Mittwoch, 31. Dezember 2014

Predigt am 31. Dezember 2014 (Altjahrsabend)

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen. Und wenn er kommt in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet’s so: selig sind sie. Das sollt ihr aber wissen: Wenn eine Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen. Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“
Lukas 12, 35-40



Seid bereit! – Immer bereit!
Pioniergruß.
Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt das.
Vor jeder Schulstunde das gleiche Ritual.
Und bei den zahlreichen Fahnenappellen in voller Form und Schönheit: Die Pioniere in ihren weißen Hemden und ihren blauen oder roten Halstüchern stehen stramm: Für Frieden und Sozialismus seid bereit! Und die Hände gehen über die Köpfe und alle brüllen: Immer bereit!
In der dritten Reihe – so dass man ihn möglichst nicht sah - stand einer ohne Halstuch, aber auch er im weißen Hemd, und auch seine Hand ging über den Kopf und auch seine Stimme vermeldete: Immer bereit!
Die roten wie schon zuvor die braunen Sozialisten hatten ihre Freude an solchen Ritualen:
wo sie alle in Reih und Glied stehen oder marschieren,
wo der einzelne in der Masse verschwindet,
wo gemeinsam die Ergebenheit an die größere Idee beschworen wird.
Bereit für Frieden und Sozialismus.
Oder für Führer, Volk und Vaterland.
Und der kleine Junge in der dritten Reihe, kann sich dem auch nicht entziehen.
Wo alle dasselbe brüllen, da fällt es schwer, aus der Reihen zu tanzen.
*
Seid auch ihr bereit!, sagt der Herr.
Und seine Christen stehen bereit.
Wie die Pioniere?
In Reih und Glied?
Die vorgegebenen Parolen nachbrüllend oder nachbetend?
Wo die einen Immer bereit! brüllten, sagen wir halt Amen und Halleluja und so weiter.
Und mancher aus der dritten Reihe hat sich längst davongestohlen, weil ihm die Parolen und Rituale hohl geworden sind.
Weil er nicht einfach mitmarschieren will in Reih und Glied.
Seid bereit!
Ich bin nicht bereit.
Sagen immer mehr.
Ich bin nicht bereit:
alles nachzubeten,
Ja und Amen zu sagen,
den Bischöfen oder Kirchenleitungen zu folgen.
2014: Ca. eine viertel Million Menschen werden in Deutschland wieder aus der Kirche ausgetreten sein. Weil sie nicht mehr bereit sind, da mitzumachen.
Oder weil sie schon lange nicht mehr mitmachen und nun auch nicht mehr bereit sind, das System Kirche mitzufinanzieren.
2015 wird es nicht anders werden.
*
Seid bereit!, sagt der Herr.
Ich komme. Stellt euch drauf ein.
Ob ihr in die Kirche geht oder nicht.
Ob ihr nachbetet, mitbetet oder gar nicht betet.
Ob ihr es glaubt oder nicht.
Ich komme.
Stellt euch drauf ein.
Seid bereit!
*
Kommt er 2015?
Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.
Vielleicht kommt er für alle sichtbar mit den Wolken.
Vielleicht kommt er nur für mich sichtbar,
nimmt mich an die Hand und sagt:
„Es ist so weit; komm mit!“
Vielleicht kommt er unsichtbar,
und ich höre nur sein Klopfen an der Tür.
Lasse ich ihn ein?
Öffne ich die Tür?
Bin ich bereit?
*
Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen.
Bin ich so ein Hausherr, zu dem der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht?
Und ich lasse ihn nicht herein?
Nicht einbrechen in mein Leben?
Mein wohlgeordnetes, chaotisches Leben?
Wenn Besuch kommt, räume ich erst auf.
Mache mir viel Arbeit.
Mache was zu essen.
Er soll es schön haben.
Und das Wichtigste: Ich will einen guten Eindruck machen.
Wenn ich wegfahre, räume ich auch auf.
Was sollen denn die Einbrecher denken!
Oder die Hinterbliebenen, falls mir was zustößt.
Das Wichtigste: Einen guten Eindruck machen.
Er kommt.
Und er sagt nicht: Macht einen guten Eindruck!,
sondern: Seid bereit!
*
Lasst eure Lichter brennen!
Das gefällt mir besonders gut am Ende eines Jahres, in dem dieses Video so populär wurde:
Die Tochter kommt nach Hause, im Wohnzimmer brennt Licht, und die Eltern haben Sex.
Und die Botschaft – spießiger geht’s nicht mehr: Licht aus!
Lasst eure Lichter brennen!, sagt Jesus.
Keine falsche Sparsamkeit!
Keine falsche Prüderie!
Keine falsche Korrektheit!
Lasst das Licht an!
Damit alle sehen, dass ihr noch lebt, dass ihr noch da seid.
Und damit ihr selber wach bleibt.
Und das Klopfen an der Tür nicht verschlaft und überhört.
Wenn der Herr klopft, dann möchte ich ihm gerne selber öffnen und nicht warten, bis er sich als Einbrecher selber Einlass verschafft. (Übrigens er darf das, denn mein Lebenshaus gehört ja ihm.)
*
Und wenn ich gerade noch nicht fertig bin mit Aufräumen und Kochen?
Was soll der Herr dann von mir denken?
Nun, er wird denken:
Dass ich eben noch nicht fertig bin.
Und wenn ich mich entschuldigen will, dann wird er sagen: „Wenn ich warten wollte, bis du dein ganzes Leben in Ordnung gebracht hast,
dann könnte ich ja nie zu dir kommen.“
Und dann wird er mich nach einer Schürze fragen und sich mit mir in die Küche stellen, und wenn alles fertig ist, dann lassen wir das dreckige Geschirr stehen, setzen uns an den Tisch und halten miteinander Abendmahl.

Kommt, es ist alles bereit, sagt der Herr.
Und du, bist du auch bereit?
Immer bereit, antworte ich.