Sonntag, 13. November 2011

Predigt am 13. November 2011 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Jesus sprach zu den Jüngern: "Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: 'Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.' Der Verwalter sprach bei sich selbst: 'Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde.' Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und fragte den ersten: 'Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?' Er sprach: 'Hundert Eimer Öl.' Und er sprach zu ihm: 'Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig.' Danach fragte er den zweiten: 'Du aber, wie viel bist du schuldig?' Er sprach: 'Hundert Sack Weizen.' Und er sprach zu ihm: 'Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.'" Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.
"Und ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit, wenn er zu Ende geht, sie euch aufnehmen in die ewigen Hütten."
Lukas 16, 1-9





Liebe Schwestern und Brüder,

da ist einer am Ende: Ein Top-Manager, erfolgreich, gefeiert. Jetzt hat er keine gute Presse mehr: Er soll Verluste eingefahren haben. Eigentum des Unternehmens verschleudert. Riskant spekuliert und verloren. Die Aktienkurse sind eingebrochen. Auf der Aktionärsversammlung soll er Rechenschaft geben. Er weiß, er hat keine Chance mehr.

Was jetzt zählt sind die richtigen Verbindungen, Geschäftsfreundschaften, Seilschaften. Wenn er hier rausfliegt, muss er sehen, dass er anderswo unterkommt. Also fälscht er schnell noch ein paar Unterlagen zugunsten von Geschäftspartnern, gibt ein paar Insidertipps, und dann tritt er ab. Ein paar Monate später taucht er wieder auf mit einem Beratervertrag bei dem einen ehemaligen Geschäftspartner, mit einem Aufsichtsratsposten bei dem anderen.

Der am Ende war, ist es nicht mehr. Er hat die Kurve gekriegt, einen neuen Anfang gemacht. Er hat im richtigen Moment die Weichen gestellt, die Zukunft gesichert, den Kopf aus der Schlinge gezogen.

So etwa könnte man die alte Geschichte im modernen Gewand erzählen.

Jesus findet es beispielhaft, wie dieser Manager handelt. Nicht weil es so christlich ist, sondern weil es so klug ist.

Die „Kinder des Lichts“, sagt Jesus, also die Frommen, die Gottgläubigen – heute würden wir sagen: die Christen und Kirchenfuzzis –, die sind einfach nicht so clever wie die anderen. Sie sind nicht ganz von dieser Welt; und das stimmt ja auch, weil sie schon zu Gottes Welt gehören. Sie sind immer ein bisschen zu lieb, ein bisschen zu naiv, ein bisschen zu langsam, ein bisschen zu hausbacken.

Sind Klugheit und Cleverness etwa unchristliche Tugenden? – Keineswegs, sagt Jesus. Kommt nur darauf an, was man damit anstellt.

Wenn es euch auch nur darum geht, euer Schäfchen ins Trockene zu bringen, mit dem Rücken an die Wand zu kommen, möglichst die anderen die Zeche zahlen zu lassen, wenn es euch nur darum geht euer Auskommen und Fortkommen zu sichern, dann nützt euch eure ganze Cleverness am Ende gar nichts.

Denn entscheidend ist, was ist, wenn ihr wirklich am Ende seid.

Darum geht’s. Ums Ende, um die Bilanz. Am Ende muss der Verwalter, der Top-Manager, wie auch immer, seine Bücher vorlegen und die Tiefenprüfung durchstehen. Und wenn nicht, dann fliegt er raus. Und dort wird Heulen und Zähneklappern sein, wie Jesus anderwärts sagt.

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi – das war der Wochenspruch. – Am Ende müssen wir unsere Bücher vorlegen und die Tiefenprüfung über uns ergehen lassen. Und wie wird unsere Bilanz aussehen: die Bilanz unseres Lebens vor Gott?

Er ist ja der Eigentümer unseres Lebens, nicht wir selbst. Er hat uns ja Güter und Gaben, Mittel und Wege bereitgestellt, um aus diesem unserem Leben etwas in seinem Sinne zu machen. – Darüber gibt’s noch ein anderes Gleichnis Jesu – von den anvertrauten Talenten …

Ja, am Ende, da kommt er und sagt dir: Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht mehr Verwalter sein. Du wirst abberufen. Abberufen aus diesem Leben.

Und jetzt kommt's drauf an. Bist du dir sicher, dass du mit sauberer Bilanz, mit guten Zahlen und vorzeigbaren Ergebnissen dastehen kannst vor dem, dem dein Leben gehört? Meinst du, dass er zufrieden sein wird mit dir? Oder eher doch nicht?

Oder meinst du, du kannst auch vor ihm ein bisschen die Ergebnisse schönen, die schlechten Zahlen gut aussehen lassen, eine feine Powerpoint-Präsentation abliefern – „Das war mein Leben – eine Bilanz“ – und das wird ihn beeindrucken?

