Sonntag, 21. Dezember 2014

Predigt am 21. Dezember 2014 (4. Sonntag im Advent)

Maria machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth. Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.“
Und Maria sprach:
„Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat großen Dinge an mir getan, der da mächtig ist
und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt an seine Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“

Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.
Lukas 1, 39-56


Maria


Da steht sie. Jung. Zart. Ihr Kind auf dem Arm. Da steht sie mit goldgesäumtem Mantel, mit goldglänzendem Haar, mit goldener Krone auf dem Kopf. Da steht sie, jahraus jahrein. Sieht die Leute kommen und gehen. Viele ignorieren sie einfach. Andere schauen zu ihr auf oder senken die Augen. Murmeln: Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade… Lichter brennen ihr zu Ehren. Und wir haben uns an sie gewöhnt. Immer ist sie dabei, nimmt teil an unseren Gottesdiensten. Betet mit uns. Oder betet auch für uns.
So oder so ähnlich – oder auch ganz anders – steht sie landauf landab in den Gotteshäusern. Manchmal ist sie auch unterwegs: mit den Menschen zu den Menschen. Die holen sie heraus aus den Kirchen und tragen sie über Berge und durch Städte, fahren sogar mit ihr aufs Meer hinaus. Maria, voll der Gnade, sie möge Gottes Gnade zu den Menschen tragen.
*
Da steht sie. Jung. Zart. Ihr Kind unter dem Herzen (obwohl sie das noch kaum weiß). Da steht sie, mit staubigen Füßen und verschwitztem Kleid, erschöpft von mindestens vier Tagesmärschen: Übers Gebirg Maria geht zu ihrer Bas Elisabeth – so haben wir’s die letzten Wochen im Kirchenchor geübt, und so werden wir’s am Weihnachtsabend singen.
Da steht sie vor der Tür bei ihrer Verwandten und hält noch mal inne, bevor sie anklopft. Durchatmen. Was soll sie der Älteren sagen: „Ich hab gehört, du bist schwanger. Hat mir der Engel Gabriel erzählt“? – Klingt ein bisschen verrückt. Und Maria ist genau deshalb hier: Sie muss rausbekommen, ob sie wirklich verrückt ist. Es könnte ein Traum gewesen sein, eine Halluzination, eine Einbildung: dieser Engel; er hatte sie mit merkwürdigen Worten begrüßt: Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade!, und ihr noch viel Merkwürdigeres gesagt: sie würde schwanger werden – wie auch immer; sie lebte ja noch nicht mit ihrem Josef zusammen. Und der Engel hatte ihr gesagt: „Deine Verwandte Elisabeth ist auch schwanger, obwohl sie schon so alt ist.“ – Das muss sie jetzt herausbekommen, ob das wirklich stimmt. Wenn ja, dann stimmt alles; dann ist sie nicht verrückt.
Die Tür öffnet sich, und da steht sie vor Elisabeth, grüßt zaghaft. Und als Elisabeth den Mund auftut, da klingt es fast so, als ob der Engel wieder zu ihr spräche: Gegrüßt seist du, Maria! – Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes! Elisabeth nennt Maria die Mutter ihres Herrn, und sagt, ihr Kind in ihrem Leib habe vor Freude einen Hupfer gemacht. Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.
Da steht sie und ist überwältigt von dem vielen, was in diesen wenigen Worten gesagt ist. Alles stimmt: Elisabeth ist schwanger und sie bestätigt ihr ungefragt, was ihr der Engel gesagt hat. Es stimmt alles; und es ist doch verrückt.
Da steht sie. Überrascht. Überwältigt. Erfüllt. Und Worte kommen aus ihrem Mund, aus ihrem Herzen. Aus dem tiefsten Inneren. Worte, die sie sich nicht ausgedacht hat. Sondern die inspiriert sind. Inspiriert von den Psalmen und Prophetenworten Israels, die ihr vertraut sind. Inspiriert von Gottes Geist, der die alten Worte neu zusammensetzt und sie zu ihren Worten macht: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes. – Magnificat anima mea dominum.
