Sonntag, 3. Mai 2015

Predigt am 3. Mai 2015 (Sonntag Kantate)

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:
„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
Ja, Vater, denn so hat es dir wohlgefallen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater;
und niemand kennt den Sohn als nur der Vater;
und niemand kennt den Vater als nur der Sohn
und wem es der Sohn offenbaren will.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“
Matthäus 11, 25-30


Jesus singt.
Am Abend, nach der Mahlzeit, da sitzen sie beieinander.
Es ist dunkel geworden.
Aber das Feuer gibt Licht und Wärme.
Die Grillen zirpen.
Und Philippus beginnt auf seinem Saiteninstrument zu klimpern.
Thaddäus holt sein Flöte raus.
Simon schlägt die Trommel.
Maria hat einen Schellenkranz.
Und Jesus singt:
„Ich will dich preisen, Herr“.
So muss es gewesen sein.
Nirgends steht es geschrieben, dass Jesus gesungen habe.
Aber es kann nicht anders gewesen sein.
Jesus und seine Freunde, die haben doch nicht Tag und Nacht schwere theologische Diskussionen geführt.
Die haben sich doch nicht ständig den Kopf zergrübelt über Gottes Pläne und Gebote.
Die haben zusammengesessen und geschwatzt und gelacht und Wein getrunken und – gesungen!
Volkslieder, Schlager, Liebeslieder.
„Ich bin eine Blume in Scharon, eine Lilie im Tal“, begann Susanna.
Und Andreas antwortete: „Wie eine Lilie unter den Dornen, so ist meine Liebste unter den Mädchen.“
Und so weiter im Wechsel. (Hohelied 2)
Philippus griff in die Saiten.
Thaddäus blies in die Flöte.
Simon schlug den Takt.
Und Maria ließ die Schellen klingen.
Und dann begannen sie dazu zu tanzen.
Später stimmte Jesus an:
„Ich will dich preisen, Herr“.
Ein Lobpreislied. Ein Psalm. So oder so ähnlich muss es gewesen sein.
Die Weisen und Klugen, die Schriftgelehrten und Pharisäer, saßen in ihren Häusern und grübelten, oder diskutierten Gottes Pläne und Gebote.
Sprachen darüber, was es heißt, Gottes Joch auf sich zu nehmen und nach seinem Gesetz zu leben.
Von ferne tönte Trommelschlag und Gesang.
Und Jesus sang.
Sie verachteten ihn – diesen Fresser und Weinsäufer, der sich mit ungebildetem und gottlosem Pack umgab.
Der Gottes Gebote nicht ernst nahm.
Der meinte, man könnte singend beschwingt ins Himmelreich tänzeln.
So nicht!, sagten sie.
Als das Lied verklungen war, war es einen Moment still, und Jesus sagte:
Ja, ich preise dich, mein Vater; die Weisen und Klugen verpassen gerade, was die schlichten Gemüter hier erleben.
Du bist uns so nahe, Vater.
Wir singen, spielen und erzählen, und du bist da.
Ja, kommt her zu mir.
Hier könnt ihr aufatmen, feiern, singen.
Für heute vergessen, was euch belastet.
Und Kraft schöpfen für morgen.
*
Eine gute Freundin, Pfarrerin, teilt Bilder in Facebook von ihrer ökumenischen Maiwanderung.
Viele Jahre schon tun sie das gemeinsam, evangelische und katholische Christen, wandern gemeinsam unter blühenden Bäumen und durch frisch-grüne Felder, reden miteinander, hören miteinander die Worte einer Andacht, essen und trinken miteinander, beten miteinander und singen.
In diesem Jahr sind zum ersten Mal auch dunkelhäutige Gesichter unter den Teilnehmern; manche nur etwas dunkler, manche fast schwarz.
Seit einiger Zeit kümmern sich die Kirchengemeinden um die Flüchtlinge und Asylbewerber, die in ihrem Städtchen Unterkunft gefunden haben.
Reden mit ihnen, essen und trinken mit ihnen, spielen und reden mit ihnen – und nehmen sie mit zu ihrer Maiwanderung.
Ins frische mitteleuropäische Blütengrün.
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, hat Jesus gesagt.
Kommt her zu uns, die ihr mühselig und beladen seid, sagen diese Christen in Mitteldeutschland.
Bei uns könnt ihr aufatmen, feiern, singen.
Für heute vergessen, was euch belastet.
Oder es mit uns teilen, damit die Last leichter wird.
Und Kraft schöpfen für das Morgen, hier in der Fremde.
*
Christen singen.
Dort in Eckartsberga.
Oder hier in Las Américas.
Die Kirchentür steht weit offen.
Leute bleiben stehen und schauen neugierig herein. Manche zaghaft.
Andere treten beherzt ein,
schlagen ein Kreuz,
setzen sich in die Bank.
Ihr seht das meistens gar nicht.
Manche gehen wieder nach einer Zeit.
Andere bleiben.
Sprechen mich nach dem Gottesdienst an und freuen sich, dass sie uns gefunden haben.
Sind dankbar, dass sie einen Moment hören oder mitsingen oder einfach nur dabeisein durften.
Loslassen.
Kraft schöpfen.
*
Christen singen.
Es gab eine Zeit, da haben sie nur zugehört – in der Kirche.
Andere singen lassen:
den Priester, den Diakon, einen kleinen Chor.
Oder Profiensembles.
Bis heute gibt es diese großartige Kirchenmusik zum Zuhören: Messen, Requiems, Oratorien.
Alles wunderbar!
Aber seit der Reformation gibt es auch wieder die großartige Kirchenmusik zum Mitmachen.
Zum Mitsingen.
Martin Luther hat damals damit angefangen, die Gemeinde mitsingen zu lassen.
Hat für die alten Gesänge neue deutsche Texte gemacht und viele, viele eigene Lieder beigesteuert.
Und dann haben sie gesungen.
Und der Gesang breitete sich aus.
Und sie kamen wieder gern in die Kirche.
Nun freut euch, lieben Christen g’mein,
und lasst uns fröhlich springen,
dass wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen… So hat Luther gesungen.
*
Mit Lust und Liebe singen – das tun wir.
Und dazu noch fröhlich springen – das könnten wir auch.
Vielleicht würden die Weisen und Klugen darüber immer noch den Kopf schütteln und die Nase rümpfen.
Aber wir wären Jesus und seinen Jüngern ganz nahe.
Wir Christen singen.
Und springen.
Und erzählen.
Und sind fröhlich miteinander.
Atmen auf.
Finden Ruhe.
Finden Trost.
Was uns belastet und bedrückt, wird leichter.
Und wir schöpfen Kraft für morgen.
So sei es.
Heute hier.
Und immer wieder.
Überall.
Amen.