Sonntag, 6. November 2011

Predigt am 6. November 2011 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Jesus trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: "Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten." Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: "Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, und ein Haus fällt über das andere. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. Wenn aber ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt, was er hat, in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ, und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut."
Lukas 11, 14-23





Liebe Schwestern und Brüder,

wer sich mal mit marxistischer oder hegelscher Dialektik beschäftigt hat, kennt das so genannte Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative Veränderungen. Was hochtrabend klingt, meint einen ganz einfachen Sachverhalt, nämlich den sprichwörtlichen Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Quantitative Veränderung: Mit jedem Tropfen wird es mehr Wasser im Fass. Qualitative Veränderung: Das Fass läuft über.

Wir kennen viele Beispiele dafür:
  • Auf eine Waage (also eine richtige Waage mit zwei Waagschalen – unsere modernen Küchen- und Personenwaagen sind ja in Wahrheit keine Waagen, sondern Kraftmesser) lege ich so lange Gewichte, bis sich die Waage auf die andere Seite neigt.
  • Oder, weil ich neulich im Radio das Thema hatte: Ein Flugzeug rollt auf der Startbahn immer schneller; aber erst bei einer bestimmten Geschwindigkeit hebt es ab: wenn nämlich der Auftrieb, der durch den Luftstrom an den Tragflächen entsteht, stark genug ist, das Flugzeug zu tragen.
  • Statt der technischen Beispiele könnte man auch ein biologisches wählen: Das Kind im Mutterleib wächst, die Veränderungen sind spürbar, aber allmählich. Bis es so nicht mehr weitergeht, und die Geburt eine völlig neue Situation für Mutter und Kind entsteht.
So schlagen quantitative Veränderungen in qualitative Veränderungen um.

Ich glaube, das Prinzip ist klar. Wenn wir in der Schule wären, dann würde ich jetzt jeden bitten, ein eigenes Beispiel zu finden …

Um quantitative Veränderungen, die in qualitative Veränderungen umschlagen, geht es, wenn man so will, auch in unserem Predigttext. Jesus spricht in militärischen Bildern von einem Burgherrn, der sich auf die Menge, also die Quantität seiner Rüstung und Waffen verlässt. Sie liefern ihm eine bestimmte Qualität, nämlich den Schutz vor Feinden.

Wie kann ein Feind nun seine Festung überwinden? Indem er die Quantität seiner Angriffswaffen erhöht – so weit, dass der kritische Punkt erreicht ist, an dem der Angriff glückt – und auf der anderen Seite die Verteidigung fällt. Stehen sich vor dem Kampf 51 % Angriffstärke und 49 % Verteidigungskraft gegenüber, so steht es nach dem Kampf 100 zu 0. Genau genommen gibt es dann keine quantitativ messbare Macht mehr, sondern nur den absoluten Sieger und den absoluten Verlierer. (Wer eine bestimmte Art von Computerspielen kennt, kann das bestimmt gut nachvollziehen.)

Nun geht es bei Jesus ums Geistliche. Es geht ihm um die quantitativen Veränderungen, die über Glauben und Unglauben, über Gut und Böse, über Himmel und Hölle entscheiden. Es geht ihm um die quantitativen Veränderungen, die am Ende über die Qualität unseres Lebens entscheiden:

Wie stark sind die Glaubenskräfte in uns? Wie gut sind wir gerüstet gegen Angriffe des Bösen? Wie viele gute Gedanken, Bibelworte, Lieder und Gebete stehen uns zu Gebote, wenn Zweifel und Anfechtungen oder auch andere Heilsrezepte und Lebenswerte auf uns einstürmen?

Kann es nicht sein, dass unser Glaube bei weitem nicht bei 100 % steht, sondern irgendwo so knapp über 50? Kann es sein, dass es bei dem oder jenem nur noch eine Kleinigkeit ist, die ihn davor bewahrt, seinen Glauben zu verlieren?

Als vor zwei Jahren die Missbrauchsskandale aus der katholischen Kirche hochkamen, da war das für viele, deren Glaube sowieso schon auf der Kippe stand, die kritische Masse, durch die sich die Waage nach der anderen Seite neigte, so dass sie sich von der Kirche und wahrscheinlich auch vom Glauben verabschiedet haben; das war das Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Denn wer fest im Glauben und eng mit der Kirche verbunden lebte, den hat das ja eher nicht gleich an allem irre werden lassen; aber bei dem, dessen Glaube sowieso nur noch an einem seidenen Faden hing, für den war das zu viel, da ist der Faden – vielleicht der Geduldsfaden – gerissen.

