Sonntag, 27. Oktober 2013

Predigt am 27. Oktober 2013 (22. Sonntag nach Trinitatis)

„Womit soll ich mich dem HERRN nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern? Wird wohl der HERR Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretungen geben?, meines Leibes Frucht für meine Sünde?“ – „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert: nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
Micha 6, 6-8


Liebe Schwestern und Brüder,
ihr kennt sicher diesen klassisch gewordenen Satz von Loriot: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. – Doch, immer wieder gibt es diese Momente, wo man das nur bestätigen kann. Ihr kennt das… – Natürlich, ich gebe es zu: es gibt auch noch diese anderen Momente, wo wir finden: Männer und Frauen passen sehr gut zusammen. So war das auch eigentlich gedacht, und manchmal funktioniert es sogar. – Es ist ein Grundkonflikt unserer menschlichen Existenz und unserer geschlechtlichen Identität. Es zieht uns zueinander hin, und manchmal passt es, und oft kracht es, weil wir doch so unterschiedlich gestrickt sind: Männer und Frauen.
In Anlehnung an Loriot könnte man den Grundkonflikt, um den es in der Bibel geht, so zusammenfassen: Gott und Menschen passen einfach nicht zusammen. Das ist so ähnlich wie in einer Ehe: Der eine ist vollkommen, der andere nicht. Der eine sagt, was er vom anderen will, aber der andere tut lieber, was er selber will. Und dann geht es schief. Man wendet sich voneinander ab, spricht nicht mehr miteinander. Lebt aneinander vorbei …
In der Tat wurde das Verhältnis zwischen Gott und Menschen immer wieder mit der Beziehung zwischen Mann und Frau verglichen: Braut und Bräutigam, Liebesgesäusel zwischen Gott und Mensch: Das Hohelied, dieses großartige Liebespoem etwa wurde als Gleichnis für die Beziehung zwischen Gott und Mensch verstanden. Aber eben auch zünftiger Ehekrach: Gott beschimpft sein Volk als Hure, sagt von sich selbst, er wäre eifersüchtig. Er hat aber auch Grund dazu: Seine geliebten Menschen hängen ihr Herz an andere Götter oder leben gleich so, als gäbe es IHN überhaupt nicht. – Und auf der anderen Seite: Menschen, die sich bitter über Gott beklagen: Wie kannst du nur! Warum hast du uns verstoßen und allein gelassen – gerade, als wir dich am meisten brauchten?
Mit unserem kleinen Bibelabschnitt heute erleben wir gewissermaßen ein Stückchen Ehestreit oder vielleicht auch Ehetherapie zwischen Gott und Mensch mit, auf jeden Fall ein Beziehungsgespräch. Offenbar ist da nach einigen hundert Jahren Ehe zwischen Gott und seinem Volk Israel der Wurm drin. Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Ein gewisser Überdruss.
Gott macht das Fass auf: Was passt dir denn eigentlich nicht an mir? Hast du das vergessen, was ich alles für dich getan habe? Und er erinnert an die Anfänge: in Ägypten, in der Wüste, Mose und Aaron usw., der Weg ins Gelobte Land. Habe ich nicht ein bisschen mehr Dankbarkeit verdient? Ein bisschen mehr Liebe?
Und das Volk antwortet: Was willst du noch von uns? Wir haben das Gefühl, wir können es dir nicht recht machen, Gott. Was willst du eigentlich von uns? Und dann kommt die Aufzählung: Brandopfer von einjährigen Kälbern, geschlachtete Widder, Ströme von Öl, vielleicht sogar Menschenopfer? Gott, was willst du von uns? – Und zugleich schwingt in dieser Aufzählung mit: Das kann es ja letztlich alles nicht sein. – Und das ist es ja auch nicht: archaische Opfer, um Gott milde zu stimmen. So funktioniert die Beziehung Gott – Mensch nicht. Schon damals nicht, und heute erst recht nicht.
Nur: Heute stellen wir vielleicht noch nicht mal mehr die Frage: Gott, was willst du eigentlich von uns? Ja, interessiert uns das noch? Wollen wir überhaupt eine Antwort hören? Und welche Opfer hätten wir ihm denn anzubieten?
Viele von euch wissen es ja: Ich bin ein großer Fan von Martin Luther. Letzte Woche habe ich erst wieder an seine Frage erinnert: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? – Und das passt ja auch in diese Zeit rund um den Reformationstag. – Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Das war im Grunde genommen dieselbe Frage, die die Israeliten zur Zeit Michas auf ihre Weise gestellt haben: Was können wir denn tun, um die Beziehung mit Gott in Ordnung zu bringen? (Wieder ganz analog zur Ehe, wo wir uns manchmal fragen: Wie bekomme ich eine gnädige Gattin? … …  oder einen gnädigen Gatten) Für Martin Luther hieß, Gott gnädig zu stimmen, natürlich nicht mehr: Tieropfer darbringen. Für ihn hieß das ganz konkret: ins Kloster gehen. Ich stelle mein Leben ganz Gott zur Verfügung. Es hieß: Gebets- und Fastenzeiten einhalten, das Gewissen erforschen, beichten und Bußübungen vollbringen. Für die Menschen seiner Zeit hieß es: Messen stiften, Wallfahrten machen, Ablässe kaufen … Und am Ende blieb dann doch immer das Gefühl: Das kann es doch alles nicht sein! Gott, willst du das wirklich? Und andererseits: Reicht das, damit unsere Beziehung in Ordnung kommt? So in Ordnung kommt, dass du uns für immer bei dir haben willst im Himmel? Wie können wir es dir denn wirklich recht machen? Können wir es überhaupt? – Ja, was will Gott eigentlich wirklich von uns?