*
Marias Worte machen Gott groß. Wörtlich: Magnificat: Groß macht meine Seele den Herrn. Maria hat es am eigenen Leibe, an der eigenen Seele erfahren: So groß ist Gott! Ihm ist alles zuzutrauen. Wenn das stimmt, was er an ihr getan hat, dann stimmt alles: Nicht nur, dass die Unfruchtbare schwanger wird. Nicht nur, dass die Jungfrau ein Kind zur Welt bringt. Sondern auch, dass die Gewalttäter vom Thron gestoßen werden. Dass die Hungrigen satt werden. Und dass Israel geholfen wird.
Marias Worte machen Gott groß, aber den Menschen nicht klein. Sie machen Gott groß, weil er die Menschen groß macht. Sie hat es an sich erfahren: Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Gott macht eine ganz Kleine ganz groß: Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
So ist es ja auch gekommen. Sie preisen sie selig; sie verehren sie: Gegrüßt seist du Maria, voll der Gnade! Sie bitten sie um Fürbitte und um Hilfe.
*
Und sie steht da, jahraus jahrein, landauf landab. Ewig jung. Zart. Gold im Haar und Gold am Mantelsaum. Die Krone auf dem Kopf. Wir haben uns an sie gewöhnt. Und doch fremdeln wir mit ihr. Wir Protestanten. Wir grüßen sie nicht. Auch wenn sie da steht. Auch wenn sie mit uns betet. Oder auch für uns.
Vielleicht stören wir uns auch an dem Gold und an der Krone. Aber diese Krone, die hat ihr Gott aufgesetzt, nicht die Menschen; so glauben es unsere Schwestern und Brüder. Die Katholiken. Denn Gott hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Er hat diese Kleine ganz groß gemacht. Ein einfaches Mädchen zur Himmelskönigin.
Dabei ist diese Krone so besonders nun auch wieder nicht. Sie nimmt vorweg, was uns alle erwartet: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben (Offenbarung 2, 10). Viele Bibelstellen sprechen von dieser Krone, dem Siegeskranz für die Gläubigen. Und auf vielen alten Bildern ist sie dargestellt: manchmal wie eine Königskrone, manchmal wie ein Strahlenkranz. Heiligenschein, sagen wir auch. Marias Krone ist nicht exklusiv. Es ist die Krone, die Gott den Kleinen und Schwachen, den Unverständigen und Ungebildeten, den Hungrigen und Niedrigen aufsetzt, wenn er die gekrönten Häupter dieser Welt von ihren Thronen gestoßen hat.
*
Da stehen wir nun. Nicht mehr ganz jung. Nicht mehr ganz zart. Stehen vor Gott und klopfen an. Wir fragen uns und wir fragen ihn: Sind wir nicht ein bisschen verrückt? Stimmt das wirklich: mit dem Engel? Und dem Erlöser, dessen Geburt wir feiern? Stimmt das: dass die Jungfrau ein Kind zur Welt bringt? Dass Gott die Gewalttäter vom Thron stürzt? Dass die Hungrigen satt werden?
Da stehen wir. Und Maria steht bei uns. Steht uns bei. Mit ihrem Glauben. Mit ihrer Gewissheit. Mit ihrer Freude.
Und mit ihrem Kind. – Ich bin froh, dass „unsere“ Maria ihr Kind auf dem Arm hat. Gottes Kind. Und ich bin froh, dass dieses Kind seinerseits die Weltkugel in der Hand hält. Er hält die ganze Welt in seiner Hand – He’s got the whole world in his hand.
Da stehen wir. Mit Maria. Und es kann geschehen: Es öffnet sich eine Tür. Und die Klarheit des Herrn leuchtet um uns. Und wir hören die Stimme des Engels. Und wir sehen, wie Gott sich ganz klein macht – um uns ganz groß zu machen. Und wir werden ganz gewiss: Es stimmt alles. So verrückt es ist.
Da stehen wir. Überrascht. Überwältigt. Erfüllt. Inspiriert. Gott ist zu uns gekommen. Es ist Weihnachten.
Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes meines Heilandes.