Sonntag, 13. Oktober 2013

Predigt am 13. Oktober 2013 (20. Sonntag nach Trinitatis)

Es begab isch, dass Jesus am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. Und die Pharisäer sprachen zu ihm: „Sieht doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?“ Und er sprach zu ihnen: „Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?“ Und er sprach zu ihnen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.“
Markus 2, 23-28


Liebe Schwestern und Brüder,
es kann ja ganz schnell gehen, dass man mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Ein bisschen zu schnell gefahren, und schon blitzt es, und ein paar Tage später kriegt man dann das unbestellte Foto zugeschickt: schlechte Qualität, aber ziemlich teuer …
Deutschland ist stolz auf seinen Blitzermarathon am vergangenen Donnerstag. Großkampftag gegen alle, die sich noch immer nicht an die Gesetze halten wollen. Zumindest im Straßenvekehr. Es lebe die Volkserziehung! – Ich finde, die spinnen, die Deutschen.
Deutschland ist auch stolz auf seine Jagd auf Steuersünder. Man tut sich mit Gesetzesbrechern zusammen, nämlich Datenräubern, um mit dubiosen CDs von Schweizer Banken andere Gesetzesbrecher, nämlich Steuerhinterzieher, ausfindig zu machen. Wenn Leute ihr Geld selbst behalten oder ausgeben wollen und es nicht freiwillig dem Staat geben, dann ist das offenbar eines der schlimmsten Verbrechen. Schlimmer jedenfalls als Hehlerei. – Die spinnen, die Deutschen.
Dazu passt die Geschichte eines Gesetzesbrechers, die ich diese Woche gelesen habe: Ein Bäckermeister in Sachsen soll 5000 Euro Steuern nachzahlen – für übrig gebliebene Backwaren, die er an die örtliche Tafel gespendet hatte. Die waren nämlich umsatzsteuerpflichtig. Wenn er sie weggeschmissen hätte, nicht. Aber wenn er sie kostenlos abgibt … – So sind nun mal die Gesetze. – Die spinnen, die Deutschen.
Ich sage das, damit wir zu unserer kleinen Jesus-Geschichte nicht allzu leichtfertig sagen: Die spinnen, die Juden. Weil uns das natürlich auch absurd erscheint. Da macht Jesus mit seinen Freunden einen Sonntags-, respektive Sabbatspaziergang, und wie heutzutage Polizisten hinter den Büschen hocken und Finanzbeamte dein Geschäft durchschnüffeln, so sind damals die Pharisäer vom Thora-Überwachungsverein sofort zur Stelle: „Ja, Bruder Jesus, was haben wir denn falsch gemacht? – Körner aus den Ähren am Feldrand geklaubt und gegessen! Und damit das Gesetz übertreten, das Arbeit, auch Erntearbeit am Feiertag verbietet. So geht das nicht! Sag deinen Jüngern, sie sollen das künftig unterlassen!“ – Boah, sind die kleinlich!
Aber, wie gesagt: Vielleicht sind wir heute an anderen Stellen nicht weniger kleinlich. Gesetz ist Gesetz, und da muss man sich dran halten. Sagen viele. Wo kämmen wir denn sonst hin!
Erst recht wenn es Gottes Gesetze sind.
Mit dieser kleinen Begebenheit aus dem Leben von Jesus sind wir speziell bei einem Thema, das auch heute noch ganz wichtig ist für manche: Der Schutz von Sonn- und Feiertagen.
Da gibt es zuerst schon mal die, für die der Sonntag sowieso schon der falsch Tag ist. Und in der Tat: Jesus hat ja den jüdischen Sabbat nicht abgeschafft. – Darum sind namentlich die Siebenten-Tags-Adventisten irgendwann dahin zurückgekehrt, den Samstag als Feiertag zu begehen. – Und haben sich damit von der ganzen übrigen Christenheit abgesetzt.
Ich finde das auch kleinlich. Als ob es darauf ankäme, wann wir frei machen und Gottesdienst feiern! Die Christen haben sich von Anfang an – das kann man schon im Neuen Testament nachlesen – am ersten Tag der Woche, dem Sonntag, versammelt. Das war und ist der Auferstehungstag. Er hat für uns Christen ein größeres Gewicht bekommen als der letzte Schöpfungstag, der Sabbat. Denn mit dem Ostersonntag hat Gottes neue Schöpfung begonnen. Dabei wurde die für den Sabbat gebotene Arbeitsruhe nicht abgeschafft, sondern dem Sonntag zugeschlagen. Gute Sache eigentlich!
Diese sonntägliche Arbeitsruhe ist nun immer wieder mal ein großes kirchenpolitisches Thema. Mit wenigen anderen Dingen kann man die evangelische Kirche und die evangelischen Christen so leicht auf die Palme bringen wie mit einer Ausweitung von Ladenöffnungszeiten am Sonntag. Da sind in den letzten Jahren große Schaukämpfe geführt worden. – Wahrscheinlich auch deshalb, weil sich da so ziemlich alle in der Kirche einig sind. Anders als etwa bei familienpolitischen und sexualethischen Fragen.
