Sonntag, 14. Dezember 2014

Predigt am 14. Dezember 2014 (3. Sonntag im Advent)

Als Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: „Was seid ihr hinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin und her weht? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichen Kleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ich sage euch: er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: ,Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.‘ Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er.“
Matthäus 11, 2-11


Kinderspiele.
Ich sehe was, was du nicht siehst. Das hatten wir letzte Woche. Und es passt diese Woche auch noch. Geht hin und sagt Johannes, was ihr hört und seht. – Ich sehe was, was du nicht siehst.
Mensch ärgere dich nicht. Das schlägt Jesus vor. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Und: Wer ist der Größte? – Naja, das ist kein Kinderspiel. Aber trotzdem in einem bestimmtem Alter – nein, ab einem bestimmten Alter – sehr beliebt. Kindergarten, sagen wir: Ich kann aber schon bis Zehn zählen. Ich habe aber mehr Autos. Ich bin größer als du… – Johannes ist der Größte, sagt Jesus. Aber der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. – Also wie jetzt? Wer ist der Größte?
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Ich sehe was, was du nicht siehst.
Ich sehe was, was ihr nicht seht, hatte Johannes gesagt damals am Jordan. Und darum waren die Leute zu ihm gekommen. Um es sich von ihm zeigen zu lassen. Von ihm, dem Seher, dem Propheten!
Und er hatte es ihnen gezeigt: Das Verderben. Das in ihren Herzen und das kommende. Das Gericht. Gottes Zorn. Und eine dünne Hoffnung auf Rettung aus eigener Kraft: Taufe, Buße, gute Werke.
Ich sehe ihn, den ihr nicht seht, sagte er und sprach von dem, der nach ihm kommt. Der nicht nur das Gericht predigt, sondern das Gericht vollzieht.
Ich sehe ihn, sagte er und zeigte auf Jesus: Seht, das ist Gottes Lamm!
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Und wenige Monate später sieht er nichts mehr. Ein blinder Seher, ein stummer Prophet. Johannes sitzt im Gefängnis. Er hört dies und das von Jesus, und er versteht nichts. Herodes sitzt immer noch in seinem Palast und er, der Prophet, hinter Gittern. Wo ist Gottes Gericht? Gottes Zorn? Gottes Gerechtigkeit? Was macht Jesus mehr als Worte? Ist er wirklich der, für den er ihn gehalten hat?
Johannes schickt seine Jünger, die ihn, wie auch immer, im Gefängnis besuchen oder kontaktieren können. Er schickt sie zu Jesus mit der entscheidenden Frage: Bist du’s oder sollen wir auf einen andern warten? Soll heißen: Bist du der gottgesandte Retter, oder habe ich von dir nichts mehr zu erwarten?
Jesus erklärt nichts. Er schickt sie zurück mit wenigen Worten: Sagt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt. Ihr seht etwas, was er nicht sieht. Sagt es ihm. Damit ihm die Augen aufgehen.
Wo Menschen geheilt werden, wo Tote auferstehen, wo Armen Hoffnung gemacht wird – da ist das Reich Gottes. Mitten unter euch. Mitten unter uns.
Ich sehe was, was du nicht siehst. Jesus heilt und befreit und macht lebendig. Wenn du das siehst, dann weißt du der Himmel ist nahe, und der Glaube ist ein Kinderspiel.
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Und wenn nicht?
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Mensch ärgere dich nicht. – Auch ein lustiges Kinderspiel. Deine Spielfiguren werden rausgeschmissen, du musst wieder von vorn anfangen, drei Runden würfeln, bis du endlich eine Sechs hast, und dann fliegt dein Männchen schon wieder raus und ein anderer hat gewonnen. Und du heulst vor Verzweiflung, weil das so ungerecht ist und immer nur die anderen gewinnen. Und diese anderen, die Großen, die lachen noch über dich: Ist doch nur ein Spiel. Mensch, ärgere dich nicht! – Sehr lustig!
Ein Sch...-Spiel! Du wirst es niiie wieder spielen. – Bis zum nächsten Wochenende. Dann spielst du doch wieder mit. Du kannst ja Glück haben und es den Großen endlich zeigen, wer hier wen rausschmeißt. Und dann ärgern sie sich – und dürfen dann nicht heulen, weil sie ja groß sind. Oder aber du hast wieder Pech… Sch…-Spiel!
