Sonntag, 7. Dezember 2014

Predigt am 7. Dezember 2014 (2. Sonntag im Advent)

Lukas 21, 25-31

Mutti, wann sind wir denn endlich da? – Wir sitzen im Zug, fahren die Tante besuchen, und da sind wir schon mal ein paar Stunden unterwegs. Die Frage kommt zwangsläufig: Wann sind wir denn endlich da?
Und dann fängt die Mutter an: Ich sehe was, was du nicht siehst. – Und die lange Zugfahrt ist gerettet.
Ich sehe was, was du nicht siehst, und das sieht rot aus. Mein Kopf geht in alle Richtungen, meine Augen schauen dahin und dorthin. – Die rote Fahne da draußen? – Nein. Das Muster auf meinem Mini-Rucksack (Damals sagten wir „Campingbeutel“)? – Ja… Und jetzt du. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist blau. Mein Mantel? – Nein. Die Uniform vom Schaffner? – Nein. Der Himmel draußen? – Ja...
Ich sehe was, was du nicht siehst. – Das ist allemal besser als: Wann sind wir denn endlich da?
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Eigentlich müsste das Spiel ja heißen: Ich sehe was, was du auch siehst, oder: was du auch sehen kannst – wenn du nur hinschaust.
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Wann ist endlich Weihnachten? – Das ist auch so eine ungeduldige Kinderfrage. Und damit die Zeit nicht so lang wird, spielen wir auch im Advent Ich sehe was, was du nicht siehst. Nur etwas anders. Ich sehe schon das Licht von Weihnachten – jeden Adventssonntag eins mehr. Ich schmecke schon den Geschmack von Weihnachten – in den Leckereien, die es schon im Advent gibt. Ich bekomme schon jetzt was geschenkt: zum Beispiel am Nikolaustag, oder wenn wir uns kleine Überraschungen wichteln. Ich höre schon jetzt die Weihnachtsengel singen – wenn die guten alten Weihnachtslieder über unsere Lippen oder aus den Lautsprechern kommen. Ich sehe jetzt schon die Weihnachtsgeschichte vor mir – wenn sie sich auf der Pyramide dreht, oder wenn die Weihnachtskrippen da und dort liebevoll aufgebaut sind, gerade auch hierzulande.
Ich sehe Weihnachten, und du kannst es auch sehen, wenn du nur hinschaust.
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Ich sehe was, was du nicht siehst. Weil du woanders hinschaust als ich. Weil du mit anderen Augen schaust als ich.
Ich kann meinen Kopf wenden und meine Augen in verschiedene Richtungen blicken lassen:
Zurück – in die Vergangenheit. Es ist meine Vergangenheit. Du siehst sie nicht. Wenn ich dir nicht davon erzähle.
Nach vorn – in die Zukunft. Es sind meine Wünsche, meine Pläne, meine Befürchtungen, die ich sehe. Weniger das, was dann wirklich kommt. Aber du weißt nichts davon, was ich erwarte, wenn ich es dir nicht sage. Du schaust mit anderen Augen in die Zukunft als ich.
Ich kann meine Augen nach verschiedenen Seiten blicken lassen. Nach links: da sehe ich den Fortschritt, die Gerechtigkeit – das, was sich zum Guten verändern soll. Nach rechts: da sehe ich die Tradition, das Bewährte – das, was so bleiben soll, wie es war.
Und ich kann nach oben und nach unten blicken. Nach unten – auf meinen Weg, den ich gehe, aber auch auf alles, was eng und gefährlich ist hier unten auf der Erde und was mich am weitergehen hindert. Oder ich blicke nach oben – zum Himmel, wo die Wolken ziehen und die Flugzeuge, und wo die Engel schweben, auch wenn wir sie nicht sehen, und wo wir einen guten Vater überm Sternenzelt ahnen. Und dann gehe ich weiter – im Vertrauen auf ihn.
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Wann sind wir denn endlich da?, fragen die Jünger ihren Meister. Wann ist ES endlich da, das Reich Gottes? Wann sind wir am Ziel?
Jesus sprach zu seinen Jüngern: Es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden wie sehen den Menschensohn kommen in einer großen Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dies anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Ich sehe, was, was ihr nicht seht, sagt Jesus. Ich sehe Zeichen am Himmel und auf der Erde. Ich sehe Kriege und Katastrophen. Ich sehe Not und Entsetzen.
Und: Ich sehe den Himmel offen. Ich sehe den Menschensohn vom Himmel kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
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Er sieht etwas, was wir nicht sehen. Wo wir nur den offenen Himmel sehen und den Gesang der Engel hören wollen, da sieht er die Katastrophen und das Leid auf der Erde. Wo wir den Friedenskönig erwarten, da sagt er: Ich bringe das Schwert.
Aber wo wir vor Entsetzen und Verzweiflung nicht mehr aus den Augen schauen können und fragen: Wie kann Gott das zulassen, wenn es ihn denn gibt?, und wo wir meinen, wir wären rettungslos verloren, da sagt er: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!
Er sieht etwas, was wir nicht sehen. Er sieht gerade das, was wir nicht sehen. Nicht sehen können. Nicht sehen wollen.
Wenn wir nur zurückblicken, dann sagt er: Ich sehe eine Zukunft. Wenn wir um uns herschauen, nach links und nach rechts, und die Sorge um unsere Welt uns verrückt macht, dann sagt er: Ich sehe mehr, ich sehe das Reich Gottes mitten unter euch. Und wenn wir den Blick gesenkt haben, ängstlich am Boden haftend, sagt er: Ich sehe den Himmel offen.
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Wann sind wir endlich da? Wann ist ES endlich da, das Reich Gottes? Wann wird alles gut? – Das ist die ungeduldige Gotteskinderfrage.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst dass das Reich Gottes nahe ist.
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Im Advent kann man schon Weihnachten sehen. Und in dieser Welt schon Zeichen des Gottesreiches.
Wo? – Nun, vielleicht sollten wir miteinander spielen: Ich sehe was, was du nicht siehst. Und wir zeigen uns gegenseitig die Knospen des Himmelreichs. Und vielleicht sogar schon Früchte. Lasst uns gemeinsam auf die Suche gehen!
Ich sehe schon das Reich Gottes, und du kannst es auch sehen; schau nur hin!