Freitag, 29. März 2013

Predigt am 29. März 2013 (Karfreitag)

Als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie Jesus Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekeruzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und beachten ihn. Und oben über seinem Haupt setzten sie ein Aufschrift mit der Ursache seines Todes: „Dies ist Jesus, der Juden König.“
Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: „Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“ Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: „Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: ‚Ich bin Gottes Sohn.‘“ Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: „Eli, Eli, lama asabtani?“, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: „Der ruft nach Elia.“ Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: „Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“ Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und, die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und, was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“
Matthäus 27, 33-54



Liebe Schwestern und Brüder,

die Schilderung der Kreuzigung Jesu ist eine Zumutung. Nein, sie wäre eine Zumutung, wenn wir uns nicht schon längst daran gewöhnt hätten. Wir haben sie von Kindheit an immer wieder gehört – in den unterschiedlichen Fassungen der verschiedenen Evangelien. Wir haben sie vielleicht sogar mit Klängen aus Bachs Matthäuspassion verbunden oder aus anderen Passionsmusiken: Aus dem Kreuzestod Jesu ist Hochkultur geworden. Wir haben ihn in Filmen gesehen und in Passionsspielen; heute Nachmittag wird sie einmal mehr in Adeje dargestellt, aufgeführt. Es ist ein Schauspiel, vielleicht ergreifend. Aber nach der Vorstellung steigt Jesus vom Kreuz, schminkt sich das falsche Blut ab und geht nach Hause. Die Musiker packen ihre Instrumente ein, wenn die Passionsmusik vorbei ist, und im Publikum versichert man sich gegenseitig, wieder einer großartigen Aufführung beigewohnt zu haben. Das Leben geht weiter.

Wir haben uns schon längst dran gewöhnt. In unseren Kirchen hängt das Kruzifix, mancherorts stehen Kreuze an Wegrändern und hängen an den Wänden von Klassenzimmern und Gerichtssälen. Freilich, immer weniger. Weil es manche gibt, für die das Kreuz doch tatsächlich noch ein Ärgernis und eine Zumutung ist und nicht nur ein Kulturgut.

Wir haben uns dran gewöhnt, dass gequält, gefoltert, gemordet und gestorben wird. Heute geschieht das meistens fiktiv, in Krimis, in Filmen, im Fernsehen; wir schalten aus, und sind wieder in unserer friedlichen Wirklichkeit. Zwischen den fiktiven Toden begegnen wir aber auch den realen. In den Nachrichten. Aus Syrien, Mali, Nigeria oder Ägypten. Die Verfolgung, das Quälen und Töten von Menschen um ihres Glaubens, namentlich ihres christlichen Glaubens willen, nimmt weltweit zu.

Das alles begegnet uns im Passiv: „... wurden getötet“, „... ereignete sich ein Anschlag“, „... forderte Opfer“. Es geschieht, wie Naturkatastrophen. Und doch sind da Menschen, die es tun: foltern, töten, Menschen opfern.

Wir nicht, Gott sei Dank! Wir sind zivilisiert. – Wirklich? Mit der Filmdokumentation „Unsere Mütter, unsere Väter“ in der vergangenen Woche und den Diskussionen darum, ist vielleicht einmal mehr sichtbar geworden, wie dünn die Decke der Zivilisation war, damals. Wie die Bereitschaft zum unmenschlichen Quälen und Töten wachsen kann, auch bei Menschen, die in ihrem Alltag ganz friedlich und freundlich waren. Vielleicht unter dem Druck der Verhältnisse und der Angst ums eigene Leben. Vielleicht unter dem Einfluss von Indoktrination und Gehirnwäsche, nach der man dann glaubt, manche Menschen, Juden, Bolschewisten, Volksschädlinge, müssten einfach eliminiert werden. – Damals.

Und heute? – Sind wir so andere Menschen als unsere Mütter, unsere Väter damals? Oder als die Mörder von heute? Wie weit reicht unsere Empathie, unser Mitgefühl? Wie weit reicht unser Mut, wenn es um die Würde des Menschen geht? – Bis zur Aus-Taste auf der Fernbedienung?

Wir haben uns an vieles gewöhnt. So wie wir uns an die schlechten Nachrichten gewöhnt haben, und an das Kreuz in der Kirche.

