Sonntag, 24. November 2013

Predigt am 24. November 2013 (Letzter Sontnag des Kirchenjahres – Ewigkeitssonntag)

Neufassung einer Predigt von 2007

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Seht euch vor, wachet! denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“
Markus 13, 31-37


Liebe Gemeinde,
ich möchte mit einer Meldung beginnen, und zwar aus der unbhängigen Internet-Zeitschrift „Der Postillon“:
Eine aktuelle Studie der medizinischen Fakultät der Universität Freiburg sorgt derzeit für Angst und Schrecken. Denn wenn die Berechnungen der Wissenschaftler korrekt sind, dann werden alle derzeit lebenden sieben Milliarden Menschen früher oder später sterben – und zwar ausnahmslos und an den verschiedensten Todesarten! [...] Zu dieser schrecklichen Erkenntnis ist der Mediziner Professor Hartmut Wichnowski gekommen, nachdem er jahrelang Geburten- und Sterberegister aus aller Welt ausgewertet hatte. Usw.
Nun, „Der Postillon“ ist die wahrscheinlich beste Satire-Seite im deutschsprachigen Internet. Und Selbstverständlichkeiten als Sensation hinzustellen, das gehört zu ihrem Handwerkszeug: Wir werden alle sterben! – Wie schrecklich!
Wir werden alle sterben! – Der Satz ist inzwischen so was wie ein Mem der Internet- und Popkultur geworden, ein Gedanke in vier Wörtern, der sehr oft zur Stelle ist, wenn irgendwo übertriebene Panik verbreitet wird: Wir werden alle sterben! – Der Satz ist eigentlich zu Hause in Katastrophenfilmen: Die Außerirdischen kommen, der Asteorid auf Kollisionskurs zur Erde, der unheilbare Supervirus, was auch immer: Wir werden alle sterben! – In diesem Filmgenre gibt es zum Glück immer auch einen Superhelden, der das Unglück abwendet: Wenigstens einige werden überleben. – Im übrigen ist dieses Skript sehr, sehr alt, es steht schon in der Bibel – dort unter der Überschrift „Die Sintflut“.
Wir werden alle sterben! – Ja, eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit. Und trotzdem klingt es wie eine schockierende Schreckensmeldung. Weil wir dieser Wahrheit nicht gerne ins Gesicht sehen. Weil wir so tun, als wären es immer nur ganz bestimmte tödliche Gefahren, denen wir entsprechend ausweichen können. Rauchen ist ganz schlimm: Raucher sterben früher. Oder später (Helmut Schmidt lebt immer noch). Ungesunde Ernährung, Schadstoffe in Hautcremes, Nanopartikel, Gentechnik, Handystrahlen, erhöhte Radioaktivität wegen Fukushima… – Entsetzlich, welchen Risiken wir ausgesetzt sind! Wir werden alle sterben! – Tatsächlich geht es, wenn überhaupt um Bruchteile von Risiken, die selber nur gering sind. Also, wenn ich z.B. ein Risiko von 2 % habe, an einem bestimmten Krebs zu sterben und dieses Risiko ist durch irgendwas um 5 % erhöht, dann habe ich am Ende ein Risiko von 2,1 %. Da kann ich entsetzt ausrufen: Wir werden alle sterben! – Aber das sollte ich eigentlich schon gewusst haben.
Eigentlich sollten wir uns weniger Gedanken darüber machen, wann wir sterben werden, sondern mehr Gedanken darüber, dass wir sterben werden. Denn das steht fest, auch wenn wir noch so gesund leben und alle Risiken meiden.
Mors certa, hora incerta, sagte schon der Lateiner. Der Tod ist gewiss, die Stunde ist ungewiss. So steht es auch an manchen Rathausuhren, zum Beispiel in Marienberg, wo ich früher mal Pfarrer war, oder in Leipzig.
Der Tod ist gewiss, die Stunde ist ungewiss. So ähnlich sagt es auch Jesus: Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand.
Heute denken wir gerade auch an die, denen in den letzten 12 Monaten ihre letzte Stunde geschlagen hat. Manche waren darunter, die wir gut kannten, die uns nahe standen, vielleicht sehr nahe standen. Bei einigen hatten wir es geahnt, und wir haben mit Unruhe und Ungewissheit dieser Stunde entgegengesehen. Bei anderen kam sie plötzlich, unerwartet, überraschend, vielleicht sogar unvorbereitet.
Dabei wussten wir es: Der Tod ist todsicher. Wir werden alle sterben. Aber so gewiss der Tod ist, so gerne trösten wir uns denn doch lieber der Ungewissheit seiner Stunde. Wir werden wohl noch etwas Zeit haben. Mich wird es schon nicht treffen. Und unsern kranken Nachbarn auch nicht gleich. Oder unseren nächsten Angehörigen. – So ist der Mensch. Vielleicht können wir ja im Alltag auch nicht viel anders leben. Das Mem Wir werden alle sterben markiert eben doch eher den Panik-Modus unserer Existenz. Aber ständig in panischer Todesangst leben, das würden wir nicht aushalten.
