Sonntag, 31. März 2013

Predigt am 31. März 2013 (Ostersonntag)

Maria Magdalena stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie an das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. Und die sprachen: „Frau, was weinst du?“ Sie sprach zu ihnen: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.“ Spricht Jesus zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: „Rabbuni!“, das heißt: „Meister!“
Spricht Jesus zu ihr: „Halte mich nicht fest! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“
Johannes 20, 11-18



Liebe Festgemeinde,

„Oma, warum weinst du?“ Die schlichte Frage der Enkel konnte sie nicht so einfach beantworten. Wir hätten es wohl damals auch noch nicht verstehen. Unsere Oma war doch eine fröhliche und tatkräftige Frau. Wir waren gerne bei ihr. Aber manchmal, da kamen ihr die Tränen und wir wussten nicht warum. Ja, da gab es ein paar alte Fotos mit einem jungen Mann in Uniform. Das war ihr Mann gewesen, unser Opa, Hans. Der war nicht zurückgekehrt aus dem Krieg, das wussten wir. Aber der Krieg, der lag ja nun schon unvorstellbar weit zurück. Über zwanzig Jahre, was für eine endlos lange Zeit, dachten wir. Wir hatten noch keine Vorstellung, wie kurz diese Zeit in Wahrheit ist. Und wir hatten keine Ahnung, wie lang sie war für unsere Oma, die immer wieder gehofft hatte, dass er doch noch zurückkehren könnte aus Russland, aus der Gefangenschaft. Wie oft mag sie gedacht haben: Da ist er. Wie oft mag sie von ihm geträumt haben. Wie mag sie sich nach ihm gesehnt haben in jenen Jahren, als sie sich allein mit zwei Kindern durchschlagen musste. Später hörten wir es manchmal von ihr: „Sie haben mir meinen Hans genommen.“ – Es gab kein Grab, keinen Ort, kein Datum. Nur Bilder, Erinnerungen und zwei Kinder.

Als sie vor etlichen Jahren gestorben ist, war das immer noch – oder wieder – ihre Hoffnung und ihre Sehnsucht, sie könnte ihren Hans wiedersehen.

Auferstehungshoffnung ganz persönlich. Weil ihr das Leben abgebrochen war, weil ihr der genommen war, den sie liebte, weil ihr Glück zerstört war. Auferstehungshoffnung gewiss auch im Leben, das weiter gegangen ist und weiter geht in ihren Kindern, Enkeln, Urenkeln – für mich immer noch beglückend, dass meine Tochter genau an ihrem achtzigsten Geburstag zur Welt gekommen ist. Auferstehungshoffnung vor allem aber auch im schlichten Glauben an ein Wiedersehen: Oma Friedel und Opa Hans vereint in der Ewigkeit.


Die Geschichte von Ostern, die Geschichte von der Auferstehung ist eine ganz große, eine weltbewegende Geschichte. So wie wir es auch gesungen haben: Die alte Schlange, Sünd und Tod, die Höll, all Jammern, Angst und Not hat überwunden Jesus Christ, der heut vom Tod erstanden ist. Ostern ist der Sieg über alle Todesmächte.

Aber die Geschichte von Ostern ist eben auch eine ganz leise, ganz persönliche Geschichte. Nein, genau genommen viele ganz persönliche Geschichten. So wie gerade der Evangelist Johannes sie erzählt: Die Geschichte von Thomas, der nicht glauben kann. Die Geschichte von Petrus, der einen neuen Auftrag erhält. Und die Geschichte von Maria Magdalena, die als erste dem auferstandenen Herrn begegnet.

„Frau, warum weinst du?“ – „Sie haben ihn mir weggenommen.“ Nicht nur getötet haben sie ihn. Jetzt ist auch noch sein Leichnam verschwunden. Sie ist dorthin gegangen, wo sie seinen Leib bestattet hatten. So wie Menschen zu allen Zeiten immer wieder den Ort besucht haben, wo man ihre Liebsten der Erde zurückgegeben hatte. Und dann ist da nichts mehr. Nur Leere. Und die Frage: „Warum weinst du?“ Zweimal.

Und ihre Antwort: „Sie haben ihn mir weggenommen.“ Beim zweiten Mal gar: „Hast du ihn mir weggenommen?“ – Ich will ihn wiederhaben. Ich kann mich nicht abfinden mit der Endgültigkeit des Abschieds: „Gebt mir meinen Jesum wieder!“

Die Tränen verschleiern den Blick für das Neue, den Blick für das Rettende, den Blick für das Göttliche. Da können Engel vom Himmel kommen, aber Maria nimmt sie gar nicht als Gottesboten wahr. Da kann Jesus selber neben ihr stehen, und sie erkennt ihn nicht. – Das sollte man wissen: Es kann eine Trauer geben oder eine Phase der Trauer, in der kein Trost den Trauernden erreicht, ob wir mit Menschen- oder mit Engelzungen redeten.

Aber dann ist da das entscheidende Wort: Mirjam, ihr Name, gesprochen so, wie nur er ihn ausgesprochen hat. – Fürchte dich nicht! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. – Darin ist Erkennen und Erkanntwerden. Keine Zeit zu überlegen: Kann das überhaupt sein? Es ist. Er ist. Und sie spricht ihn an, wie nur er angesprochen wurde: RabbuniMeister.

Das Unmögliche ist wahr. Der ihr weggenommen wurde, ist ihr wiedergegeben. Aber doch nur für einen Augenblick aus der Ewigkeit: „Halte mich nicht fest!“

Der Auferstandene begegnet Menschen in einzelnen, entscheidenden Augenblicken. Es sind diese Augenblicke aus der Ewigkeit, die alles verändern. Maria weint nicht mehr, sondern sie wird froh und verkündet, was, nein, wer ihr begegnet ist: „Ich habe den Herrn gesehen.“


Ostern, das sind für uns, das sind für mich diese Augenblicke, in denen alles klar und gewiss wird. Augenblicke aus der Ewigkeit, in denen mir der Schleier von den Augen genommen ist, gerade auch der Tränenschleier, in denen ER mich bei meinem Namen ruft, und ich weiß, dass ich sein bin.

Ostern, das sind diese Hoffnungsmomente, wo das Leben siegt, indem es weitergeht: Ein Kind wird geboren. Ein Kranker wird geheilt. Ein Sünder wird gerettet.

Und es sind diese Hoffnungsmomente, die über das hinausweisen, was wir wissen und kennen: Wir werden uns wiedersehen. Wir werden glücklich sein. Wir werden leben.

Manchmal stehe ich an einem Grab und denke: Was ist das für ein Wahnsinn, dass ich Menschen einfach so die Auferstehung der Toten verspreche! Und manchmal denke ich: Was ist das für ein Privileg, dass ich Menschen die Auferstehung der Toten versprechen darf! Das ist dann so ein Hoffnungsmoment. Da ist der Auferstandene da, ganz klar und gewiss. Ich nenne ihm den Namen des Verstorbenen, und ich weiß, dass er ihn selber beim Namen ruft: Ich habe dich erlöst! Du bist mein!

Und ich hoffe und bete, dass die, die da am Grab stehen, durch den Schleier ihrer Trauer und ihrer Tränen hindurch ebenfalls den auferstandenen Herrn sehen können und hören, wie Er sie beim Namen ruft.