Donnerstag, 25. Dezember 2014

Predigt am 25. Dezember 2014 (Christfest)

Radikal verschlankte Neufassung einer Predigt von 2008

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.
Es war ein Mensch, von Gott gesandt, der hieß Johannes. Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch in glaubten. Er war nicht das Licht, sonder er sollte zeugen von dem Licht.
Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannes 1, 1-14


Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Sagte Hermann Hesse. Ihr kennt das sicher.
Weihnachten ist ein neuer Anfang. Und darum ist Weihnachten auch so zauberhaft.
Am Anfang ist alles offen. Eine offene Tür. Ein weiter Raum. Alles ist möglich.
Ein Menschenleben beginnt. Was wird aus diesem Anfang? Aus diesem Menschenleben? Alles ist offen. Alles ist möglich.
Eine Liebe beginnt. Zwei Menschen entdecken einander, und ihr Leben gewinnt eine ungeheure Weite. Ein großer neuer Raum öffnet sich. Gemeinsam wollen sie ihn entdecken und bewohnen. Alles ist möglich.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Eine neue Arbeit. Ein neuer Wohnort. Vielleicht hier auf der Insel. Neue Wege, neue Menschen, neue Herausforderungen. Dinge ausprobieren, die wir noch nie getan haben. Alles ist möglich.
Der Zauber des Anfangs.
*
Aber nicht immer ist Anfang. Anfänge verbrauchen sich. Mit jedem Schritt, den wir weiter gehen, weg vom Anfang, wird der offene Raum der Möglichkeiten kleiner.
Die neue Arbeit wird zur Routine. Und der neue Wohnort zur vertrauten Umgebung. Die neuen Wege treten sich aus. Wir schauen schon gar nicht mehr rechts und links.
Liebe wird alt. Man hat sich aneinander gewöhnt, den andern erkannt, durchschaut. Gemeinsamer Alltag heißt: All Tag dasselbe. An den ersten Kuss erinnern wir uns noch nach Jahrzehnten. An den hundertsten oder tausendsten nicht mehr. Der ist halt wie alle andern. Aber schön, wenn wir uns überhaupt noch küssen!
Kinder werden groß. Machen Freude, machen Sorgen, gehen ihre eigenen Wege. Treffen ihre eigenen Entscheidungen. Manchmal träumen Eltern davon, dass ihre Kinder noch mal ganz klein wären. Sie sind es nicht.
Wir sind nicht mehr am Anfang. Meistens nicht. Wir sind irgendwo zwischendrin. In den Routinen. Auf den ausgetretenen Wegen. Haben uns aneinander gerieben und aneinander gewöhnt. Haben Entscheidungen für unser Leben getroffen, die gut waren oder auch nicht. Wir sind, die wir geworden sind.
Und wir feiern Weihnachten zum einundfünfzigsten Mal – oder auch zum einundsiebzigsten.
Auch unsere Weihnachten sind keine neuen Anfänge mehr.
Das Wasser, das du in den Wein gossest, kannst du nicht mehr herausschütten. Sagte Bertolt Brecht.
*
Manchmal wird unsere Sehnsucht nach einem neuen Anfang ganz groß. Dann packen wir unsere Sachen und ziehen an einen anderen Ort. Gehen auf die Insel. So war das bei uns – vor vier Jahren.
Manche hängen ihren alten Beruf an den Nagel und fangen noch mal was ganz Neues an. Nach zwanzig oder dreißig Jahren.
Manche hängen auch ihre alte Liebe an den Nagel, um noch mal den Zauber des Anfangs zu erleben in einer neuen Liebe.
Und manche setzen sogar noch mal ein Kind in die Welt, nachdem die ersten Kinder schon aus dem Haus sind.
Wieder ist Anfang. Wieder ist alles offen. Ein weiter Raum der Möglichkeiten.
Aber auch diese Anfänge werden sich verbrauchen. Der Zauber verfliegt. Schneller wahrscheinlich als beim ersten Mal. Möglichkeiten verbrauchen sich. Türen schließen sich.
Irgendwann sind die Wege zu Ende gegangen und nur noch eine Tür zu durchschreiten. Und hoffentlich können wir es sehen, dass dort der Zauber des Anfangs neu auf uns wartet – im großen Raum der Ewigkeit.
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Gott fängt neu an. Eine ganze Welt. Ein ganzes Universum.
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, steht als erster Satz in der Bibel.
