Sonntag, 30. Oktober 2011

Predigt zum Reformationsgedenken am Sonntag, dem 30. Oktober 2011


Jesus sprach zu seinen Jüngern: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.
Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid viel besser als viele Sperlinge.
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.
Matthäus 10,26-33


Liebe Schwestern und Brüder,

als Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen an der Schlosstür von Wittenberg aushängte, hatte er nicht das Gefühl, etwas besonders Mutiges zu tun. Ja, er fand die Praxis des Ablasshandels und der kirchlichen Buße seiner Zeit falsch; er wollte auf Grundlage der Bibel und der kirchlichen Tradition darauf hinweisen und darüber wissenschaftlich disputieren – das war der Zweck seiner Thesen. Was daraus innerhalb weniger Monate wurde, eine Bewegung zur Erneuerung der Kirche, an deren Spitze er selber marschieren würde, das ahnte er nicht.

Als Martin Luther drei Jahre später, am 10. Dezember 1520 die päpstliche Bannandrohungsbulle und die Bücher des kirchlichen Rechts öffentlich verbrannte, wusste er, dass er sein Leben riskierte. Er tat es trotzdem um der Wahrheit des Evangeliums willen. Er widersprach der Anmaßung des Papstes, über dem Wort Gottes in der Bibel zu stehen. Er tat das im Bewusstsein, dass er als getaufter Christ, als Lehrer der Heiligen Schrift und als berufener Prediger verpflichtet war, für die Wahrheit Jesu Christi und gegen die Verfälschung seiner Botschaft zu kämpfen. Ihm stand der Tod auf dem Scheiterhaufen vor Augen; aber sein Glaube, sein Gottvertrauen war stärker als seine Angst.

Als Martin Luther vier Monate später, am 18. April 1521 auf dem Reichstag zu Worms vor dem Kaiser stand und bekannte, dass er nichts zu widerrufen habe, weil sein Gewissen im Wort Gottes gefangen sei, da wusste er nicht mal, ob er den Saal auf freiem Fuße wieder verlassen würde. Aber ob er das legendäre „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ wörtlich gesagt hat oder nicht, das war seine Haltung, seine Gewissheit: Gegen Gottes Wort und gegen sein Gewissen handeln, das war ihm nicht möglich. Das hätte ihn mehr als Leib und Leben gekostet, es hätte ihn das Seelenheil kosten können.

Martin Luther kannte es gut, das Wort aus unserem Predigttext: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Im Gedenken an Luthers Standhaftigkeit und Bekennermut ist dieses Wort zum Predigttext für den Reformationstag gemacht worden.

Luther hat Großes und Entscheidendes getan, damit die evangelische Wahrheit, die Wahrheit des Evangeliums wieder ans Licht kam und am Licht blieb. Aber Luther ist letztlich doch nur einer unter sehr vielen Bekennern des Glaubens.

Vor wenigen Wochen ging die Geschichte von Yousef Nadarkhani durch die Medien. Er wurde im Iran zum Tode verurteilt, weil er, obwohl als Moslem geboren, schon vor Jahren Christ geworden war und sich nun dafür eingesetzt hatte, dass seine und andere christliche Kinder nicht am islamischen Religionsunterricht teilnehmen müssen. Er war der Pastor einer christlichen Hausgemeinde. Jetzt soll – nach internationalen Protesten – sein Fall neu verhandelt werden. Wie groß die Chancen sind, dass das Todesurteil aufgehoben wird, kann keiner sagen. Dabei könnte er ganz einfach frei kommen: er müsste nur dem christlichen Glauben abschwören und sich wieder als Moslem bekennen. – Er wird es nicht tun, denn es geht um die Wahrheit des Evangeliums, es geht um den Glauben an Jesus Christus, es geht um das Seelenheil.

Solche Geschichten, von Menschen, die um ihres Christseins willen zum Tode verurteilt wurden und nichts weiter hätten tun müssen, als dem Glauben abzuschwören, solche Geschichten haben wir früher als Überlieferungen aus ferner Zeit gehört, aus den ersten drei Jahrhunderten der christlichen Kirche im römischen Reich. – Solche Geschichten ereignen sich heute wieder, und sie ereignen sich sogar tausende Male häufiger als je zuvor. Noch nie hat es so massive Christenverfolgungen gegeben wie in den letzten Jahrzehnten.

Heute sind es vor allem islamische Länder, wo der christliche Glaube einen hohen Preis haben kann – vor allem, wenn Moslems zum Christentum übertreten. Wir sehen es aber auch – zuletzt verstärkt in Ägypten, aber seit längerem auch im Irak –, wie alte christliche Minderheiten benachteiligt, verfolgt und vertrieben werden.

Und dann ist da noch Nordkorea, der vielleicht brutalste und unmenschlichste Staat der Welt, der seit vielen Jahren an erster Stelle steht bei der Unterdrückung und Verfolgung von Christen. Dort wird jeder, von dem bekannt wird, dass er Christ ist, ins Arbeitslager gesteckt und seine Angehörigen oft gleich noch mit. Aus diesen Lagern kommt kaum einer lebend wieder heraus. Zehntausende leiden dort für ihren Glauben.
Sie können sich bei der Organisation Open Doors weiter darüber informieren.

Mir ist es wichtig, dieses Thema – Christenverfolgung – immer mal wieder auf die Tagesordnung zu setzen. In einer Zeit und in einer Kultur, wo es sich gehört, dass man anderen Religionen und Kulturen mit Toleranz und Achtung begegnet, ist es leider üblich geworden, auch Intoleranz, ja Menschenverachtung, bei anderen zu tolerieren. Nach dem Motto: Was müssen die auch Christen werden, wenn sie in einem islamischen Land leben! Und dann vielleicht noch so Evangelikale, wie doof!

