Sonntag, 17. November 2013

Predigt am 17. November 2013 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres)

Liebe Schwestern und Brüder,
in Deutschland ist heute Volkstrauertag. Gedenktag für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Entstanden nach dem 1. Weltkrieg, als Tag der Trauer um die Kriegstoten. Umstilisiert zum Heldengedenktag von den Nazis. Nach 1945 wieder als Volkstrauertag begangen, nachdem der Toten so tausend- und millionenfach mehr geworden waren. Ein Tag, mit dem die politische Linke sich lange Zeit schwer getan hat, weil um Opfer getrauert wurde, die doch sehr oft auch Täter waren. Hatten wir Deutsche denn überhaupt ein Recht zu trauern, wo wir doch selbst das Leiden verursacht hatten? Hatte meine Oma überhaupt ein Recht zu trauern um ihren Mann, der aus Russland nicht zurückgekehrt war, wo er doch eigentlich gar nichts zu suchen hatte? – So wurde je länger je mehr nicht nur „unserer“ Kriegstoten gedacht, sondern aller Kriegstoten und der Opfer der Gewaltherrschaft, auch derer, die Widerstand geleistet haben, die sich nicht zu Mittätern machen lassen wollten. Es wurde ein Tag, der uns an unsere Verantwortung für Frieden und Freiheit gemahnte. Und mit dem sich doch nicht jeder identifizieren konnte, wenn die Bundeswehr Kränze niederlegte und gleichzeitig wieder deutsche Soldaten ihr Leben lassen mussten: in Afghanistan und anderswo.
Der Volkstrauertag liegt nahe am Totensonntag, wo wir ohnehin unserem Gedenken und unserer Trauer Raum geben. Und er liegt nahe am Buß- und Bettag, dem Tag der Besinnung: der Besinnung auf das, was verkehrt gewesen ist und immer noch verkehrt ist; dem Tag, an dem wir Schuld bedenken und bekennen. Und ich glaube, das ist ein richtiger und wichtiger Zusammenhang, in dem dieser Tag stehen sollte: dem Bedenken und Bekennen von Schuld. Dem Erinnern und Fragen: Was ist falsch gelaufen? – Und dem Weiterfragen: Was läuft womöglich heute falsch?
In diese unsere Besinnung hinein mag das Predigtwort des Propheten Jeremia sprechen. Hört die Worte aus Jeremia 8, die Verse 4 bis 7:
So spricht der HERR: „Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme? Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen. Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: ‚Was habe ich doch getan!’ Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten ihre Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“