Kreuzigungen, wie damals, als Jesus starb, sind auch nur Gewöhungssache. Die Soldaten machen ihren Job. Und die Schaulustigen haben ihr Wochenendvergnügen auf Golgatha. Die Welt hat schließlich kaum Notiz genommen von dieser Hinrichtung. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse davon, in den Briefen des Apostels Paulus, sind zwanzig Jahre später aufgeschrieben worden. Die römischen Behörden haben erst angefangen sich für den Fall Jesus Nazarenus Rex Judaeorum zu interessieren, als die Anhänger dieses Gekreuzigten Probleme machten, weil sie behaupteten er wäre auferstanden. – Die Kreuzigung Jesu? – Zuerst hat es keinen wirklich gejuckt. Fast keinen.

Ja, Jesus hat einen grausamen Tod erlitten damals. Aber andere vor ihm und nach ihm auch. Neben ihm sind andere genau so grausam gekreuzigt worden. Nach ihm sind andere bei lebendigem Leib den Löwen vorgeworfen worden, auf dem Rost gebraten oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden – und was der grausamen Todesarten mehr sind. Im Tod Jesu sehen wir nur bespielhaft die Grausamkeit, die Menschen Menschen zufügen. Und wir sehen, dass niemand entsetzt, erschüttert oder mutig genug war, das zu verhindern.

Wo Menschen Menschen das antun, was sie dem Gekreuzigten angetan haben, da geht es um mehr als um Schuld und Strafe. Da geht es darum, einen Menschen zu entwürdigen. Die Kreuzigungsszene führt uns vor Augen, wie Menschen einen Menschen erniedrigen, leiden lassen, und daran noch Spaß haben.

Jesus, König der Juden, so steht es über dem Gekreuzigten; die Römer haben es auf eine Tafel geschrieben. Es ist ein Spotttitel. Die Würde des Königs wird ihm gerade abgesprochen, indem man ihm eine Dornenkrone aufsetzt, ihm einen alten Purpurmantel überhängt und ihn dann nackt ans Kreuz erhöht. Er soll entwürdigt werden. Der da hängt und leidet und blutet, der ist alles, nur kein König. Das kann jeder sehen. Wäre er ein König, dann hinge er nicht hier. Seine Legionen, seine Untertanen würden kommen und ihn befreien. Aber er hat keine. Und so hängt er da und verendet jämmerlich.

Die Juden wissen es besser als die Römer: Er wollte nicht nur König sein, sondern Gottes Sohn. Das ist in ihren Augen noch viel absurder. Ein König kann im schlimmsten Fall gestürzt, weggeputscht, von einer Revolution überrollt werden. Das wäre tragisch, aber möglich. Gottes Sohn aber, der konnte nicht von seinen Feinden getötet werden. Dann war er nicht Gottes Sohn. Gott hätte sich zu ihm bekennen müssen, hätte gar seine himmlischen Heere und Heiligen, so wie den Elia zum Einsatz bringen müssen. – Aber nichts dergleichen geschah. Gott schwieg. Und wenn jemand bis dahin noch geglaubt hatte, der sei Gottes Sohn gewesen – jetzt gewiss nicht mehr.

Seine Gegner, die noch nie an ihn geglaubt hatten, atmen erleichtert auf und frohlocken. Seine Freunde ziehen sich erschüttert und enttäuscht zurück. Für sie ist alles vorbei.

Selbst für Jesus scheint es so zu sein – alles vorbei: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? – Hatte er selber noch bis zuletzt auf Gottes rettendes Eingreifen gehofft? Hatte er erwartet, dass Gott im letzten Moment seine Niederlage in einen Triumph verwandeln würde? Musste er diesen Zweifel, diese Enttäuschung – selbst Gott hat sich gegen mich gestellt – musste er diese Gottverlassenheit durchleiden? – Wir wissen es nicht wirklich. Im Lukas- und Johannesevangelium klingt es anders. Wir wissen nur, dass Gott mit seinem rettenden Eingreifen viel länger gewartet hat, als es von Menschen zu erwarten war. Jesus blieb nichts erspart: jedenfalls nicht Tod und Sterben.