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Mensch, ärgere dich nicht. Das gibt Jesus den Johannes-Jüngern mit auf den Weg – als Botschaft für ihren Meister, der gerade im Gefängnis sitzt, das ihm am Ende zur Todeszelle wird. Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Johannes hofft auf den Messias, den Retter, den Befreier. Und der sagt nicht etwa: Mein Freund Johannes sitzt im Gefängnis, lasst uns was tun! Er lässt ihm Grüße ausrichten und er solle sich nicht ärgern. Jesus kann nicht helfen oder will nicht helfen oder hat gerade etwas anderes zu tun: Kranke heilen, Armen das Evangelium verkündigen. Siehst du, da ist das Reich Gottes. Alles wird gut. Mensch, ärgere dich nicht!
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Blinde sehen. – Aber andere verlieren das Augenlicht. Oder schauen weg.
Lahme gehen. – Aber andere erlahmen. Oder verunglücken. Sind behindert. Oder werden behindert.
Aussätzige werden rein. – Aber andere werden wie Aussätzige behandelt. Oder sterben an einer anderen Krankheit.
Taube hören. – Aber andere halten sich die Ohren zu. Oder können ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen.
Tote stehen auf. – Aber viel mehr Menschen sterben, die gerade noch lebendig waren. Oder sind schon tot, obwohl sie noch leben, irgendwie.
Armen wird das Evangelium gepredigt. – Aber viele vernehmen nur noch die bösen Nachrichten.
Viele, die auf Gott hoffen, sitzen in Gefängnissen – wie Johannes –, sind vom Tod bedroht oder auf der Flucht, ohne Heimat, ohne Hab und Gut. Und dann heißt es: Mensch, ärgere dich nicht?
Wenn dir das Elend der ganzen Welt auf den Leib rückt, wenn du selbst bei den Verlierern bist, dann tut es weh, wenn du auch noch gesagt kriegst: Mensch, ärgere dich nicht! – Dann ist Glaube gerade kein Kinderspiel.
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Wer ist der Größte?
Die Leute haben Johannes zugehört, und der hatte gesagt: Der nach mir kommt, ist größer als ich, und hatte auf Jesus gezeigt.
Die Leute haben Jesus zugehört, und der sagte: Johannes ist der Größte.
Vielleicht erkennt man ja wahre Größe daran, das einer den andern größer sein lässt.
Johannes hat Größe. Weil er sein Leben einsetzt für die Gerechtigkeit: dem König Herodes sein Unrecht auf den Kopf zu sagt. Weil er sich selbst klein macht und den anderen, Jesus, groß. Weil er sich selbst noch in seinen eigenen Zweifeln an den wendet, an dem er gerade verzweifelt: Bist du’s Herr? Bist du der Retter?
Johannes ist der Größte sagt Jesus. Aber er fügt etwas hinzu: Der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. – Ein kleiner Zusatz und das Lob ist vergiftet. Alles relativiert. Die Größe des Johannes schrumpft auf Menschenmaß. Es ist nur irdische Größe, menschliche Größe, heroischer Glaubensmut, vielleicht sogar die Größe, den Ärger über Gott und seinen soften Messias auszuhalten.
Es muss noch eine andere Art von Größe geben: himmlische Größe. Eine Größe, die nicht aus menschlichen und übermenschlichen Leistungen kommt. Sondern eine Größe, die einem einfach so geschenkt wird.
Ich glaube, es ist die Größe Gottvertrauen, die Jesus meint. Man kann auch Glaube dazu sagen. Oder Seligkeit. Die gibt es nur geschenkt.
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Selig ist, wer sehen kann, was nicht jeder sieht: Dass schon Blinde und Lahme geheilt werden, dass Tote erweckt werden und Gefangene befreit, und dass das Himmelreich nahe ist.
Selig ist, wer sich nicht ärgert über das, was noch fehlt, sondern sich freut, an dem, was schon da ist.
Selig ist, wer verlieren kann.
Selig ist, wer auf Erden nicht der Größte sein muss, weil es ihm genügt, im Himmel der Kleinste zu sein.
Selig ist, wer gewiss ist, dass ihn nichts von Gottes Liebe trennen kann.
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Nein, Glaube ist kein Kinderspiel.
Glaube ist ein Weihnachtsgeschenk.