Am Anfang war das Wort, steht als erster Satz im Johannesevangelium.
Gottes erstes Wort hieß: Es werde Licht! So steht es auf der ersten Seite der Bibel.
Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. So steht es wieder bei Johannes.
Mit Gottes Wort fängt alles an. Und mit dem Licht.
Eine neue Schöpfung. Ein weiter Raum. Alles ist möglich. Der Zauber des Anfangs.
Aus dem Tanz der Elementarteilchen werden Sterne und Galaxien.
In den Verbindungen der Moleküle ist da auf einmal Leben. Leben, das weiter leben will und sich selbst erhält und vermehrt und verändert und anpasst an die unterschiedlichsten Lebensbedingungen. Hinein in den weiten Raum der Möglichkeiten.
Und dann sind da lebendige Wesen, die über sich und das Leben nachdenken können. Die aus eigener Kraft neue Lebensräume schaffen können. Die selber etwas Neues anfangen können. Die selber Schöpfer sind: Menschen, die das Licht sehen und das Leben bestaunen und eigene Worte sprechen. Ant-worten auf Gottes Wort.
*
Auch Gottes erster Anfang ist vergangen. Sein Zauber ist verloren gegangen.
Schon bald hörten die Menschen auf, auf Gottes Wort zu hören und ihm zu antworten. Sie gewöhnten sich an diese Welt und ihre Wunder. Sie hörten auf zu staunen über das Wunder des Lebens. Ihnen schien der Raum der eigenen Möglichkeiten so eng, dass sie ihresgleichen aus diesem Raum des Lebens zu verdrängen suchten, ihre Mitmenschen töteten, vertrieben, verachteten, bekämpften. Davon lesen wir schon auf den nächsten Seiten der Bibel. Und es ist noch heute so.
Der Zauber des Anfangs ist verloren gegangen. Das Wasser, das wir uns in den Wein gegossen haben, können wir nicht wieder herausschütten.
Unsere Welt ist alt geworden und wir mit ihr. Wir können nicht mehr neu anfangen. Wir nicht.
*
Aber Gott. Gott fängt neu an. Eine ganze Welt. Ein Universum. Eine neue Schöpfung.
Am Anfang ist sein Wort: Es werde Licht! Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.
So erzählt Johannes die Weihnachtsgeschichte.
Gott fängt neu an. Nicht ganz von vorne. Er vernichtet nicht einfach die alte Welt und schafft eine neue. Er vernichtet nicht einfach den Menschen, den er doch geschaffen hat.
Er lässt sein Wort vom Anfang noch mal neu in die alte Welt hineingehen. Er lässt es Fleisch werden. Er lässt es als Mensch unter den Menschen wohnen.
Er sagt aufs Neue: Es werde Licht!
Und da ist Jesus Christus, der sagt: Ich bin das Licht.
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So erzählt uns Johannes die Weihnachtsgeschichte: Ohne Stall und Krippe. Ohne Maria und Josef. Ohne Hirten und Könige. Ganz abstrakt. Hochtheologisch.
Ich bin froh, dass es auch die anderen Weihnachtsgeschichten gibt: die vom Stall und der Krippe, von Maria und Josef, von den Hirten und Königen. Da haben wir was zu sehen. Da können wir uns was vorstellen. Und es ist allemal dieselbe Geschichte:
Ein Kind wird geboren, und das Leben fängt neu an. Es wird Licht bei den Hirten, und sie machen sich auf den Weg zu dem Kind.
Ein Stern geht auf, und die Könige gehen los, weil er ihnen einen neuen Anfang verheißt.
Gott fängt neu an. Und in ihrem Leben fängt etwas Neues an, als sie da vor der Krippe knien.
Weihnachten ist ein neuer Anfang. Und es ist zauberhaft.
*
Gott fängt neu an. Vielleicht auch mit dir.
Du musst nicht nochmal umziehen. Du musst nicht noch eine neue Liebe suchen. Du musst nicht den verpassten Gelegenheiten nachtrauern und über das Wasser im Wein deines Lebens klagen.
Irgendwann werden die Wege deines Lebens zu Ende gegangen sein. Und du wirst nur noch eine Tür durchschreiten.
Aber vielleicht kannst du heute schon hineinsehen in diesen großen weiten Raum der Ewigkeit.
Denn diese Tür steht heute offen. Es ist die Tür des Stalls von Bethlehem. Da siehst du Gottes zauberhaften neuen Anfang. Auch mit dir.