Einerseits. Andererseits kann uns oder den anderen der Tod eben doch schnell treffen, plötzlich, unvorbereitet. Und entgegen dem, was manche so sagen – ich wünsche mir und niemandem anderen einen plötzlichen unvorbereiteten Tod. In einem Gesangbuchlied heißt es entsprechend: Du wollest auch behüten mich gnädig diesen Tag und dann weiter auch vor bösem, schnellem Tod. Ich möchte, wenn es geht, vorbereitet sterben und bewusst.
Jesus sagt: Seid vorbereitet! Seid wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Ihr wisst nicht, wann eure Stunde geschlagen hat.
Ich weiß, ich ziehe mir gerade einen Einwand zu, den mir fromme Bibelleser und neutestamentliche Fachtheologen in seltener Einmütigkeit entgegenhalten können: Jesus spricht hier gar nicht vom Sterben. Er sagt: Himmel und Erde werden vergehen. Jesus spricht vom Weltuntergang. – Und an den glauben wir nicht so richtig, jedenfalls nicht für morgen oder übermorgen. So schnell geht die Welt nicht unter! – Vor ein paar Jahren hatten wir noch gemeint, die Welt könnte per Knopfdruck in Moskau oder Washington zum Untergang gebracht werden. Wahrscheinlich ist es nicht ganz so einfach… Wir Menschen können wohl eine ganze Menge Mist machen auf dieser Erde, ohne dass davon gleich die Welt untergeht. Vielleicht wird sie ungemütlicher, aber das steht auf einem anderen Blatt. – Dennoch: Diese Welt ist nicht ewig. Sie ist einmal entstanden – oder geschaffen, sie wird einmal vergehen. Vielleicht durch eine kosmische Katastrophe, vielleicht in Milliarden von Jahren, wenn die Sonne verglüht, vielleicht ganz anders; wir wissen es nicht.
Die Katastrophenfilme, in denen der Satz Wir werden alle sterben zu Hause ist, handeln meistens vom Weltuntergang, der unmittelbar vor der Tür steht. Und: Von der Erlösung. Die Welt wird am Ende gerettet.
Genau genommen ist es aber egal, ob die Welt untergeht oder nur mein Leben. Wir werden alle sterben. In einer großen Katastrophe oder in vielen kleinen. Es ist egal, ob wir sterben, weil die Welt untergeht, oder ob für uns die Welt untergeht, weil wir sterben. Wann und wie der Weltuntergang stattfindet, das ist ungewiss, dass er für uns stattfindet, das ist gewiss, todsicher.
Jesus will uns eines sagen: Stellt euch auf das ein, was todsicher kommt! Stellt euch auf das Ende ein! Ihr wisst nicht, wann es kommt, ihr wisst nicht, wie es kommt, aber ihr wisst, dass es kommt. Leben heißt: bereit werden zu sterben. Denn Himmel und Erde und werden vergehen. Das ist gewiss.
Das Wichtigste aber ist: Jesus stellt dieser Gewissheit des Vergehens eine ganz andere Gewissheit entgegen: eine Gewissheit des Bestehens. Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.
In den Katastrophenfilmen vom möglichen Weltuntergang gibt es immer einen Erlöser. Einen der die Rettung weiß, der sagt: „Hört auf mich, dann wird alles gut! Dann werdet ihr leben!“ Und dieser Erlöser setzt selber sein Leben dafür ein, dass die Welt im allerletzten Moment doch noch gerettet wird.
Dass wir alle sterben müssen, ist keine Fiktion. Dass es einen Erlöser gibt, auch nicht. Jesus sagt: „Hört auf mich, dann wird alles gut! Dann werdet ihr leben!“ Und er setzt sein Leben dafür ein, gibt sein Leben dafür hin, dass die Welt gerettet wird.
Der Satz Wir werden alle sterben wird dadurch nicht aufgehoben. So wenig, wie er für die aufgehoben wird, die an der großen Katastrophe im Film vorbeigeschrammt sind. Irgendwann werden sie sterben, auch die, die überlebt haben. Irgendwann werden wir sterben, auch wenn wir von Christus gerettet sind. Vielleicht schon bald; die Stunde ist ungewiss, der Tod ist gewiss.
Ja, der Tod ist gewiss, aber das Leben ist es noch mehr. Jesu unvergängliche Worte sagen es uns.
Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt (Johannes 11, 25).
Darum: Seid bereit – nicht nur zum Sterben! Seid bereit – zum Leben!