Sonntag, 3. November 2013

Predigt am 3. November 2013 (23. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‚Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.‘ Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“
Matthäus 5, 33-37


Liebe Schwestern und Brüder,
die vergangene Woche war ja nun nicht mehr so sehr ergiebig, was die Neuigkeiten über den katholischen Skandal-Bischof mit dem langen Namen betrifft. Franz-Peter Tebartz-van Elst hat sich ins Kloster zurückgezogen und schweigt. – Besser so! Noch besser für ihn wäre es gewesen, er hätte schon früher geschwiegen. Hätte sich nicht in Halb- und Unwahrheiten verstrickt und die auch noch an Eidesstatt beschworen.
Du sollst keinen falschen Eid schwören. – Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. Dazu schwört man Eide, damit klar ist: Diese Aussage ist verlässlich wahr. – Wenn sie es dann doch nicht ist, hat man sich strafbar gemacht.
Genau genommen hat man sich die Strafe Gottes zugezogen. Denn das ist ursprünglich ein Eid: Ich rufe Gott zum Zeugen an, den ich nicht belügen kann. Und ich rufe Gottes Strafgericht auf mich herab für den Fall, dass ich die Unwahrheit sage. Gott tue mir dies und das, wenn nicht… – so wird im Alten Testament immer wieder geschworen.
Und nun hat ein Bischof, einer, den man so gerne einen Gottesmann nennt, möglicherweise einen Meineid geleistet: Gott zum Zeugen angerufen für eine Falschaussage. (Und wenn es formal keine Falschaussage gewesen sein sollte, dann doch eine Aussage, die etwas anderes nahelegte, als das, was wirklich war.) Er hat den Namen des Herrn missbraucht – 2. Gebot (nach reformierter Zählung 3. Gebot)! – selbst dann, wenn er bei seiner Aussage, den Gottesnamen nicht in den Mund genommen hat. – Ja, so ernst muss man das nehmen.
Und das ist für mich auch der eigentliche Skandal. Menschliche Eitelkeit und Uneinsichtigkeit, ein misslungenes Baukostenmanagement, ein unzeitgemäßes Amtsverständnis – das kommt alles vor, das ist menschlich, da sollte man gnädig und barmherzig sein können. Und die Relationen wahren: Ein Monat Bauverzug auf dem Großflughafen Berlin kostet genau so viel wie die ganze Limburger Bischofsresidenz. – Nein, der eigentliche Skandal ist es, wenn einer, der von Berufs wegen der Wahrheit verpflichtet ist, die Unwahrheit sagt, und wenn einer, der Gott verpflichtet ist, Gott zum Kumpanen seiner Lüge macht – frei nach dem Motto: Gott sieht alles, aber er verrät mich nicht. – Wirklich nicht?
Du sollst keinen falschen Eid schwören. – Eine Selbstverständlichkeit eigentlich. – Jesus aber setzt noch eins drauf (so wie immer): Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt.
Warum nicht? – Nun, ihr seht es doch: auch die großen Schwüre und Indianerehrenworte der Ehrenmänner dieser Welt haben oft genug kurze Beine. – Wenn ihr ohnehin schon Schwierigkeiten mit der Wahrheit habt, dann macht es doch um Gottes Willen und um eurer selber willen nicht noch schlimmer und lasst Gott und Himmel und Erde doch einfach außen vor bei euren Aussagen! Schwört keine Eide, sondern sagt Ja oder Nein, und gut ist!
Eigentlich aber, eigentlich ist das noch ein bisschen anders gemeint: Wie wäre es denn, wenn ihr einfach nur und immer ganz genau die Wahrheit sagen würdet? Wie wäre es, wenn auf euer Wort Verlass wäre, auch ohne Schwüre und Ehrenworte? Wenn ein Ja Ja bedeutete, und ein Nein Nein? Wäre das nicht wunderbar? Wäre das nicht das Reich Gottes?
Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. – Ich verstehe das so: Wenn du Ja sagst, meinst du Ja, wenn du Nein sagst, meinst du Nein. Wenn das immer so ist und jeder von dir weiß, dass du die Wahrheit sagst, dann brauchst du keine eidesstattlichen Versicherungen abzugeben nach dem Motto: „Ganz ehrlich jetzt… Das kannst du glauben… Das ist nicht geflunkert… Ich übertreibe nicht… Großes Pionierehrenwort…“, und was der Floskeln mehr sind. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch…  ein großes Ehrenwort abgibt. Wer niemals lügt, dem glaubt man, auch ohne viel Brimborium drumherum. – Seid doch einfach solche ehrlichen, glaubwürdigen Menschen!, sagt Jesus.
Freilich, das ist leichter gesagt als getan. Wir wissen ganz gut, dass unsere ganze Kultur auf Lüge und Verstellung beruht. Schon wenn ich dem Nachbarn einen Guten Morgen wünsche, kann das gelogen sein. Und doch gebietet es die Höflichkeit, und letztlich ist es auch besser, wir wünschen uns einen guten Morgen, als dass wir uns sagen: Du kannst mir gestohlen bleiben. Wir sagen uns nicht immer offen, was wir voneinander halten. Wir verbergen unsere wahre Gesinnung, um des lieben Friedens und des freundlichen Miteinanders willen. Dieses unvergessene ehrliche Wort, das vor ein paar Monaten von Parteifreund zu Parteifreund gesagt wurde: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“, sollte vielleicht doch nicht unbedingt Schule machen.
Ja, es gehört wohl zu unserer menschlichen Existenz dazu, dass wir die Wahrheit in reiner Form nur selten antreffen, ja, dass wir die Wahrheit in reiner Form auch nur selten ertragen. – Wer möchte schon immer genau wissen, was die anderen von einem denken? – Trotzdem, Wahrheit und Wahrhaftigkeit sind ein Ideal, philosophisch gesprochen: eine regulative Idee, an der wir uns immer orientieren sollten, die wir zwar nicht erreichen, an die wir uns aber annähern können. Wenn wir auch nicht immer eindeutige und wahrhaftige Ja- und Nein-Sager sein können, so sollen wir uns doch wenigstens darum bemühen und so nahe wie nur möglich dranbleiben an der Wahrheit.
Wahrheit bedeutet im Grunde genommen Übereinstimmung: Aussage und Wirklichkeit stimmen überein. Was ich sage und was ich denke, stimmt überein. Was ich lebe und was ich glaube, stimmt überein.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir in Übereinstimmung mit uns selbst. Wo Ja und Ja, Nein und Nein auseinanderfallen, da fallen wir selber auseinander. Wir spielen Rollen, wir tragen Masken, wir sagen hier etwas anderes als dort. Wir werden im Extremfall zu gespaltenen Persönlichkeiten.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir auch in Übereinstimmung mit unserem Nächsten. Er weiß, woran er ist mit uns. Wir sind nahe beieinander. – Das ist etwas, was gute Ehen, Partnerschaften und Freundschaften auszeichnet: Dass man sich die Wahrheit sagen kann, ohne sich zu verstellen und ohne sich zu verletzen.
Wenn Ja Ja bedeutet und Nein Nein, dann sind wir auch in Übereinstimmung mit Gott. Gott können wir ohnehin nicht belügen, eher noch uns selbst. Gott ist die Wahrheit.
Jesus ruft uns zur Wahrheit, zur Wahrhaftigkeit. Denn Jesus ruft uns zu Gott. Gott ist die Wahrheit. Er ist wahrhaftig. Davon leben wir: dass Gottes Worte wahrhaftig sind, zuverlässig. Dass wir ganz gewiss sein dürfen: Gott sagt Ja zu uns, und dieses Ja gilt in alle Ewigkeit.
Und wenn Gott zu uns Ja sagt, dann sagt er auch dann noch Ja, wenn wir etwas verbockt oder versaut haben, wenn wir etwas am liebsten verstecken und ungeschehen machen wollen. Wir müssen uns und der Welt nicht die Wirklichkeit zurechtlügen. Gott, der die ganze Wahrheit kennt, sagt Ja zu uns, auch da, wo wir sein Nein verdient hätten. Das sollte uns frei machen vor allen falschen Ängsten vor der Wahrheit. Wenn Gott Ja sagt, können auch wir bei der Wahrheit bleiben. Jesus sagt: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8, 32)