Es gibt so etwas wie eine Eigendynamik von Schuld und Versagen. Ein Fehler zieht den anderen nach sich, und alles wird immer schlimmer. Auch so kann man die Geschichte der Weltkriege und der Diktaturen des 20. Jahrhunderts lesen.
In diesem Sommer hat das Buch eines australischen Historikers, Christopher Clark, Aufsehen erregt. Es heißt Die Schlafwandler und erzählt die Geschichte des 1. Weltkriegs. Seine These: Es gibt nicht den großen Bösewicht, der an allem schuld ist, sondern alle Beteiligten, alle politischen Akteure tappen wie Schlafwandler umher, folgen Sachzwängen, Bündnisverpflichtungen, politischem Kalkül und wachen auf in einer großen Katastrophe. Keiner hat es gewollt, und doch ist es so gekommen. Das heißt nicht: Es gibt keine Schuldigen, sondern es gibt viele Schuldige, viele Verantwortliche; das entlastet nicht, sondern das belastet doppelt. Weil es eine Geschichte von Verstrickung, Verhängnis und Irrtum ist, zugleich aber eben doch auch eine Geschichte von Schuld und Versagen. Eine Geschichte, die sich fortsetzt und weiterführt zur noch größeren Katastrophe des 2. Weltkrieges und der Massenmorde des 20. Jahrhunderts.
Ich habe dieses Buch nicht gelesen*. Aber ich habe in diesem Sommer ein anderes Buch gelesen. Ein noch umstritteneres: von Götz Aly „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ Götz Aly geht der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland nach, die letztlich in der Massenvernichtung der Juden in Auschwitz und anderen Lagern gipfelt. Er zeigt, dass diese Geschichte eben nicht nur die Geschichte von wenigen geistigen Brandstiftern und barbarischen Nazi-Horden war, sondern eine Geschichte der Deutschen, zusammengesetzt aus vielen kleinen Bausteinen. Da waren die Urteile und Vorurteile über Juden, die aus dieser und jener Erfahrung erwuchsen und durch die politischen Bewegungen der Zeit verstärkt wurden. Da waren die sozialen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, aus denen die Juden erfolgreich hervorgingen, häufig erfolgreicher als die christlich-deutsche Mehrheit, und das löste Neid und Missgunst aus. Da war das Bild vom gerissenen und raffgierigen Juden schon von alters her präsent, und es wurde immer wieder neu unterfüttert. Da kam der rassische Antisemitismus dazu. Und, ja, auch die Ergebnisse des 1. Weltkriegs, die als bittere und ungerechte Demütigung verstanden und erfahren wurden und für die das Judentum mitverantwortlich gemacht wurde. Und dann kamen die Nazis mit ihren Versprechen, und mit ihren Erfolgen, dafür nahm man auch ihre Judenfeindschaft in Kauf, oder man fand gleich die eigenen Vorurteile bestätigt. Und als es dann immer schlimmer wurde für die Juden, da war es irgendwie zu spät auszusteigen, aufzuhören, Halt zu sagen. Und dann kam das schlimme Erwachen. Keiner hatte das gewollt. Aber eben doch etwas: Dass der Jude mal was auf die Mütze bekam, dass rassisch Deutsche in Deutschland bevorzugt wurden, dass man vielleicht sogar günstig an Haus und Geschäft, Gut und Geld des Juden kam, das fanden die meisten doch ganz in Ordnung.
Das Verhängnisvolle und das Bedenkenswerte an unserer Geschichte ist wohl gerade das: Die vielen kleinen Schritte, die vielen für sich genommen unscheinbaren Faktoren, die sich letztlich summiert, multipliziert, potenziert haben zu einer riesengroßen Katastrophe und einer riesengroßen Schuld. Alle – oder fast alle – tun das Falsche; alle – oder fast alle – laufen in die verkehrte Richtung; und keiner sieht es, keiner will es wahrhaben. Alle sind sie schuldig geworden, alle sind sie Täter, aber keiner will es gewesen sein. Wenn am Ende ihre Schuld auf sie zurückgefallen ist, dann sind sie die Opfer ihrer eigenen Taten geworden.
Das Predigtwort des Propheten Jeremia ist eine Klage darüber, dass Menschen es nicht merken, wie sie in die Irre laufen, wie sie auf die Katastrophe zusteuern. Wie Schlafwandler stolpern sie durch die Geschichte und wachen erst auf, wenn es zu spät ist. Jeremia gebraucht ein anderes Bild: Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt. – Mit Scheuklappen, ohne rechts und links zu schauen, geradenwegs in den Untergang.
Wie lassen sich solche Katastrophen verhindern? – Vielleicht durch Innehalten, durch Gedenken, durch Besinnung. Eben nicht dahinstürmen, sondern anhalten und sich umschauen. Die Scheuklappen abnehmen. Und nicht einfach in dieselbe Richtung rennen, in der sie alle laufen.
Zur Besinnung kommen. Dazu gehört, dass wir an einem Tag wie heute nicht nur trauern. Nicht nur die Köpfe beugen, Kränze niederlegen und an die denken, die wir nicht mehr lebendig machen können. Dazu gehört auch, dass wir über uns nachdenken: Könnte es sein, ist es möglich, dass wir selber auf Wegen unterwegs sind, die ins Verderben führen? Dass auch wir Schritte tun, die für sich genommen nicht sonderlich schlimm zu sein scheinen, aber letztlich doch auf einen bösen Weg führen?
Mir fallen verschiedene Dinge ein, wo ich so meine Befürchtungen habe. Eines möchte ich heute nennen, weil es zu dem passt, worüber ich gesprochen habe: Ich sehe die Gefahr, dass wir zwar um die toten Juden von vor 70 oder 75 Jahren trauern, aber mit den lebenden Juden nicht viel besser umgehen als unsere Eltern und Großeltern damals. Wir sind entsetzt, wenn wir hören, wie wenig ernst sie damals Hitler genommen haben, mit seiner offenen Ankündigung, die Juden zu vernichten. Heute kündigen andere an, den Staat der Juden vernichten zu wollen, und wir strecken ihnen die Hände entgegen und sagen vielleicht: Israel ist selber schuld, dass keiner es leiden kann. So wie man damals gesagt hat: Die Juden sind selber schuld. Wir erklären den Staat der Juden zum Kriegstreiber, zum Apartheidstaat und was der Lügen mehr sind, anstatt das freieste und demokratischste Land des Nahen Ostens wenigstens mit unseren Worten in Schutz zu nehmen. Wenn man sich über die Finanzkrise unterhält, dann ist die Mär vom geldgierigen und alles beherrschende Judentum nie weit weg. Und wenn es um die internationale Politik geht, speziell die amerikanische, dann ist die Legende von der jüdischen Weltverschwörung nicht fern. In manchem Zungenschlag, den auch ich schon gehört habe, klingen die alten Vorurteile, Lügen und Verschwörungstheorien an. Der Jude ist an allem schuld; das glauben auch heute noch erschütternd viele. – Wenn wir heute so denken, dann führt das gewiss nicht unmittelbar in die Katastrophe. Aber je mehr so denken, um so leichter wird es für die, die auch entsprechend handeln.
Lasst uns doch gelegentlich innehalten und unser Denken, unser Handeln und unsere Vorurteile überprüfen. Damit wir nicht in die Irre gehen, sondern auf einen guten Weg geführt werden.
Lasst uns mit den Worten aus Psalm 139 bitten: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

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* vgl. die Besprechungen in der FAZ, in der Welt und die weiterführenden Gedanken von Cora Stephan.