Sonntag, 17. März 2013

Predigt am 17. März 2013 (Sonntag Judika)

Die Hohenpriester und die Pharisäer versammelten den Hohen Rat und sprachen: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: „Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“ Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk, und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.
Johannes 11, 47-53


Liebe Schwestern und Brüder,

„Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz bauen, und wenn wir uns zu einem Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir keine Jünger des Herrn.“


Das sind Worte des neuen Papstes Franziskus, gesprochen bei der Messe mit den Kardinälen am vergangenen Donnerstag. Es sind Worte, die mich bewegen, weil sie ganz nahe bei dem sind, was ich als evangelischer Christ, als Lutheraner, glaube. Auch Martin Luther hat davon gesprochen, dass das Kreuz Kennzeichen der christlichen Kirche sei.

Heute gibt’s auch protestantische Theologen, die erklären, sie brauchten den Kreuzestod Jesu nicht. Es sei kein Ausdruck von Liebe, dass Gott den unschuldigen Jesus in diesen grauenvollen Tod am Kreuz hineinschickte.*


Das gibt mir zu denken: Ich stehe offenbar dem Papst näher als manchem Vertreter unserer evangelischen Kirche. – Nur dass wir nicht mehr evangelische Kirche sind, Kirche des Evangeliums, wenn wir das Kreuz Jesu herausschneiden.


Aber es ist ja schon auch eine berechtigte Frage: Musste das sein? Und warum musste das sein? Dass Jesus den grauenvollen Tod am Kreuz gestorben ist?


Die Antwort, vielleicht nicht die ganze, vielleicht nicht die voll verständliche Antwort, aber eben doch eine Antwort gibt unser Predigttext mit den Worten des Hohenpriesters Kaiphas: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.


Also: Diejenigen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben, die haben sich schon etwas dabei gedacht. Es musste sein, um des Volkes willen, um des Glaubens willen und um des Friedens willen.


Sie sehen: Da ist einer, der als Prophet, nein, mehr noch: als Messias auftritt, der nicht nur große Reden schwingt, sondern auch große Zeichen tut. Zuletzt wird ihnen glaubhaft zugetragen, er habe einen Toten, der schon vier Tage im Grab gelegen hatte, wieder auferweckt. Und immer mehr Menschen glauben an ihn, folgen ihm, jubeln ihm zu. Und die Römer fürchten die jüdischen Messiasse und Glaubensfanatiker. Wenn es zu einem Aufstand käme, dann würden sie militärisch zuschlagen, vielleicht sogar den Tempel, das Allerheiligste verwüsten, den von Gott gebotenen Opferdienst abschaffen, die jüdische Selbstverwaltung in Fragen des Glaubens und des Tempels abschaffen. – Das alles hatte es schon gegeben in den letzten Jahrhunderten. Und man war froh und dankbar, dass der status quo wenigstens so war, wie er war. Es gab sicher wünschenswertere Zustände, als als römische Provinz zu existieren. Aber immerhin hieß diese Provinz noch Judäa, und es gab den Tempel und Priester und Opfer, und alles lief einigermaßen nach den biblischen Vorschriften. Man war den Römern steuerpflichtig, das einfache Volk lebte zum Teil in großer Armut, aber es herrschte Frieden, die Pax Romana, gesichert von den römischen Legionen.


Also: Das alles darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Im Interesse des Volkes, im Interesse des Glaubens, im Interesse des Friedens.


Wir sollten uns den Hohen Rat mit seinen Priestern und Ratsherren nicht als mafiöse und machtgierige Clique vorstellen, sondern als verantwortlich denkende und handelnde Politiker. Und zu verantwortlicher Politik gehört es manchmal auch, sich die Finger schmutzig zu machen. Sich für das kleinere Übel zu entscheiden. Und um der inneren und äußeren Sicherheit willen im schlimmsten Fall auch mal einen Feind zu eliminieren oder einen Unschuldigen über die Klinge springen zu lassen.


Kaiphas ist erfahren und abgebrüht genug, um das so zu sehen und zu sagen. Und ich möchte ihm – entgegen allen Klischees – keinen Vorwurf daraus machen. Er denkt und handelt verantwortungsbewusst. Vielleicht handelt er sogar aus Liebe zu seinem Volk und zu seinem Gott. – Und darum musste Jesus sterben.