Ich muss sagen: Mir kommt da auch manches kleinlich vor. Dem Händler, der an den Adventswochenenden seinen Hauptumsatz macht, wird das Leben schwer gemacht; aber Sonntags tanken, Sonntags Zug fahren, Sonntags Essen gehen, Sonntags auf den Rummel, ins Kino, ins Theater – das ist alles ok. Als ob da keine Leute für arbeiten müssten!
Wer von uns war denn noch nicht froh, dass in Deutschland am Sonntagabend doch noch eine Tankstelle offen hatte, oder hier unten ein 24/7-Supermarkt, wenn was Wichtiges fehlte!
Ich finde es kleinlich, da etwas zu verbieten. Und ich fände es großartig und großzügig, wenn die Menschen selber entscheiden dürften, ob sie am Sonntag ihr Geschäft öffnen oder nicht, und umgekehrt natürlich auch: ob sie am Sonntag wirklich einkaufen gehen wollen oder lieber nicht …
Jesus war nicht kleinlich, sondern großzügig. Er hat sich vor seine Jünger gestellt, die es mit der sonntäglichen bzw. sabbatlichen Arbeitsruhe nicht so genau genommen haben: Der Sabbat ist für den Menschen da, und nicht der Mensch für den Sabbat.
Natürlich, die Medaille hat auch eine andere Seite, und die kenne und liebe ich allzu sehr. Es ist immer noch etwas Besonderes und etwas Anderes für mich, wenn ich aufstehe und es ist Sonntag. – Nun könnte man meinen, für den Pfarrer, ist der Sonntag doch Dienst-Tag. Ja, aber eben Gottes-Dienst-Tag. Ich darf mit euch Gottesdienst feiern. Die Kirche hat heute gerade nicht geschlossen. Wir haben Kirchencafé, und keiner stört sich dran, dass jemand sich auch am Sonntag bei uns in die Küche stellen muss. – Und dann kommt der Nachmittag, Zeit zum Ausruhen oder Ausfliegen, keine Verpflichtungen mehr bis Montag früh. Das ist mir ziemlich wichtig, um nicht zu sagen heilig.
Für andere mag das anders sein. Aber für viele ist und bleibt der Sonntag ein besonderer Tag. – Ich finde es ehrlich gesagt auch schade, wenn manche am Sonntag Abend schon wieder bei den Aufgaben sind, die sie am Montag Morgen erwarten.
Ein unter der Woche sehr viel beschäftigter Handwerksmeister in meiner früheren Gemeinde, sagte, er würde, egal wie viel anliegt, Sonntags nichts machen. Er hätte die Erfahrung gemacht, dass da einfach kein Segen drauf liege. Wenn er zum Beispiel am Sonntag Abend ein Angebot geschrieben hatte, bekam er den Auftrag einfach nicht.
Das Tolle daran ist für mich: Er hat das selber für sich rausbekommen. Und lebt damit gut. Er macht das nicht, weil es ihm jemand vorschreibt.
Ich empfinde das auch so: Der Sonntag ist ein Geschenk, ein geschenkter Tag. Ich darf ihn feiern und genießen. Aber ich möchte nicht überwacht und bestraft werden, wenn ich mich nicht an die Regeln der Sonntagsruhe halte.
Denn der Sonntag ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sonntag.
Und so ist das überhaupt mit Gottes Lebensordnungen und Geboten. Sie sind für den Menschen da, und nicht der Mensch für Gottes Gebote.
Manchmal sind wir kleinlich wie die Pharisäer: Da tut jemand, was nicht erlaubt ist!
Ich kann mich erinnern, wie sich meine Mutter aufgeregt hat, wenn Sonntags jemand Wäsche rausgehängt hat. Oder Rasen gemäht, oder sein Auto gewaschen. Aber Sonntags stundenlang in der Küche stehen und Essen kochen, war ok, oder am Abend Würste grillen. – Merkwürdige und kleinliche Unterschiede zwischen Verboten und Erlaubt.
Wie wir mit dem Sonntag und dem Feiertagsgebot umgehen, liebe Schwestern und Brüder, ist nur ein Beispiel.
Wenn ich an die Themen Ehe und Familie denke, an die heißen Diskussionen um die Orientierungshilfe der EKD, an die Fragen nach dem Umgang mit Homosexuellen, mit Geschiedenen, Alleinerziehenden, Patchwork-Familien usw., da nehme ich auch manchen kleinlichen, pharisäischen und gesetzlichen Zungenschlag wahr.
Kann man nicht ganz analog sagen: Gottes Ordnungen von Ehe und Familie sind für den Menschen da, und nicht der Mensch für diese Ordnungen? So wertvoll wie der Sonntag ist, so wenig können wir den Menschen dazu zwingen, ihn auf eine bestimmte Weise zu begehen. So wertvoll wie Ehe und Familie sind, so wenig können wir Menschen in Strukturen hineinzwingen, die für sie nicht passen.
Ja, wir lieben klare Ordnungen und Strukturen und wollen unsere Sicherheiten. Und es ist gut, dass Gott uns dafür Angebote macht. Aber Jesus Christus ist nicht gekommen, um Ordnung zu schaffen, sondern um Freiheit zu bringen. Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat, sagt er. Er, Christus, der Mensch gewordene Gott, steht über dem Gesetz. Der Menschensohn ist Herr über die Ordnungen unseres Lebens. Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Amen.