Ja, man wollte ihm alle Würde nehmen. Die Würde eines Königs von Israel, die er so nie beansprucht hatte. Die Würde des Gottessohnes, an die zumindest seine engsten Anhänger glaubten. Und die Würde als Mensch. Und genau das versuchen sie bis heute immer wieder: Menschen entwürdigen.

Es ist ihnen nicht gelungen. So unwürdig es war, was sie mit ihm angestellt haben: die Würde konnten sie ihm nicht nehmen. Sie haben sich selber die Menschenwürde genommen. Ihr Tun, ihr Töten, ihr Spott, ihre Folter – das war unwürdig. Jesus hat seine Würde behalten. Auch wer entblößt, blutüberströmt, schmerzgebeutelt, schreiend und heulend leiden muss, ist Mensch, ganz und gar: menschen-würdig, würdig des Mitleids, würdig der Achtung, würdig auch noch als Sterbender und Verstorbener menschlich behandelt zu werden. Unwürdig ist es, einem Menschen das zu verweigern. Das Kreuz mit dem leidenden Christus – es ist das Zeichen der Menschenwürde. Seht es so!

Und vergesst nicht: Auch der leidende Mensch, auch der sterbende Mensch, auch der verlassene Mensch, der selber nichts mehr kann und nichts mehr will – auch er hat seine Würde! Keiner hat das Recht, sie ihm abzusprechen. – Ich sage das, weil man immer häufiger hört, dass leidend und ohnmächtig leben zu müssen, schwer behindert, ans Bett gefesselt, bewegungsunfähig, der Sprache nicht mehr mächtig, dass das nicht menschenwürdig sei, und dass es gerechtfertigt wäre, sich selbst oder einen anderen in einem solchen Zustand das Leben zu nehmen. Nein, gerade das widerspricht der Menschenwürde! Vielleicht gehört es dort am allermeisten hin, das Kruzifix, über die Krankenbetten, dass wir die Würde der Leidenden nicht vergessen.

Gott sei Dank gibt es sie doch, die Menschen, die die Würde des Leidenden sehen. Bei der Kreuzigung Jesu ist es ausgerechnet der Hauptmann des Hinrichtungskommandos, der erschüttert feststellt, was die anderen gerade nicht erkennen konnten: Fürwahr, dieser ist ein rechtschaffener Mensch gewesen. – So ist es beim Evangelisten Lukas überliefert (Lukas 23, 47), und das wäre schon eine großartige Einsicht: Hier wird zu Unrecht ein Gerechter hingerichtet. Aber wir haben heute Matthäus gelesen, und da heißt es sogar: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. – Obwohl er sterben musste: Gottes Sohn – die höchste Würde, die von einem Menschen ausgesagt werden kann! Sein Tod hat es am Ende nicht widerlegt, sondern sogar bestätigt – wenigstens für einige, die offene Augen und offene Herzen hatten: Dieser ist Gottes Sohn gewesen.

Wieso gerade dieser Hauptmann? Wie kommt er dazu? – Offenbar ist er ein Mann, der sich in seinem grausamen Beruf noch einen Rest an Gewissen bewahrt hat. Er ist wohl zutiefst erschüttert, als er feststellt, dass er hier einen Gerechten zu Tode gebracht hat. Er war Teil des Unrechtssystems, auch wenn er nur ein Rädchen im Getriebe war.

Aber mir scheint es: Mit dieser Einsicht, mit der Einsicht, dass er unrecht und menschenunwürdig gehandelt hat, hat er zu seiner Würde zurückgefunden. Er ist der erste Mensch, der unter dem Kreuz seine Schuld eingesteht und Christus bekennt. – Menschen, die ihre Schuld eingestehen, gewinnen ihre Würde zurück.
Denn dazu ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen: um der Würde des Menschen willen. Um derer willen, die schuldig oder unschuldig leiden, so wie er. Und um derer willen, die schuldig werden, indem sie leiden lassen. Denen, die leiden, und denen, die leiden lassen, will er ihre Würde, ihre Menschlichkeit zurückgeben.

Ja, das Kreuz Jesu ist eine Zumutung. Sie mutet es uns zu, die Würde des Menschen, ja die Würde Gottes dort zu erkennen, wo es am unwürdigsten zugeht: im Leiden, im Sterben, in der Gottverlassenheit. Gerade dort ist der Mensch Mensch, und gerade dort ist Gott Gott.