Auf jeden Fall handelt er verantwortungsbewusster als der Provinzgouverneur Pilatus, der wider bessere Einsicht Jesus zum Tode verurteilt. Pilatus hat kein Interesse und keine Sympathie für die Bewohner seiner Provinz; er will nur seinen eigenen Hintern retten. Kaiphas wollte sein Volk vor größerem Unheil bewahren. Das ehrt ihn; auch wenn er damit Jesus verkannt hat.


Aber die Medaille hat ja noch eine andere Seite. Gottes Plan, den Kaiphas unwissend, aber wie Johannes schreibt, doch prophetisch ausspricht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. Jesus stirbt für sein Volk und für die Menschen aus jedem Volk, damit sie nicht verderben. Jesus Christus ist für uns gestorben. Das war Gottes Plan.


Aber da sind wir wieder bei den Einwänden der modernen Theologen und auch Nicht-Theologen, die sagen: „Ich brauche diesen Tod nicht.“* Und: Mein Gott hätte niemals seinen Sohn geopfert.


Ja, ich kann das verstehen. Das ist eine erschreckende Vorstellung: Da muss einer leiden und sterben meinetwegen. Ich will das nicht. Ich will ohne sein Opfer, in eigener Verantwortung vor Gott treten. Warum soll das nicht gehen?


Aber ich höre Gottes Antwort: Es geht nicht. Was weißt du, Mensch, wie schlimm es zwischen dir und mir steht? Was weißt du wirklich über den unendlich-ewigen Abgrund zwischen Gott und Mensch, zwischen dir und mir? Und was weißt du über den unendlich-ewigen Abgrund meiner Liebe?


Und das, das ist dann letztlich der Schlüssel für mich, um etwas vom Sinn des Kreuzes zu verstehen und es für mich anzunehmen: Hier zeigt sich der Abgrund von Gottes Liebe.


Diese Liebe ist so tief, dass sie vor nichts zurückschreckt. Gott sagt nicht: Ich tue dies und das und jenes für dich, weil ich dich liebe. Ich segne dich. Ich schenke dir Gesundheit und Erfolg und langes Leben. Ich passe auf dich auf. Ich tröste dich, wenn’s nicht so läuft. Ich bin immer da, wenn du mich brauchst. Usw. usf. – Wisst ihr: Das ist der Gott, wie wir Menschen ihn uns wünschen und uns in unserer religiösen Fantasie auch selber erschaffen können. Gott sagt etwas anderes. Er sagt: Ich liebe dich mit meinem Leben. Ich will für dich sterben. Meine Liebe kennt keine Grenze, nicht mal die Grenze des Todes.


Wir kennen die Beispiele, wie Menschen im Extremfall ihr Leben hingeben, um einen geliebten Menschen zu retten, und sie berühren uns. Wie im Titanic-Film. Oder wie in Wirklichkeit: etwa jene Lehrerin, die sich beim Schulmassaker vor ihre Schüler gestellt hat. Eltern würden fast immer ihr Leben für ihre Kinder geben.


Es gibt keine Liebe ohne Opfer. Und es gibt keine größere Liebe als die, die sich selbst aufopfert. So groß ist Gottes Liebe. Er opfert sich selber auf.


Und da sind wir beim Geheimnis Jesu Christi. Gott lässt eben nicht irgendeinen Menschen über die Klinge springen, sondern er wird selbst Mensch in Jesus Christus und stirbt für uns, damit wir nicht verderben.
So sehr liebe ich dich, Mensch, und dich … und dich …, sagt Gott. Du kannst das gar nicht erfassen. Und du kannst diese Liebe auch nicht erwidern. Aber du kannst sie dankbar annehmen, damit mein Tod für dich nicht vergeblich war.


Das Kreuz, liebe Schwestern und Brüder, das Kreuz Jesu Christi – und auch unser Kreuz, das wir auf uns nehmen und ihm nachtragen – das ist das Kennzeichen der Kirche.


„Wenn wir ohne das Kreuz gehen, wenn wir ohne das Kreuz bauen, und wenn wir uns zu einem Christus ohne Kreuz bekennen, sind wir keine Jünger des Herrn.“



*Klaus Peter Jörns in ideaSpektrum 9/2013, S. 21