Sonntag, 23. Oktober 2011

Predigt am 23. Oktober 2011 (18. Sonntag nach Trinitatis)

Als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: "Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" Aber Jesus sprach zu ihm: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: ' Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter.'" Er aber sprach zu ihm: "Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf." Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: "Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!" Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.
Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern: "Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!" Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Aber Jesus antwortete wiederum und sprach zu ihnen: "Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen! Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme." Sie entsetzten sich aber noch viel mehr und sprachen untereinander: "Wer kann dann selig werden?" Jesus aber sah sie an und sprach: "Bei den Menschen ist's unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott."
Markus 10, 17-27


 Liebe Schwestern und Brüder,

Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?

Einmal kam ein junger Mann zur Kirche und hörte dort die Worte unseres heutigen Predigttextes: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben haben, und komm und folge mir nach! Er verließ augenblicklich das Gotteshaus und verschenkte seinen gesamten Grundbesitz, den er von seinen Vorfahren geerbt hatte; das waren immerhin über 80 Hektar Land; auch allen anderen Besitz verkaufte er und gab das Geld den Armen.

Er suchte sich selber eine verlassene Hütte am Rande des Dorfes; dort lebte er fortan zurückgezogen, ins Gebet versenkt und mit einfachen Arbeiten befasst, wahrscheinlich Körbe oder Seile flechten, von denen er seinen Lebensunterhalt bestritt. Als es ihm dort nicht einsam genug war, zog er weiter weg – zunächst auf den Friedhof, der damals ganz außerhalb des Dorfes lag, und dann hinaus, dorthin wo man eigentlich gar nicht leben konnte – in die Wüste. Denn unser junger Mann lebte in Ägypten, und dort ist die Wüste immer ganz nahe.

Das geschah um das Jahr 270 herum. Der junge Mann hieß Antonius, und er wurde berühmt als der Vater des Mönchtums.

Antonius bewies, dass es möglich war, die Worte Jesu ernst zu nehmen und zu befolgen. Er ging nicht traurig weg, weil er viele Güter hatte, als er die Worte Jesu hörte. Er ging fröhlich hin und befolgte diese Worte. Am Ende seines Lebens ist er auch fröhlich gestorben. Gewiss, das ewige Leben zu ererben.

Der heilige Antonius wurde zum Vorbild für viele andere. Radikale Jesus-Nachfolge, radikaler Verzicht auf den eigenen Besitz, auf den eigenen Willen, auch auf die eigene Sexualität – das war seither das Kennzeichen von spirituellen Erneuerungsbewegungen, das war das Kennzeichen des Mönchtums, aus dem die Kirche über Jahrhunderte hinweg immer wieder Kraft geschöpft hat.

Spätestens seit Antonius war klar: Was Jesus verlangte, war zwar schwierig, aber es war nicht unmöglich. Und mit dem Mönchtum hatte die Kirche dann auch eine Institution, in der man so leben konnte: ohne eigenen Besitz – aber doch abgesichert.

Viele Jahrhunderte später hatte ein anderer junger Mann diesen Weg für sich erwählt. In einem Moment größter Lebensgefahr wurde ihm schlagartig klar, dass es doch nichts Wichtigeres geben könnte, als ganz für Gott da zu sein, und er entschied sich, Mönch zu werden. Er gab seinen eigenen Besitz auf, auch seine eigenen Karrierepläne – er hätte Jurist werden sollen – und tauschte dafür die Sicherheit des Klosters ein. Das war für ihn nicht nur die materielle Sicherheit, das war für ihn vor allem die Sicherheit des ewigen Seelenheils. Wenn er – wie es der junge Mann im Bibeltext nicht vermochte, wie es aber der heilige Antonius und viele andere seither getan hatten – wenn er den Worten Jesu so folgte, dann würde er gewiss das ewige Leben ererben.

Und dann hörte er als Mönch immer wieder die Worte Jesu, die Worte der Bibel. Und er studierte sie, als er im Auftrag seines Ordens Theologe wurde, und er sagte sie anderen weiter, als er Priester wurde. Und diese Worte drangen ihm so ins Herz, dass er ganz traurig wurde – so wie damals der junge Mann, der zu Jesus gekommen war. Er wurde traurig, weil er merkte, dass er sie auch als Mönch, auch mit den größten Anstrengungen immer noch nicht befolgen konnte.

Denn die Worte Jesu sagten ihm, dass er seinen Nächsten lieben sollte wie sich selbst. Aber er wusste von sich, dass er das nicht konnte. Seine Gedanken kreisten ja immer gerade um ihn selber, um seine eigene Seligkeit, nicht um die seines Nächsten.

