Sonntag, 10. Mai 2015

Predigt am 10. Mai 2015 (Rogate)

Jesus sprach zu seinen Jüngern:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei.“
Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“
Sprechen zu ihm seine Jünger: „Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist.“
Jesus antwortete ihnen: „Jetzt glaubt ihr? Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
Johannes 16, 23b-33



Liebe Schwestern und Brüder,
Not lehrt beten, sagt man.
Oder: Angst lehrt beten.
In der Welt habt ihr Angst – darum betet ihr.
Wenn der Flieger auf die Startbahn rollt – und es kann ja doch was passieren; ein wahnsinniger Pilot, und was werden diese Menschen erst in den letzten Sekunden gebetet haben im Angesicht des Todes? – , wenn der Flieger auf die Startbahn rollt, kurz vorm Abheben, wenn ihr es nicht mehr in der Hand habt, euer Leben, dann betet ihr, legt euch und eure Angst in Gottes Hand.
Wenn der Freund totkrank ist, ihr sucht Hoffnungsstrohhalme, das Wunder, oder wenigstens die Kraft, das Unvermeidliche durchzustehen; und gute Worte und Gedanken, wenig Schmerzen, kleine Lichtblicke, und dass es das doch geben möge und er es doch glauben könne: das Danach und Besser und Ewig in Gottes Hand; ja, dann betet ihr.
Wenn einer sich aufmacht auf den ungewissen Weg in den Norden, durch die Wüste, übers Meer, ins unbekannte gelobte Land, wo es den Ärmsten besser geht als den Wohlhabenden bei ihnen; wenn sie ihr Erspartes zusammengelegt haben, um ihm diese Reise zu ermöglichen, dann beten sie alle für ihn, segnen ihn und geben ihn und ihre Angst in Gottes Hand.
Wenn der Tod vor der Tür steht mit Turban und Maschinenpistole, die Fluchtwege abgeschnitten; sprich: „Allah ist Gott und Mohammed sein Prophet“ – dann lassen wir dich leben, deine Frau und dein Kinder; ich glaube, da ist ein Mensch nur noch Angst – und Gebet.
Wenn euch die Not und die Angst dieser Menschen erreicht, dann lehrt sie euch auch das Beten.
In der Welt habt ihr Angst – darum betet ihr.
*
Manchmal träumen wir von einer Welt ohne Tod, ohne Krankheit, ohne Schmerz, ohne Hunger, ohne Armut, ohne Wahnsinn. Eine Welt ohne Angst.
Wahrscheinlich wäre das auch eine Welt ohne Gebet. Keine Angst, keine Not, kein Mangel würde die Menschen das Beten lehren. Gott würden sie nicht mehr brauchen, weil sie schon alles haben.
*
Vor 70 Jahren war der Krieg zu Ende. Damals ist viel gebetet worden. Vor und nach dem 8. Mai. In den Schützengräben. In den Luftschutzkellern. In den Todeslagern. In den Flüchtlingstrecks. Und auch in den Orten, wo die Sieger einmarschierten und konfiszierten, verhafteten, vergewaltigten.
Auch das gehört zur Geschichte vom Kriegsende. Es war nicht nur Befreiung, wie man uns im Osten beigebracht hatte.
Für viele war es die Katastrophe. In Wahrheit wohl aber doch der Anfang vom Ende einer Katastrophe. Einer Katastrophe, die schon lange vorher – nicht nur sechs oder zwölf Jahre - begonnen hatte. Aber nun war die Katastrophe zu denen zurückgekehrt, von denen sie ausgegangen war. Damals ist viel gebetet worden, denn die Not war groß, und die Angst.

In den 70 Jahren danach ist es besser geworden. Fast stetig. Die materielle Not war bald überwunden. Die Zukunft würde besser sein als die Vergangenheit; und so war es auch bis heute. Nur in den Nächten, da waren sie immer noch da, die Dämonen der Angst aus jener inzwischen so fernen Zeit. Ich kenne sie nur noch von ferne, indirekt von denen, über die sie immer noch Macht hatten. Die selten darüber sprachen und doch von ihnen geprägt waren. Die schiere Existenzangst, die Angst ums nackte Überleben; sie ist mir, sie ist unserer Generation und den Jüngeren fremd; Gott sei Dank! Nur in Augenblicken begrenzter Katastrophen, wenn einer ein Flugzeug zum Absturz bringt, wenn einer durchdreht und um sich schießt, oder wenn plötzlich die Diagnose Krebs im Raum steht, dann ist sie wieder da, für kurze Zeit, um sich bald wieder zurückzuziehen. Ja, dann beten wir verstärkt. Aber mit der Zeit lässt das wieder nach: die Angst und das Beten. Vielleicht beten wir deshalb nur noch so wenig, weil es uns so gut geht. Weil uns die große Lehrmeisterin des Betens abhanden gekommen ist. Gott sei Dank! – sollten wir sagen.


