiegeln zu uns. Vor allem unsere Gottesdienste sollen etwas vom Himmel auf die Erde spiegeln. Sie können mit heutigen Bühnenshows nicht mehr mithalten. Aber es muss eine Zeit gegeben haben, wo die Menschen in der Kirche standen und die Welt da draußen vergaßen, weil sie sich schon im Himmel wähnten: Da ist der Glanz der Kerzen, Bilder und Figuren, leuchtende Kirchenfenster und manchmal auch eine Architektur, die die Herzen zum Himmel erhebt. In mancher Kathedrale, in manchem Festgottesdienst spüren wir noch etwas davon, auch wenn unsere Gottesdienste und Kirchen meistens weit davon entfernt sind. Dennoch auch hier bei uns hören und sehen wir manchmal – zumindest vor unserem inneren Auge – was Gott sagt und tut. Und wir antworten mit unseren Gebeten und Gesängen.
Ja, vor allem auch mit unseren Gesängen. Denn es gibt auf Erden nichts Himmlischeres als die Musik. Wo Menschen begeistert und ergriffen sind, wo sie sich dem Himmel nah fühlen, da beginnen sie zu singen und zu musizieren. Die größte Musik, die Menschen hervorgebracht haben, ist Kirchenmusik. In ihrem Ursprung ist jede Musik religiös. Und so lange auf Erden gesungen und musiziert wird, ist der Mensch für den Himmel nicht verloren.
Es gibt keinen Gottesdienst ohne Gesang. Wir singen, und wir singen vor allem von dem, was im Himmel ist. Gerade auch die Bilder aus der Offenbarung besingen wir, und die Worte aus der Offenbarung singen wir nach. Denn sie ist durchzogen von Lobpreisgesängen. So wie auch unser heutiger Text ein Lobpreisgesang ist: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! … In meiner Jugend ist mir auch mal eine Vertonung dieses Abschnittes begegnet als Lobpreischorus, auch wenn der nie populär geworden ist.
Im Himmel wird gesungen, und die Gemeinde Gottes auf Erden ist ebenfalls singende Gemeinde, denn sie hat schon gehört und gesehen oder zumindest erahnt, was im Himmel ist, und in ihrem Hören, Singen und Beten spiegelt sie den Himmel auf die Erde.
Und nach dem Feiern kommt der Alltag. Da klingen die Gesänge in uns weiter. Und in unseren Worten und Taten spiegelt sich etwas von dem, was wir vom Himmel gesehen und gehört haben. Es hat den Namen Liebe. So wie die Musik etwas Himmlisches ist, so ist die Liebe etwas Himmlisches. Wo Menschen singen und wo Menschen lieben – da erscheint etwas vom Himmel auf der Erde.
Ja, menschliche Musik ist unvollkommen, und menschliche Liebe ist unvollkommen. Menschliche Musik und menschliche Liebe kann sogar völlig pervertiert sein. Und trotzdem spüren wir darin noch das große himmlische Ideal der perfekten Harmonie.
Die Bilder vom Himmel, vom gläsernen Meer und den Menschen mit Harfen, vom Lamm auf dem Thron und von der ewigen Stadt, das sind Bilder der vollkommene Gotteswelt. Und die soll sich in unsere irdische Welt hineinspiegeln, hineinprojizieren – damit man hier auf Erden schon was vom Himmel ahnt – und das nicht in irgendwelchen Shows, sondern im Leben der christlichen Gemeinde. Wenn wir mit Kerzen in Kirchen, mit Singen und Beten damit anfangen, ist es gut. Wenn sich auch in unserem Alltag Gottes Liebe spiegelt, dann ist es noch besser. Und wenn wir uns dabei auf den Himmel freuen, dann ist es perfekt.