Die Worte Jesu sagten ihm, dass man äußerlich alle Gebote erfüllen konnte, aber doch in Gedanken seinen Bruder in die Hölle wünschen konnte, und genau so ging es ihm.

Die Worte Jesu sagten ihm, dass er Gott über alles lieben sollte, aber er hasste Gott, weil er so unerfüllbare Forderungen stellte. Er las von Gottes Gerechtigkeit, und wusste dabei, dass der gerechte Gott ihn verurteilen würde. Er hatte alles Menschenmögliche getan für seine Seligkeit. Aber es reichte nicht, es würde niemals reichen, das ewige Leben zu ererben.

Wer kann dann selig werden?, fragte er, so wie die Jünger Jesu im Evangelium. – Bei den Menschen ist's unmöglich, das merkte er am eigenen Leibe, an der eigenen Seele.

Aber alle Dinge sind möglich bei Gott. Das entdeckte er, das verstand er, als er sich all die anderen Worte Jesu auf der Zunge zergehen ließ, die vom Glauben sprechen: Von dem Mann, der Jesus für seinen Sohn bat, von der Frau, die Jesus für ihre Tochter bat, und von den vielen anderen, zu denen Jesus sagte: Dein Glaube hat dir geholfen. Von dem Verbrecher, der neben ihm am Kreuz hing und sich bittend an ihn wandte und dem er sagte: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Er entdeckte es vor allem in den Worten des Apostels Paulus, der davon sprach, dass vor Gott alle Menschen, unterschiedslos Sünder sind – selbst ein heiliger Antonius – und dass alle durch Gottes Gnade selig werden, wenn sie nur daran glauben.

Der gerechte Gott, so lernte er verstehen, verurteilt uns Menschen nicht, sondern er schenkt uns seine Gerechtigkeit. Wir verdienen uns nicht das ewige Leben. Sonder wir ererben das ewige Leben, weil wir Gottes Kinder sind.

Dieser junge Mann, der das entdeckte, neu entdeckte, hieß Martin Luther. Er war in gewisser Weise das Gegenstück zum heiligen Antonius. Antonius ließ alles, was er hatte hinter sich, entfloh der Welt und kämpfte einen lebenslangen geistlichen Kampf, um so das ewige Leben zu finden. Martin Luther kehrte aus den Kämpfen der Mönchszelle zurück in die Welt, weil er den Kampf verloren hatte. Aber gewonnen hatte er den gnädigen Gott, der nicht fordert, sondern schenkt, das ewige Leben schenkt.

Luther kehrte zurück in die Welt, wo man heiratet und sich seiner Sexualität erfreut; wo man selber Entscheidungen trifft, statt sich Autoritäten unterzuordnen; wo man selber Verantwortung übernimmt und dabei auch das Risiko zu scheitern; wo man Gut und Geld hat und es nicht, jedenfalls nicht alles, an die Armen verschenkt, sondern sein Auskommen sichert, Gewinne investiert, um auch künftig Gewinne zu machen, und wo vom eigenen Nutzen dann gerade auch die anderen profitieren. Bedeutete das Wort Beruf vorher die Berufung ins Kloster als die Gott besonders wohlgefällige Form der Nachfolge, so hieß Beruf nun, mitten in der Welt, mitten in den eigenen Gütern und mittels des eigenen Besitzes Jesus nachfolgen: die eigene Arbeit als Berufung annehmen – das ist der Beruf, so wie wir ihn verstehen. – So sieht evangelische, protestantische Weltbejahung aus.

Aber kann man so das ewige Leben ererben? – Ein junger Mann kommt zu Jesus, einer der eigentlich alles richtig macht, der mit seinen Gütern und Gaben Gott dient, der sich an Gottes Gebote hält und sich dabei noch um das Seelenheil sorgt. – Was will man mehr? – Nichts. – Nur er will mehr. Er will absolute Sicherheit für sein Seelenheil. Er will bei Jesus die Lebensversicherung fürs ewige Leben abschließen. – Und er muss erkennen, dass er den Preis dafür nicht bezahlen kann. Er geht traurig davon.

Dabei müsste er den Preis gar nicht bezahlen, wenn er sich nicht selber erarbeiten wollte, was Jesus ihm viel lieber schenken würde. Könnte er doch einfach glauben, könnte er doch einfach gewiss werden, dass Jesus den Preis bezahlt und ihm das ewige Leben schenkt, einfach schenkt. Eines fehlt dir, sagt Jesus: der Glaube.