Klug ist, sich rechtzeitig auf diese Situation einzustellen. Sie ist dir ja angekündigt.

Was ich nicht so klug finde, ist, dass sich so viele Leute hinstellen und sagen: Mit Gottes Gericht, das ist gar nicht so gemeint. Gott hat alle lieb und am Ende wird es für alle gut, ob sie gut waren oder schlecht, ob sie Mist gebaut haben oder Gutes gewirkt, am Ende nimmt Gott alle an. – Ich finde das nicht so klug, weil die Bibel was anderes sagt, und weil Jesus selber immer wieder was anderes sagt.

Vor wenigen Tagen erst hat ein leitender Kirchenmann in Deutschland in einem Interview gesagt, er habe die „Versuchung, zu glauben, dass es das Jüngste Gericht geben“ werde. – Aha, und wieso ist das eine Versuchung? – Ich muss gestehen, ich habe manchmal die Versuchung zu glauben, dass es das Jüngste Gericht nicht geben wird. Aber ich denke, es ist nicht klug, dieser Versuchung nachzugeben.

Kein Gericht, das hieße: Keiner müsste Rechenschaft über sein Leben geben. Keiner wäre verantwortlich für sein Leben. – Aber Gott macht mich verantwortlich, und deshalb ist es gut, davon auszugehen, dass es diese höchste und letzte Instanz gibt, vor der ich mich zu verantworten habe.

Der Manager in unserem Gleichnis, der ist so klug, dass er sofort weiß, was die Stunde geschlagen hat. Er weiß, dass er mit seinen Leistungen beim großen Chef nicht durchkommt.

Also muss er rechtzeitig einen Ausweg finden. Sein Ziel ist klar: Wenn er bei diesem Chef rausfliegt, dann sollen andere ihn aufnehmen. Und er erreicht das mit Bestechung.

Das ist in seiner Situation klug: Die Lage erkennen. Ein Ziel formulieren. Und dann die geeigneten Mittel dafür einsetzen. – Eigentlich doch ein guter Manager – jedenfalls, was seine eigenen Belange betrifft.

Diese Klugheit ist es, die Jesus lobt.

Aber wir dürfen die Gleichnisgeschichte natürlich nicht überstrapazieren. Jesus redet von den „Kindern dieser Welt“. Uns geht es nicht um diese Welt, uns geht es um Gottes Reich. Unser Ziel kann also nicht sein, anderswo als bei Gott unterzukommen für die Ewigkeit. Da gibt’s nämlich nichts außer diesem unangenehmen Ort mit Heulen und Zähneklappern. Unser Ziel muss es sein, trotz Gericht und Verantwortung bei Gott anzukommen. Das geht jedenfalls nicht mit gefälschten Bilanzen und geschönten Präsentationen.

Es geht auch nicht, indem wir uns selbst freikaufen. Wie sollte das gehen, wo doch alles, was wir sind und haben sowieso schon Gott gehört?

Es gibt nur eine Chance. Auch wir brauchen die richtigen Freunde, den richtigen Freund. Und: Es kann nur einer sein: der Sohn vom Chef. Der muss ein gutes Wort für uns einlegen. Und siehe da, der Sohn vom Chef will sich selber mit uns gut stellen. Nicht weil wir so toll sind, sondern weil er uns einfach gut leiden kann. Er kommt uns ganz weit entgegen, ja, er ist sogar bereit für unsere Verluste einzustehen und das, was wir vergeudet und verzockt haben, zu ersetzen. Er will selber dafür sorgen, dass wir bei der Endabrechnung doch noch gut dastehen können.

Die „Kinder der Welt“ sind klug und clever, wie es eben Weltkinder sind. Sie meinen, sie können mit Geld und Gut alles erreichen. Es gab sogar mal welche, die meinten, sich mit Geld und Gut den Himmel erkaufen zu können: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele ...“

Wir sollten klüger sein und uns nicht auf Geld und Güter verlassen, sondern auf den Glauben, auf die Freundschaft mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Mit unserer Geldwirtschaft ist das ohnehin so eine Sache; das sieht man in der derzeitigen Finanzkrise sehr deutlich. Unsere Geldwirtschaft ist nämlich im wesentlichen eine Schuldenwirtschaft. Und wir sind nahe an dem Punkt, wo keiner mehr die Schulden bezahlen kann.

Wie gut, dass wir einen haben, der unsere Schulden bei Gott bezahlt. Nicht mit Geld – damit sind sie nämlich nicht aufzuwiegen – sondern mit seinem Leben. Damit wir leben!

Wir danken dir, Herr Jesu Christ, / dass du für uns gestorben bist, / und hast uns durch dein teures Blut / gemacht vor Gott gerecht und gut.