Jetzt kommen die Einschläge wieder näher. Im Osten Europas bangen und beten wieder Mütter um ihre Söhne. Im Süden kämpfen Flüchtlinge ums Durchkommen auf überfüllten Seelenverkäufern. Und nach Syrien sind es von Deutschland aus weniger Flugstunden als nach Teneriffa; aber da wollen wie nicht hin, denn da ist Krieg, Terror, Tod und Angst.
Was wir Woche für Woche in unsere Fürbittgebete packen, das sind genau diese Angstmacher. Wir beten für die Welt und gegen unsere Angst. Wir beten um eine Welt, die unser Gebet nicht mehr braucht. Das wäre ein Traum – der Himmel. Eine Welt, die Gott nicht mehr braucht, weil sie ihn hat. Weil er da ist und alles gut macht.
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Gott ist ja schon in die Welt gekommen. Nur dass sie ihn nicht erkannt hat. Nur ein paar wenige. Und die meinen gleich, nun wäre schon alles gut: Wie im Himmel so auf Erden. Keine Krankheit und kein Schmerz mehr; denn er heilte die Kranken. Kein Hunger und keine Armut mehr; denn er gab den Hungrigen zu essen. Kein Wahnsinn mehr; denn er vertrieb die Dämonen. Und kein Tod mehr; denn er weckte sogar Tote auf. Jetzt glauben wir, sagen sie. Alles ist gut, denn du bist da.
Jetzt glaubt ihr?, fragt er. Und was ist, wenn ich wieder weggehe? Dann seid ihr allein wie eh und je: In einer wahnsinnigen Welt voller Tod und Terror, Krieg und Krankheit, Not und Angst. Schon morgen.
Ja, was ist, seitdem Jesus wieder gegangen ist? Ans Kreuz? Und dann in den Himmel? Die Welt ist immer noch wahnsinnig. Um uns herum wird gestorben. Und wir Deutschen fühlen uns als moralische Sieger, weil wir schon ein Menschenalter lang keinen Krieg und keinen Holocaust angezettelt haben.
Leute, kommt auf den Boden zurück, sagt Jesus. Das ist noch nicht der Himmel. Das ist die Erde. Die Welt, die mich nicht haben will, und die euch Angst macht. Schon morgen, wenn ich am Kreuz hänge. Und übermorgen, wenn sie euch dafür hassen und töten, dass ihr mein Kreuz als Siegeszeichen tragt. In der Welt habt ihr Angst. Das ist normal!
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Ja, ich habe Angst. Vor allem habe ich Angst vor denen, die keine Angst mehr haben. Angst vor denen, die das Beten verlernt haben. Angst vor denen, die aus ihrer moralischen Überlegenheit heraus selber den Himmel auf Erden schaffen wollen und andere zu ihrem Glück zwingen, bzw. was sie dafür halten.

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Jesus sagt nicht: Ihr braucht keine Angst mehr zu haben.
Er sagt: Ihr HABT Angst! – Ist so. Aber seid getrost. Seid getröstet. Das, was euch Angst macht, das ist nicht alles. Diese Welt ist nicht die ganze Wahrheit. Es gibt mehr als dies: Einen Vater, der über allem ist. Einen Bruder, der für euch da ist. Einen Geist, der in euch träumt. Einen Himmel, in dem Tod und Leid, Geschrei und Schmerz vergangen sein werden. Das ist nicht die Welt, die Gott nicht mehr braucht, weil sie schon alles hat. Das ist die Welt, die alles hat, weil Gott in ihr wohnt. Da lehrt nicht die Angst das Beten, sondern der Dank.
Bis dahin beten wir: Dein Reich komme.
Amen.