Sonntag, 31. Mai 2015

Predigt am 31. Mai 2015 (Trinitatis)

Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“
Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
Nikodemus spricht zu ihm: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“
Jesus antwortete: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“
Johannes 3, 1-8


Der Wind bläst.
Ich stehe auf dem schwankenden Oberdeck der Fähre und stemme mich gegen den warmen Wind, der doch kalt ist, weil er so stark weht und weil er mich mit der Salzgischt des Ozeans besprüht.
Durchgepustet beginnt unser Urlaub.
Und dann stehen wir am Strand.
Wieder im Wind
Die Waden sandgestrahlt.
Die Sonne wärmt, der Wind kühlt.
Windsurfer hängen in ihren Segeln.
Hart am Wind sausen sie übers Wasser.
Und in mir kommen die Erinnerungen hoch, wie ich, ganz jung noch, 
auch ein paar mal auf so einem Brett stand, und wie das war, als es Fahrt aufnahm, übers Wasser zischte und unter den Füßen zu vibrieren begann.
Die Macht des Windes.
Und der Mensch setzt sich ihr aus, hält ihr stand, lässt sich von ihr bewegen:
Hält sein Segel in den Wind und kommt voran.
Nicht einfach vor dem Wind, der ihn hintreibt, wo er will; sondern dran am Wind, fast schon ihm entgegen in selbst gewählter Richtung.
Windeskraft und Menschenkraft vereint geben ihm seine Richtung.
Die erste Woche auf Fuerteventura war Windwoche.
Tag und Nacht pfiff es durch die Ritzen und rüttelte es an Türen und Fenstern.
Unausweichlicher, mächtiger Wind.
Dann wurde es etwas ruhiger.
Ein milder Luftzug, der die Sonne erträglicher macht und sich nach Sommer anfühlt.
Ich stehe am Strand, im Wind und fühle Leichtigkeit, Glück.
Urlaub: wie neu geboren.
*
Der Wind bläst.
Er bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt.
Wunder Wind.
Luft in Bewegung.
Manchmal weißt du, woher er kommt:
Vom Meer: Und er bringt Wolken und Regen mit.
Oder aus der Wüste: Und er bringt Staub und Hitze mit.
Aber du kannst nicht sagen: Genau dort hat er angefangen, und genau da hört er auf.
Wunder Wind.
Damals wussten sie noch nicht, warum er weht.
War es der Atem eines Gottes?
Der Geisthauch des Ewigen?
Heute kennen wir die Antwort, auf die Frage, wer den Wind macht:
Die Sonne.
Wenn sie die Luft erwärmt, dann steigt der Luftdruck, die Luft will sich ausdehnen, und so weht sie weg vom Hochdruckgebiet, dorthin, wo es kühler ist, wo sich die Luft zusammengezogen hat, wo Tiefdruck herrscht.
Wüsten und Ozeane, Tag und Nacht, Sommer und Winter, die Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne, das alles hat Einfluss auf die Wege der Winde.
Aber die eigentliche Ursache des Windes ist die Sonne.
Von ihr hat er seine Kraft, seine Energie.
Wo der Wind weht, da wirkt die Sonne.
Sonne und Wind – wie Gott und Geist:
Wo der Geist weht, da wirkt Gott.
Menschen halten ihre Segel in den Geistwind des Ewigen und nehmen Fahrt auf.
Nicht dass sie sich einfach treiben lassen; sie sind frei die Richtung zu wählen:
manchmal hart am Wind, fast schon ihm entgegen und doch von Gottes Geist bewegt.
*
So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Geboren.
Als wir geboren wurden, da haben wir ihn zum ersten Mal gespürt, den Wind, den Luftzug auf der nackten Haut.
Aus dem Mutter-warmen Wasser in den kühlen Wind des eigenen Lebens.
Er hat uns erschreckt, und im Erschrecken schon war er in uns gefahren, der Windhauch, Luftgeist, Gottesatem.
Und dann haben wir ihn wieder herausgeschrien und konnten doch nicht anders, als ihn immer und immer wieder in uns hineinzuatmen.
Und wieder auszuatmen:
auszuschreien,
auszulachen,
auszusprechen,
auszusingen.
Ersticken würden wir ohne den Lebensatem.
Neu geboren.
In den Wind gehalten.
Ins Leben geworfen.
In den Atem des Ewigen.
*
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Von neuem geboren bist du:
Wenn du nicht nur den Wind spürst, sondern Gottes Geist.
Wenn dir nicht nur die Sonne ins Gesicht scheint, sondern Gottes Liebe.
Wenn du ahnst, dass es mehr gibt als nur Sonne und Wind und Wasser und Sand.
Sondern auch Gott und Geist und Schwester und Bruder.
Nicht nur Materie und Energie.
Sondern Geist und Leben.
Wenn du nicht nur die Erde siehst.
Sondern den Himmel – das Reich Gottes.
Von neuem geboren bist du:
Aus dem Fruchtwasser der Taufe in den Geistwind Gottes gehoben.
Damit du in jedem Atemzug Gottes Nähe spürst.
Damit du in jedem Sonnenstrahl seine Liebe siehst.
Damit der Gottesgeistwind deine Segel füllt und dein Leben Fahrt aufnimmt.
*

Der Wind bläst.
Ich stehe auf dem Deck der Fähre und blicke zurück.
Unsere Urlaubsinsel entschwindet in der Ferne.
Ein Stück Erinnerung mehr.
Ein kleiner Abschnitt auf der großen Lebensreise.
Und ich denke daran, dass der Wind der mich durchs Leben treibt, der Gottesgeist ist.