Montag, 10. Oktober 2011

Predigt am 10. Oktober 2011 (16. Sonntag nach Trinitatis)

Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. ES ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner Güte.
Klagelieder 3, 22-26. 31-32





Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Tage, die brennen sich für Jahre, Jahrzehnte, manchmal sogar für Jahrhunderte in das Gedächtnis der Menschen ein.
Der 11. September 2001 ist so ein Tag – für Amerikaner und für die Welt; wir haben vor vier Wochen erst daran erinnert: Innerhalb weniger als einer Stunde sterben fast dreitausend Menschen. Einzelne kommen nur ganz knapp davon, andere ganz knapp nicht. Eheleute, Eltern, Kinder müssen stunden-, tage-, wochenlang bangen bis zu der Gewissheit, dass auch ihr Angehöriger unter den Toten ist. Und der Schmerz bleibt und ist an so einem Gedenktag wieder wie neu.
Der 13. Februar 1945 ist für die Menschen aus Dresden so ein Tag. Die Erinnerung an die Bombennacht, den Höllenlärm, die Todesangst und die Gebete im Luftschutzkeller, das Entsetzen über den glutroten Himmel, den man noch von Chemnitz und Leipzig aus sehen konnte und auch hier dann die Angst, die Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen und Bekannten, die in der Stadt gelebt haben – das ist uns von der Generation unserer Eltern und Großeltern mitgegeben worden. Es stand uns jahrelang vor Augen, wenn wir an der Ruine der Frauenkirche vorbeikamen.
Der 6. August 1945 ist so ein Tag – für die Menschen in Japan: Da wurde die erste Atombombe über Hiroshima gezündet, die mit einem Schlag fast 80.000 Tote forderte. Vom Stadtzentrum und den Menschen darin war danach so gut wie nichts mehr übrig. Vorstellbar ist das Entsetzen dieses Tages eigentlich nicht.
Es war auch ein Tag im August, es war das Jahr 587 v. Chr., das man damals natürlich noch nicht so zählte: Da fiel das Heer der Babylonier in die Stadt Jerusalem ein. Wir wissen nicht, wie viele Menschen damals starben. Aber wir wissen von brennenden Häusern und Straßen. Wir wissen davon, dass Menschen verschleppt wurden. Wir ahnen Mord, Plünderung und Vergewaltigung. Und wir wissen von dem Entsetzen der Menschen, die erleben müssen, wie auch Gottes Tempel, das Haus des Herrn zerstört und geplündert wird, die kostbaren Kultgeräte zerstört oder geraubt. Die Bundeslade mit den Gesetzestafeln einfach mitgenommen aus dem Allerheiligsten, das doch eigentlich kein Jude betreten durfte, geschweige denn ein Ungläubiger, ein Heide.
Wo war Gott an diesem Tag? Ausgegangen aus seinem Haus? Weggegangen aus seiner Stadt? Hatte er sein Volk, seine Menschen verlassen?
Wo war Gott an all den anderen Tagen des Unheils, als Städte zerstört, Menschen getötet und gequält wurden? – Es sind ja nur ganz wenige, willkürlich herausgegriffen, die ich genannt habe.
All die vielen unbekannten Tage, an denen Menschen vernichtet, vergewaltigt, deportiert, in Gaskammern gesteckt wurden, all die habe ich ja gar nicht genannt, kann sie auch gar nicht nennen, weil es so viele sind.
Ja, vergeht denn überhaupt ein Tag, ohne dass Menschen durch die Grausamkeit anderer Menschen zu Tode kommen, in Leid und Elend gestürzt werden?
Wie kann man da von der Güte des Herrn reden? Seine Barmherzigkeit rühmen, seine Treue preisen und seine Hoffnung auf ihn setzen?
Ich muss diese Fragen stellen. Ich muss diesen Kontrast deutlich machen. Weil der Glaube sich irgendwann vor diese Fragen gestellt sieht. Weil mancher Leute Glaube an diesen Fragen zerbricht. Das sinnlose Leiden in der Welt gibt eben keinen Sinn. Und mit Gottes Liebe, Güte und Barmherzigkeit passt es nicht zusammen.
Ich muss diese Fragen auch deshalb stellen, weil unser Bibeltext sie stellt. Wir sind in den Klageliedern. Und da ist nicht einfach nur so von Gottes Güte, Barmherzigkeit und Treue die Rede. Da ist zuerst und vor allem all das andere ausgesprochen. Da ist Klage und Zweifel, Anklage und Verzweiflung. Und dann, dann erst ist auch so etwas wie Trost – aber nicht Vertröstung.
Wie liegt die Stadt so wüst, die voll Volks war. – Mit diesen Worten beginnen die Klagelieder. Rudolf Mauersberger hat diese Worte und weitere in einer ergreifenden Motette vertont – im Gedanken und Gedenken der zerstörten Stadt Dresden, wo er Kreuzkantor war.
