Sonntag, 20. Oktober 2013

Predigt am 20. Oktober 2013 (21. Sonntag nach Trinitatis)

Jesus sprach zu seinen Jüngern: „Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde. Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe. Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.
Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.
Johannes 15, 9-17


Marcel Reich-Ranicki, liebe Schwestern und Brüder, Marcel Reich-Ranicki, der kürzlich verstorbene Literaturpapst hat mal gesagt, große Literatur habe nur zwei Themen: die Liebe und den Tod.
Insofern darf die Bibel zur großen, zur ganz großen Literatur gezählt werden. Auch sie hat eigentlich nur diese zwei Themen: die Liebe und den Tod.
Das sind die Menschheitsthemen. Das sind auch die Glaubensthemen: die Liebe und der Tod. Wenn Religion nichts mehr mit Liebe und Tod zu tun hat, dann kannst du sie vergessen!
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.
Da sind wir mitten drin: Liebe und Tod. Es geht um alles. Es geht ums Ganze.
Aber stimmt das denn wirklich?
Letzte Woche haben wir zum Beispiel eine kleine Geschichte gehört, wo die Jünger von Jesus etwas Verbotenes getan haben: Sie haben Körner aus den Ähren gerauft und sie gegessen – am Sabbat. Und ein paar wild gewordene Religionswächter und Bibelausleger haben sich darüber beschwert. Da ging es offenbar gar nicht um Liebe und Tod! – Und genau das war das Problem: Die hatten die Bibel nicht als große Literatur verstanden sondern als engherziges Gesetzbuch, wo geregelt ist, was den Menschen erlaubt und was ihnen verboten ist. – Ihnen ging es nicht um Liebe und Tod, sondern um Ordnung und Sicherheit, um Kontrolle und Macht. Keine großen Themen. Sie hatten die Bibel und ihren Glauben missverstanden.
Jesus hat dieses Missverständnis gerade gerückt – oder zumindest es versucht – wahrscheinlich ist er nicht verstanden worden: Bei Gottes Geboten geht es nicht um Macht und Ordnung, sondern um Liebe und Tod. Ja: um die Liebe, die Menschen leben lässt und sie nicht in tödlicher Enge ersticken lässt.
Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun, Leben erhalten oder töten?, fragt Jesus kurz darauf  (Markus 3, 4). In Liebe das Leben erhalten oder dem Tod das Feld überlassen? Liebe oder Tod: Es geht immer ums Ganze.
Wisst ihr, was ich glaube? – Ich glaube, dass Kirche so langweilig geworden ist, so gleichgültig geworden ist, weil sie sich so viel mit dem Kleinklein beschäftigt, damit, wie wir leben sollen, was wir tun sollen und was nicht – möglichst immer schön ökologisch und sozial –, manchmal beschäftigt sie sich auch mit Baukosten und dem öffentlichen Auftreten ihrer Würdenträger. Aber die großen Fragen von Liebe und Tod sind das eher nicht.
Erstaunlicherweise ist Kirche aber heute immer noch gerade dann gefragt, wenn es um die großen Fragen geht, um Liebe und Tod.
Kirchliche Trauung, ja bitte! Auch für das homosexuelle Paar, ja bitte! Es geht um die Liebe, um etwas ganz Großes. Und da brauchen wir Gott, Kirche, Religion.
Christliche Bestattung, ja bitte! Wenn ein Mensch wirklich stirbt, dann brauchen wir ein bisschen mehr als „Dankeschön!“ und „Das Leben geht weiter“. Da brauchen wir die Kraft der Liebe, die den Tod aushält und überwindet.
Kirche war in ihrer Geschichte groß und spannend, als es um die großen Fragen ging. Zur Zeit Luthers zum Beispiel: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Mit anderen Worten: Was wird mit mir, wenn ich sterben muss? Komme ich in den Himmel oder in die Hölle oder ist dann einfach alles aus? Und wenn ich in den Himmel kommen will, wie geht das, was muss ich dafür tun? Das hat die Menschen wirklich bewegt, umgetrieben.
