Montag, 17. Oktober 2011

Predigt vom 16. Oktober 2011 (17. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes kam zu den übrigen Jüngern zurück, und sie sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: „Was streitet ihr mit ihnen?“ Einer aber aus der Menge antwortete: „Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.“ Er aber antwortete ihnen und sprach: „O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!“ Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. Und Jesus fragte seinen Vater: „Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt?“ Er sprach: „Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Jesus aber sprach zu ihm:: „Du sagst: 'Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Sogleich schrie der Vater des Kindes: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: „Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!“ Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: „Er ist tot.“ Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ Und er sprach: „Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“
Markus 9, 14-29


Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
In diesem Satz, in diesem Hilferuf, liebe Schwestern und Brüder, finde ich mich wieder. Zwischen Glauben und Unglauben. Zwischen Macht und Ohnmacht. Zwischen Leben und Tod.
Ja, ich glaube. Ich möchte glauben. Ich rede vom Glauben. Ich glaube an den Glauben, klammere mich an ihn. – Und doch: Ich bin kleingläubig, ungläubig. Ich weiß um meine Zweifel. Ich kenne alle Ungewissheiten und alle Einwände. Ich stelle alles in Frage. Ich zweifel an meinem Glauben, und ich glaube an meinen Zweifel.
Glaube, so groß wie ein Senfkorn, versetzt Berge, sagt Jesus. – Ich habe noch keinen Berg versetzt.
Alles Dinge sind möglich dem, der da glaubt. – Mir sind oft die einfachsten Dinge unmöglich. Ich stoße an meine Grenzen, und komme nicht darüber hinweg.
Soll mein Glaube das glauben? – Geister und Dämonen, die Menschen krank machen, und ein Wunderheiler, der sie vertreibt?
Kann mein Glaube das können? – Heilen durch Gebet? – Gesundbeten?
O du ungläubiges Geschlecht! – Ja, da bin ich dabei; da gehöre ich dazu.
Ich glaube, hilf meinem Unglauben! – Vielleicht auch andersherum: Ich glaube nicht, hilf meinem Glauben! Hilf ihm auf die Sprünge; mache mich fähig zu glauben!
Und doch möchte ich auch bitten: Lass mich nicht leichtgläubig werden! Erhalte mir meine Skepsis! Bewahre mir mein Misstrauen!
Das Misstrauen gegen falsche Autoritäten. Die Skepsis gegen vorgefertigte Wahrheiten.
Prüfet alles, und das Gute behaltet!, heißt es ja auch. Lass mich nicht ungeprüft glauben. Nicht alles für wahr halten, was man so für wahr hält. Nicht alles annehmen, was es an Annahmen gibt. Bewahre mich vor Aberglauben. Aber lass mich glauben! Erhalte mir meinen gesunden Zweifel. Aber lass mich an meinem Zweifel nicht verzweifeln!

Ich glaube, hilf meinem Unglauben! – Kann ich an dieser unglaublichen Geschichte Glauben lernen? – Ich glaube, schon.
Da ist der Glaube der Jünger Jesu. Besser gesagt: ihr Kleinglaube, ihr Unglaube. Er ist unfähig, zu helfen, zu heilen. Er kann nur diskutieren. Besserwisserischer Glaube. Aber das nützt nichts. Glaube ist nicht Wissen. Glaube ist nicht Besserwissen.
Der Mensch, der die Hilfe des Glaubens braucht, er steht dabei, er versteht nichts, er ist enttäuscht: Deine Jünger – sie konnten's nicht.
Ich denke an heiße Diskussionen um die richtige christliche Lehre, um das richtige Verständnis der Heiligen Schrift, um das richtige Verständnis, wer Jesus war und ist, um das richtige Verständnis, was Christen dürfen und was nicht. Darüber sind Gemeinden und Kirchen zerbrochen.
Und die Menschen, die die Hilfe des Glaubens brauchen, stehen daneben, verstehen nichts, sind enttäuscht. Wenden sich ab: Diese Christen – sie können's nicht.
Als alles vorbei ist, fragen die Jünger Jesus: Warum konnten wir nicht? Was haben wir falsch gemacht? – Immerhin. Daran möchte ich mir doch ein Beispiel nehmen: Jesus fragen: Was war falsch? Was geht anders? Wie können wir es besser machen? – Wie können wir besser glauben?
Die Antwort Jesu: Nur durch Beten. – Das Böse ist nicht durch Diskussionen und Argumente zu überwinden, nicht durch die richtigen Rituale, die man nur kennen muss, nicht durch moralische Überlegenheit. Sondern nur durch Beten.
Hilfreicher Glaube beginnt und endet im Beten. – Ja, ist Glaube überhaupt etwas anderes als Beten?
Wie viele Menschen beten, ohne genau zu wissen, was es mit dem Gegenüber des Gebets auf sich hat? Wie viele Gebete, beginnen mit den Worten: „Gott, wenn es dich gibt ...“?
Und wenn wir schon etwas über Gott wissen oder ahnen, dann doch weniger aus Erklärungen als viel mehr aus Begegnungen – Begegnungen im Gebet.
Glaube ist Beten: Stilles oder lautes. Zweifelndes oder gewisses. Redendes oder hörendes. Beten hilft meinem Unglauben zum Glauben: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! – Das ist ja selber ein Gebet.