Ich sage euch, warum die Christen werden müssen: Weil Jesus seine Jünger losgeschickt hat zu allen Völkern, um sie alle zu Christen zu machen. Wie eine von uns so gerne sagt: „Irgendwann kriegen wir euch alle!“ Und da hat es eben geklappt.

Erstaunlich genug: In einer Gesellschaft, wo es nichts kostet, sich zu Jesus Christus zu bekennen, da treten die Leute aus der Kirche aus oder sind so tolerant, dass es ihnen egal ist, woran jemand glaubt – Hauptsache nicht so christlich-fundamentalistisch. Anderswo, wo Christsein einen hohen Preis kostet, vielleicht sogar das Leben, da werden Menschen zu Christen, da treten sie in die Gemeinden ein! Und wir, wir kümmern uns kaum um sie …

Und übrigens: Wenn Menschen um ihres Glaubens an Jesu willen verfolgt werden, dann diskutiere ich nicht darüber, ob ihr Glaubensverständnis auch das meine ist und ob sie vielleicht zu fromm, zu unkritisch, zu modern oder zu traditionell sind, ob sie Evangelikale sind oder orthodoxe Kopten. Es sind zuerst und vor allem meine Brüder und Schwestern, die um ihres und um meines Glaubens willen leiden.

Liebe Schwestern und Brüder, die Worte Jesu, die wir gehört haben, sind Worte, die genau für Situationen wie diese bestimmt sind: Für Christen, die ihren Glauben offen leben und bekennen. Für Christen, die genau deswegen bedroht sind an Leib und Leben. Für Christen, denen Angst gemacht wird, die benachteiligt, verspottet, verfolgt, gefangen, gefoltert, getötet werden. Für Christen, die doch nichts weiter tun müssten, als ihren Glauben und ihren Herrn verleugnen, um ihre Haut zu retten.

Denen allen sagt Jesus: Fürchtet euch nicht! – Dreimal in diesem kurzen Abschnitt: Fürchtet euch nicht!

Fürchtet euch nicht, das, was ihr von mir gehört habt, öffentlich zu leben und zu bezeugen!

Fürchtet euch nicht vor denen, die euch nach dem Leben trachten!

Fürchtet euch nicht vor dem Tod

Bekennt euch zu mir, was auch geschieht: wie Martin Luther, wie Yousef Nadarkhani, wie die vielen namenlosen Christen in Nordkorea, wie die mutigen Glaubensbekenner aller Zeiten.

Und dann sagt Jesus auch, warum sie sich nicht zu fürchten brauchen.

Sie brauchen sich nicht zu fürchten, weil er sich zu ihnen bekennt, so wie sie zu ihm. Sie sind bereit, ihr Leben zu geben – er hat bereits sein Leben gegeben. Sie bekennen es vor den Menschen, dass sie Jesus kennen und lieben – Jesus bekennt es vor Gott, dass er sie kennt und liebt.

Sie brauchen sich nicht zu fürchten, weil sie ja Gott fürchten. Vielleicht ein nicht ganz leichter Gedanke, dass Gott Leib und Seele töten kann. Die Kehrseite aber ist, dass er die Seele retten und den Leib auferwecken kann. Diese Gewissheit, diese Art von Gottesfurcht macht Jesu Jünger stark gegen die Menschenfurcht.

Und: Sie brauchen sich nicht zu fürchten, weil Gott alles weiß und alles kann. Das sagt Jesus mit den Beispielen von den Sperlingen und von den Haaren.

Es gibt nichts Unwichtigeres als die Zahl der Haare auf unserem Kopf; aber selbst diese so unwichtige Zahl ist Gott bekannt. Weil ihm nichts entgeht, weil er so genau und so sorgfältig mit uns umgeht. Wie viel genauer als unsere Haare mag Gott unsere Gedanken, Wünsche und Gefühle kennen! Wie viel genauer als auf unseren Kopf mag er in unsere Herzen schauen!


Es gibt keine unscheinbareren Vögel als Sperlinge, Spatzen – damals hat man sie immerhin als billige Suppeneinlage gehandelt. Und doch kennt Gott auch jeden Spatzen, und wenn dem Spatzen etwas passiert, dann nicht ohne Gottes Wissen. Weil Gott nichts entgeht, weil er seine Welt im Großen und im Kleinen im Blick hat. Wie viel mehr hat er uns im Blick! Wie viel genauer wird er darauf achten, was uns geschieht!


Diese Bilder, liebe Schwestern und Brüder, mögen denn auch die Brücke schlagen zu uns, die wir nicht in der Situation sind, unser Leben für den Glauben an Jesus Christus aufs Spiel setzen zu müssen. Wir müssen uns nicht fürchten, weil die furchteinflößende Situation – Spott, Verfolgung, Todesgefahr – uns gar nicht betrifft.


Und doch leben wir manchmal ziemlich furchtsam in dieser Welt. Sind auch ziemlich furchtsam und zurückhaltend, wenn es darum geht, unseren Glauben zu bekennen, uns als Christen zu erkennen zu geben.


Und auch so sind wir furchtsam. Es kann ja so viel passieren. – Ja, sicher. Aber wenn wir uns an Gott, an Jesus halten, dann wissen wir: Wenn auch unserem Leib alles mögliche passieren kann, unsere Seele ist in Gottes Hand – ganz sicher und geborgen. Weil Gott uns kennt und lieb hat.


Mir ist ein Lied eingefallen, das wir ganz früher in der christlichen Kinderstunde gesungen haben: Ein kleiner Spatz zur Erde fällt, / und Gott entgeht es nicht. / Wenn Gott die Vögelein so liebt, / weiß ich, er liebt auch mich.