Wer heute noch was von der Hölle oder vom ewigen Tod zu sagen wagt, wird müde belächelt oder hart angegriffen. Und wenn wir heute nach dem Leben nach dem Tod gefragt werden, dann eiern wir rum mit Formulierungen wie „ewig geborgen bei Gott“ – Was soll das bitteschön sein?
Kirche war groß und spannend, als Luther damals die Botschaft von Gottes Liebe neu entdeckte: Die Liebe, mit der er die Menschen aus dem Tod und aus der Hölle rettet: Keine Angst mehr haben zu müssen vor dem ewigen Verderben. Weil Gott in seiner Liebe, den Tod auf sich genommen hat.
Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.
Weniger ist zu wenig. Die tiefste Liebe ist bereit, für den anderen zu sterben.
Kann ja sein, dass unsere Liebe nicht diese Tiefe hat. Gut möglich, dass wir davor zurückschrecken, das Leben zu geben für einen Freund, für einen geliebten Menschen. Da kommen wir an die Grenzen unserer menschlichen Möglichkeiten. Aber groß, wirklich groß ist ein Mensch, der bereit ist, sein Leben zu lassen für seine Freunde.
Wenn ich dieses Jesus-Wort höre muss ich immer an eine Filmszene denken: In dem Bonhoeffer-Film bereitet sich der Offizier Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff darauf vor, ein Selbstmordattentat auf Hitler zu verüben: mit einem Sprengsatz in der Manteltasche. Und er bittet Bonhoeffer um seinen Segen. Bonhoeffer sagt ihm, er möge an dieses Bibelwort denken: Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. – Dieses Gespräch ist nicht historisch verbürgt. Aber der Attentatsversuch von Gersdorffs ist es. Er scheiterte, und von Gersdorff blieb am Leben.
Bonhoeffer selbst musste sein Leben lassen. Wir kennen seine Geschichte. Die Geschichte vieler anderer auch. Ob es Liebe war? Oder Verantwortung? Treue zu sich selbst? Treue zu Gott? – Im Ernstfall kann es immer ums ganze gehen, um Leben und Tod. Um Liebe und Tod.
Mutig, dieses Bibelwort in diesem Zusammenhang zu gebrauchen! Denn manche Todesanzeige und manche Trauerpredigt für Kriegsgefallene trug zur selben Zeit dasselbe Motto. – Da war es missbraucht, ja geschändet. Denn kaum ein Soldat ist damals wirklich aus Liebe zu seinen Freunden gestorben. Alle sind sie sinnlos gestorben für eine Sache, für ein Volk, für einen Führer, für die zu sterben es nicht wert war. Alle wurden sie in den Tod gezwungen. Zu Helden gemacht, die sie nicht sein wollten und nicht waren.
Aber gibt es das überhaupt: Etwas, das es wert ist, dafür zu sterben? Kann es richtig sein, sein Leben aufzuopfern, hinzugeben für andere? – Das ist doch die große Frage.
John Lennon hat in seinem berühmten Lied Imagine von einer Welt geträumt, in der es nichts mehr gäbe, wofür man töten oder sterben müsste: nothing to kill or die for – and no religion too – ja, und natürlich auch keine Religion mehr. – Wenn ich darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss: Das wäre eine schreckliche Welt, eine Welt, in der es nichts Großes mehr gäbe, keine wirklichen Werte, keine Freiheit, keine Liebe, keine Menschlichkeit und keinen Gott.
Nein, es ist nicht schön, um der Liebe willen sterben zu müssen. Aber viel schlimmer ist es, wenn keiner mehr bereit ist, sein Leben für andere einzusetzen.
Jesus hat sein Leben gelassen für seine Freunde. Und wir zählen dazu, zu seinen Freunden. Wir Menschen, jeder einzelne, du und ich, wir sind ihm so viel wert, dass er für uns in den Tod geht. – Das ist die Liebe Gottes! Gerade durch Jesu Tod wissen wir, wie wertvoll wir Gott sind. Wie sehr er uns liebt!
Wenn wir unsere Bibel und unseren Glauben richtig verstehen, glaube ich, dann geht es ums Ganze: um Liebe und Tod. Am Ende sogar um die Liebe, die stärker ist als der Tod. Es geht ums Leben!
Genau dafür ist Kirche da: die großen Fragen zu stellen und die großen Antworten zu geben: von der Liebe und vom Tod und vom ewigen Leben. Amen.