Eigentlich müssten wir ja hier sein, um das zu erfahren. Oder zumindest um auch so was wie Beziehungspflege mit Gott zu betreiben. Oder warum sind wir hier? – Doch weil uns Gott noch nicht gleichgültig ist! Doch weil uns diese Beziehung noch immer am Herzen liegt! Doch weil wir wissen, dass wir ohne ihn nicht leben können! Wir wollen es doch auch, dass es stimmt zwischen Gott und uns: dass Gott und Mensch eben doch zusammen passen!
In unserem Predigtwort antwortet Gott: Ihr wisst es doch schon, worauf es ankommt, was ich von euch erwarte. Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist…
Ja, es ist uns gesagt. Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden. Und trotzdem muss es uns immer wieder neu gesagt werden. Manche lassen es sich ein paar wenige Mal im Leben sagen: bei Hochzeiten und Todesfällen, bei Kindstaufen und zu Weihnachten. Andere lassen es sich jede Woche sagen. Und bei einigen davon, scheint es, fruchtet es trotzdem nicht. Sie kommen ja nächste Woche schon wieder und bekennen, dass sie gesündigt haben mit Gedanken, Worten und Werken.
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist… und offenbar kann es gar nicht oft genug gesagt werden, was der Herr von dir fordert.
Drei Dinge zählt der Prophet auf: Gottes Wort halten; Liebe üben; demütig sein vor Gott.
Ich muss es euch ganz ehrlich sagen – eh es euch jemand anders sagt, oder ihr es irgendwo lest: Es gibt wenige Bibelstellen, die von Martin Luther so ungenau übersetzt worden sind. Und die trotzdem, wie das bei Luther meistens ist, so treffend das sagen, worauf es wirklich ankommt.
Gottes Wort halten. – Man könnte meinen, Gottes Wort könnte man halten oder einhalten, so wie man Gesetze einhält. So wie ich die Höchstgeschwindigkeit von 120 auf der Autopista einhalte (viel schneller fahren wäre sowieso ein fast schon todesmutiges Unterfangen). Aber Gottes Wort ist eben viel mehr, nicht nur Gesetz. Es ist eben nicht wie in einer Ehe, wo die Frau zum Mann sagt: Dein Wort ist mir Befehl (das würde ich mir manchmal wünschen); oder der Mann zur Frau (so ist es halt manchmal). Gottes Wort ist vor allem Evangelium: frohe Botschaft, Liebeserklärung. Daran halte ich mich am liebsten, dass mir meine Frau sagt: Ich liebe dich. Und dass mir Gott sagt: Ich liebe dich. – Mit anderen Worten Gott erwartet eigentlich nicht mehr von dir, als dass du seiner Liebeserklärung glaubst. Er sagt: Ich bin für dich da. Und er wünscht, dass du dich daran hältst, dich darauf verlässt, daran nicht zweifelst. – So wird deine Beziehung mit Gott wieder stimmig.
Liebe üben. – Das ist doch ein wunderbarer Ausdruck! Liebe muss geübt werden, praktiziert werden. Ehen und andere Liebesbeziehungen gehen ja meistens deshalb ein, weil die Liebe nicht genug geübt wird. Und ich meine mit Liebe üben nicht – oder nicht nur – Liebe machen. Es gibt viele Formen und Wege, wie man sich Liebe zeigen und seine Liebe lebendig erhalten kann. Die Liebe hat viele Sprachen. (Aber das ist vielleicht mal ein anderes Thema.) Nur: Mit Gott ist das auch so. Wir brauchen sie eben auch, die Beziehungspflege mit Gott. Und der Gottesdienst könnte dazugehören. Das ist der eigentliche Sinn der Veranstaltung: Dass Gott mit uns redet durch sein Wort und wir mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang (auch das ist ein Lutherzitat). – Ach ja, und dass nicht nur die Liebe zu Gott sondern auch die Liebe zu unserem Nächsten, der Übung und der Praxis bedarf, ist auch noch mitgemeint.
Und demütig sein vor deinem Gott. – Das Wort Demut kommt uns vielleicht etwas sauer an. Wir sind nicht gerne demütig. – Nur: demütig sein vor Gott, das ist etwas völlig anderes, als demütig sein vor irgendwelchen Menschen. Wenn ich nämlich Gott über mir weiß, mich ihm unterordne – in Liebe und Vertrauen – dann macht mich das gerade frei von aller falschen Demut vor Menschen und Mächten. Vor Gott sind sie alle nur Menschen. Vor Gott gelten für alle die gleichen Bedingungen. Wer Gott über sich hat, hat immer den höchsten Chef auf seiner Seite. Das relativiert die Macht aller anderen Chefs. Das macht uns innerlich frei, selbst da, wo wir äußerlich unfrei sind.
Demütig sein vor Gott heißt: IHN über alle Dinge fürchten lieben und vertrauen (und auch das ist noch mal O-Ton Martin Luther).
Gott und Mensch passen einfach nicht zusammen? – Manchmal könnte man das meinen. Aber man könnte es auch hören und mitbekommen, dass Gott alles für uns getan hat, damit wir zueinander passen. Er hat sich selber passend gemacht für uns. Hat sich auf Menschenmaß begrenzt. Spricht menschliche Worte. Nimmt menschliche Gestalt an. Und erwartet von uns nichts Übermenschliches. Das ist das wahre Evangelium: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.