Ich bin der Mann, der Elend sehen muss durch die Rute des Grimmes Gottes – so beginnt das dritte Klagelied, aus dem der Predigttext genommen ist. Da spricht einer von sich selbst; davon, was das Grauen und Elend, das er erlebt hat, mit ihm persönlich anstellt. Er hat den Eindruck, Gott hat sich gegen ihn verschworen. Alles Elend der Welt ist über ihn gekommen. Gott führt ihn in die Finsternis. Gott hat ihn eingemauert. Gott hat ihn in ein auswegloses Labyrinth gestellt. Gott hat ihn angefallen wie ein Raubtier, ein Löwe oder Bär und ihn zerfleischt. Gott hat aus dem Hinterhalt Pfeile in seine Nieren geschossen. Gott hat ihn auf Kieselsteine beißen lassen.
Diese Worte müssen wir eigentlich mithören, mitdenken, mitfühlen, wenn wir dann die anderen Worte hören: Die Güte des Herrn …, seine Barmherzigkeit …, seine Treue …
Gott, wie dieser Mensch ihn erlebt, Gott, wie viele, allzu viele ihn erleben, ist nicht der liebe Gott. Gott kann auch böse sein, hart, grausam, unerbittlich.
Und dann fragt man ihn, fragt man hoffentlich noch ihn: Warum? Weshalb? Wozu?
Manchmal findet man tastend Ansätze zu Antworten. Die Propheten Israels und der Sänger der Klagelieder, sie haben solche Ansätze von Antworten gefunden: Sie sprechen von Schuld und Sünde, von der Gottvergessenheit ihres Volkes. Sie sprechen von der Torheit und Gottlosigkeit ihrer Regierenden. Und sie sprechen von Gottes Zorn.
Gott, so wie die Bibel von ihm spricht, ist nicht der liebe Gott, sondern der heilige Gott, der gerechte Gott, auch der zornige und strafende Gott.
Für uns ist das noch schwerer zu fassen als für die Menschen damals, weil wir uns so daran gewöhnt haben, dass Gott der liebe ist, dass Gott die Liebe ist. Die Kehrseite: Wir reden von Gott wie von unserem Haustier: Der ist ganz lieb. Der tut nichts. – Der domestizierte Gott.
Nur taugt der domestizierte Gott nicht für böse Tage. Wir halten das ganze Elend unserer Welt, die Leidenden und Gemordeten fern von Gott. Gott, der liebe Gott, kann damit ja nichts zu tun haben. Er tut so was doch nicht. Gott ist dafür da, dass mein Leben gelingt, dass ich Glück und gute Tage genießen kann und dass er mich im Unglück, wenn es denn schon kommt, ein bisschen tröstet. So weit, so gut. Aber dass Gott auch Menschen ins Elend stößt, oder dass er zumindest das Elend und die Katastrophen zulässt, diese Vorstellung halten wir von unserem lieben Kuschelgott fern.
Der Mensch, der all seine Not und Verzweiflung, Gott vorwirft, der Mensch, der weiß, dass er es auch im Schlimmsten und Bösesten mit Gott zu tun hat, der ist es dann am Ende doch auch, der sich von Gott trotzdem, gerade und immer noch das Beste erwartet: Güte, Barmherzigkeit, Treue.
Wie geht das? – Es geht, und es geht nur aus einem ganz tiefen und fundamentalen Gottvertrauen heraus. Das ist die Gewissheit, dass Gottes Wille für uns eigentlich immer gut ist, dass Gottes Tun für uns eigentlich immer der beste ist, dass Leid und Elend, Tod und Verderben zwar sehr wohl real sind, aber bei Gott doch nur die Oberfläche, unter der Leben und Liebe sind.
Ja, manchmal sehen wir Menschen nicht unter die Oberfläche. Wir können es nicht. Wir sind zu oberflächlich. Wir sehen das Verderben, wir sehen den Tod, wir spüren den Schmerz. Wir erfahren Gottes Zorn, den wir nicht wahr haben wollen und nicht verstehen – schon gar nicht wenn er uns trifft. Aber wir dringen nicht durch in die Tiefe, sehen nicht in Gottes Herz, wo doch immer noch seine Güte, seine Barmherzigkeit, seine Treue wohnt.
Der Sänger der Klagelieder, er ist durchgedrungen bis ins Herz Gottes. Am Tiefpunkt der Anklage und Verzweiflung geschieht der Umschwung:
Ich sprach: Mein Ruhm und meine Hoffnung auf den HERRN sind dahin, so heißt es. Und dann spricht er doch eine Bitte aus: Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin! Und aus dieser entspringt Bitte so etwas wie glaubende Zuversicht: Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt's mir. Dies nehme ich zu Herzen, darum hoffe ich noch. – Und dann folgen die Worte unseres Predigttextes: Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende …
Es ist ein Sich-Hindurch-Beten zum Herzen Gottes. Durch all das Elend, durch all das Leid, durch alle Verletzungen hindurch. Aus der Ausweglosigkeit findet er den einzigen Ausweg zu dem, von dem er doch meinte, er hätte ihm erst den Weg verstellt. Und vielleicht ist es ja auch das: Dass Gott uns zu sich zwingt …
Im Grunde, im Grunde ist das auch der einzige Weg, den wir gehen können: Den Weg von Gott zu Gott. Den Weg von der Klage und Verzweiflung an Gott zum Vertrauen auf die Güte und Barmherzigkeit in Gott. Den Weg vom fremden zum bekannten Gott. Den Weg vom zornigen zum liebenden Gott.
Denn das ist er am Ende doch: nicht der liebe Gott, aber der liebende Gott. Am Ende offenbart er sich als der, der er im Innersten ist. Am Ende steht uns seine Tür, steht uns sein Herz offen.