Glauben lernen kann ich von dem Mann, der diese Worte gesprochen, gebetet hat. Er hat sich nicht beirren lassen. Nicht beirren lassen durch die schlechten Erfahrungen, die er schon machen musste mit denen, die ihm nicht helfen konnten. Er hat sich nicht beirren lassen durch die Diskussionen der Fachleute: der Schriftgelehrten, die die Bibel am besten kannten und der Apostel, die sich in Abwesenheit ihres Herrn als seine Stellvertreter aufspielten. Er hat sich nicht beirren lassen durch die Hilflosigkeit der Helfer. Nicht beirren lassen durch das Unvermögen ihres Glaubens.
Er geht zu Jesus, erzählt seine Geschichte, erbittet Hilfe – und erhält sie.
Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser! – Du, Jesus! Nicht die Fachleute, nicht die Stellvertreter.
Dieser Glaube ist Jesus-Glaube. Christus-Glaube. Christlicher Glaube. – Nicht kirchlicher Glaube – denn die Kirchenleute können nicht helfen. Nicht Glaube an sich selbst – denn sich selbst kann er schon lange nicht mehr helfen.
Was kann ich selbst? Was können wir Kirchenleute? – Menschen zu Jesus hinbringen. Für Menschen zu Jesus bitten. Menschen in die Beziehung zu Jesus einweisen, und dann selber zurücktreten.
Es ist dein Glaube. Es ist deine Jesus-Christus-Begegnung. Es ist deine Hilfe, dein Heil – bei ihm: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! – Sag Ich, und er sagt Du!

Dieser Mann, von dem ich Glauben lerne, lernt selber Glauben von Jesus. Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt, sagt Jesus. Sagt der, dem alle Dinge möglich sind, weil er glaubt.
Der bittende, betende Mensch wendet sich an Jesus, weil er an Jesus glaubt. Kleingläubig, ungläubig glaubt.
Jesus glaubt, wie wir glauben sollten, könnten, wenn wir nicht so kleingläubig wären. Jesus ist mit seinem Glauben ganz bei Gott. Sein Glaube ist der Glaube, der will, was Gott will: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe! – Glaube, der am Ende nichts mehr für sich, aber alles für Gott will. Idealer Glaube.
Sollten wir nicht nur an Jesus glauben? Sollten wir auch wie Jesus glauben?
Vor diesem Ideal des Glaubens kann ich nur rufen: Hilfe! Das kann ich nicht. Ich glaube, ich glaube irgendwie – klein, mehr oder weniger tastend, suchend, betend, hilfsbedürftig. Aber vor deinem Glauben ist mein Glaube nichts als Unglaube. Hilf meinem Unglauben! Dass mir mein Glaube nicht vergeht angesichts deines Glaubens!
Ich merke: Ich kann nicht glauben wie Jesus. Ich kann nur glauben an Jesus. An seinen Glauben glauben. Mich mit meiner Hilflosigkeit an seine Hilfe halten.
Ich glaube, hilf meinem Unglauben!
Ja, ich klammere mich mit meinem kleinen, ungläubigen Glauben an den Glauben Jesu. Ich kann zu meinen Zweifeln, zu meiner Unfähigkeit, zu meiner Hilflosigkeit stehen, weil Jesus mit seinem großen Glauben zu mir steht. Weil er mich nicht stehen lässt, wenn ich ihn bitte: Herr, erbarme dich! Ich glaube, dass du meinem Unglauben hilfst.