Gerade der, der mit seinem Glauben näher an der 50- als an der 100-Prozent-Marke ist, der braucht quantitativen Input, Stärkung des Glaubens.

In der kirchlichen Sprache reden wir manchmal von Zurüstung für den Glauben. Im Osten Deutschlands gebrauchen wir für kirchliche Freizeiten den Ausdruck Rüstzeit. Das ist im Grunde genommen dieses militärische Bild, das wir aus der Bibel genommen haben: Unser Glaube muss gerüstet, bewaffnet sein gegen die Angriffe, die ihn infrage stellen, die darauf abzielen, unsere Mauern zu schleifen und uns unsere Reichtümer – Glaube, Hoffnung und Liebe – zu rauben. Darum rüsten wir unseren Glauben. Wir rüsten ihn mit Worten des Glaubens, mit Liedern der Hoffnung, mit Taten der Liebe, mit guten Gedanken, mit starker Gemeinschaft. Der Friede muss bewaffnet sein, hieß es früher mal. Der Glaube muss gerüstet sein, könnten wir sagen.

Man kann das auch von der anderen Seite betrachten. Es gibt ja nicht nur unseren gefährdeten Glauben, der vielleicht gerade so bei 51 % steht. Es gibt ja auch umgekehrt diejenigen, wo der Glaube nur bei 49 % steht, wo es eben gerade noch nicht – oder nicht mehr – reicht. Diejenigen, die vielleicht nur noch ein ganz klein wenig brauchen, damit die Waagschale sich zugunsten des Glaubens neigt. Diejenigen, deren Abwehr und Rüstung gegen den Glauben kurz vor dem Zusammenbrechen ist. Vielleicht brauchen sie gerade noch das eine gute Wort von uns, das eine Zeichen, dass das Leben mit Gott, mit Jesus wirklich ein Gewinn ist, der Lebensgewinn. Vielleicht müssen sie nur noch ein- oder zweimal von uns eingeladen werden, und dann … dann ist es passiert.

Ich kenne Leute, die sind kritisch, wenn wir als Kirche Dinge tun, die nicht unmittelbar zum Glauben führen. Da ging es mal um Konzerte. Durch die kommt doch keiner zum Glauben, hat jemand gesagt. Dieselben Leute sind für evangelistische Veranstaltungen, wo ausdrücklich zum Glauben gerufen wird und manchmal sogar jemand erkennbar einen bewussten Schritt zum Glauben tut. Aber wie viele sind das? – Und wie viele Evangelisationen oder eben auch Kirchenkonzerte braucht es, bis jemand Christ ist?

Und so ist das auch mit unseren geselligen Nachmittagen, Bastelstunden und Gemeindefesten. Das sind nicht alles Missionsstunden, aber es sind kleine Impulse, die sagen: Wir sind hier, als Christen, als einladende Gemeinde, als Menschen, die ihren Lebenssinn gefunden haben. Vielleicht ist das ja doch auch was für dich?

Das sind eben die Quantitäten, die vielen kleinen Schritte, die vielen guten Impulse, die in die eine oder die andere Richtung wirken. Und dann kann es passieren, dass eben das eine Mal dann doch der Groschen fällt, die Waage sich neigt, die Maschine abhebt, der neue Mensch, der Christ das Licht der Welt erblickt.

Es sind oft die kleinen Veränderungen, die unscheinbaren Impulse, die in große Veränderungen umschlagen können.

Bei Jesus geht’s um die große Entscheidung: Dafür oder Dagegen, Gott oder Teufel, Himmel oder Hölle. Ein Dazwischen gibt es nicht.

Vielleicht fühlst du dich ja durchaus noch im Dazwischen – hin- und hergerissen zwischen Glauben und Unglauben, zwischen Vertrauen und Zweifel, zwischen Dafür und Dagegen. Aber vielleicht fehlt ja auch nur noch das eine Prozent, das eine Tröpfchen Glaube, der winzige Impuls … Ja, diesen winzigen Impuls möchten wir dir gerne geben. Vielleicht ja mit diesem Gottesdienst.