Sonntag, 28. April 2013

Predigt am 28. April 2013 (Sonntag Kantate)

Es wird die Zeit kommen, da wirst du sagen: „Ich danke dir, HERR, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.“
Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.
Und ihr werdet sagen zu der Zeit: „Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! Jauchze und rühme du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!“
Jesaja 12, 1-6



Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir Gott unsere Loblieder singen, dann ist das genau genommen Zukunftsmusik.
Wir singen ja viel und gerne. Gott sei Dank! Was wäre Kirche, Gottesdienst, Gemeinde ohne Musik und Gesang! Singt dem Herrn und lobt ihn – Lob Gott getrost mit Singen – Ich singe dir mit Herz und Mund – Du meine Seele, singe – so singt und klingt der heutige Gottesdienst. Ja, so soll es sein!
Und doch: Wenn wir hier und heute singen, dann ist das eigentlich doch Zukunftsmusik.
Was meine ich damit? – Es ist Musik, die aus der Zukunft zu uns kommt, aus Gottes Zukunft, vom Himmel. Wir vereinen uns mit den Chören der Engel und singen heute schon etwas von dem, was wir in Ewigkeit singen werden.
So gesehen (oder so gehört) ist die Musik, die wir heute erfinden und aufführen, auch Musik für die Zukunft. Ich glaube, die Ewigkeit ist groß genug, um all unsere Lieder und Gesänge zur Ehre Gottes aufzunehmen. Noch im Himmel werden Bachs Oratorien und Paul Gerhardts Lieder erklingen, werden Gospelchöre singen und Lobpreisbands spielen. Und Formen von Musik, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, werden auch da sein: das, was die Zukunft auf Erden noch bringen wird, und das, was es dann exklusiv im Himmel noch dazu gibt.
Zukunftsmusik: Unser Singen und Spielen nimmt etwas von der himmlischen Herrlichkeit vorweg. Mancher Gottesdienst, manches geistliche Konzert ist schon so: Wie im Himmel. Wie in Gottes Zukunft. Fast. Die himmlische Zukunft wird dann alles noch toppen.
Zukunftsmusik ist unsere Musik auch, weil sie von der Zukunft singt: von dem, was nicht ist, noch nicht ist, aber sein wird:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden (Lukas 2, 14). So klingt der Lobgesang der Engel, der aus der Zukunft zu uns gekommen ist und in den wir einstimmen. Aber wir wissen auch: Das ist Zukunftsmusik mit dem Frieden auf Erden. – Noch ist Krieg und Kriegsgefahr. Wenn ich Predigten vorbereite und ich spreche über die Situation unserer Welt, dann ändern sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte die konkreten Orte, über die ich spreche, aber an der Situation selber ändert sich nichts: Wir leben in einer friedlosen Welt. Jetzt also Bürgerkrieg in Syrien, Kriegsdrohungen in Korea, Bombenattentate in den USA. Usw. usf. – Von dort kommen gerade die Bilder und die Nachrichten, die uns die Kehle verschließen, so dass wir eigentlich gar nicht mehr singen mögen. Und schon gar nicht zur Ehre Gottes und vom Frieden auf Erden, wenn da doch keiner ist.
Und wir singen trotzdem! Nicht weil wir das gegenwärtige Leid preisen wollen, sondern weil wir heute schon die Zukunft feiern: wenn das Leid endet und wenn Friede wird, wie Gott ihn verheißen hat.
Denn wir wissen und glauben: Alles wird gut. – Weil Gott alles gut machen wird. Ja, weil er schon lange dabei ist, alles gut zu machen.
Zukunftsmusik: Es wird die Zeit kommen, da wirst du sagen: „Ich danke dir Herr! …“ Es wird die Zeit kommen, da werdet ihr sagen: „Danket dem Herrn! … Lobsinget dem Herrn! … Jauchze und rühme, du Tochter Zion!“
Die Zukunft ist die Zeitform des Glaubens, die Zeitform Gottes. Was auf uns zukommt, kommt aus Gottes Ewigkeit. Er kommt uns entgegen mit seiner Zukunft.
Ein Philosoph unserer Tage hat sogar versucht, aus der Zeitform der Zukunft so etwas wie einen Gottesbeweis abzuleiten: Wenn das, was einmal war und jetzt ist und künftig sein wird, nicht im Nichts verschwindet, sondern auch in Zukunft gewesen sein wird, dann muss es so etwas wie eine ewige Erinnerung geben, einen Ort, eine Instanz, bei der alles aufgehoben sein wird: Gott.
Ja, was war und ist, wird gewesen sein. Das heißt aber auch: Es wird nicht mehr gegenwärtig sein, es wird nur noch Vergangenheit sein, Erinnerung, dunkler Hintergrund. Und dann werden wir sagen: „Ich danke dir, Herr!“, und werden singen: „Gott ist mein Heil!“, und werden jauchzen und rühmen: „Der Heilige Israels ist groß!“
Vergangenheit: „Herr, du bist zornig gewesen!“ – Aber die Zukunft heißt: „Du wirst zornig gewesen sein! Dein Zorn gehört für immer der Vergangenheit an!“
Im Glauben und im glaubenden Singen gehen wir schon hinaus in diese vollendete Zukunft, Futur II: Was einmal war, was jetzt noch ist, wird gewesen sein.
Gewesen sein und verwandelt sein: „Dein Zorn hat sich gewendet.“ Er hat sich gewandelt, er ist zu Trost und Heil geworden. Ja, zum Ausdruck von Liebe.
Das ist mir ganz wichtig geworden, um zu verstehen, wieso Gott zornig sein kann: Sein Zorn ist Ausdruck von Liebe, von leidenschaftlicher Liebe. Wenn ich auf jemanden zornig bin, dann ist er mir nicht gleichgültig. Wenn meine Kinder Mist machen, regt mich das viel mehr auf, als wenn anderer Leute Kinder Mist machen: Weil ich meine Kinder leidenschaftlich liebe. – Wenn Gott auf sein Volk – wie hier im Alten Testament – oder wenn Gott auf dich oder mich zornig ist, dann nur, weil er uns so leidenschaftlich liebt.
Und genau deshalb können wir auch ganz gewiss sein, dass sein Zorn sich wendet. Dass er sich gewendet haben wird. Ja, dass in Ewigkeit nur Gottes Liebe bleibt.
Und das, genau das, ist der Grund, warum wir dann, in Zukunft und in Ewigkeit singen werden. Und es ist der Grund, warum wir schon jetzt und hier lobsingen: Alles wird gut! Alles, was nicht gut war und nicht gut ist, wird sich wenden, wird aufgehoben, wird gut werden.
Aufgehoben – das heißt: Es wird behalten. Was gewesen ist, wird gewesen sein. Aber es bekommt einen sinnvollen Platz in Gottes Weltenplan. Auch was wir verfehlt und versaut haben, auch unsere Sünde und Schuld wird am Ende zum Guten gedient haben.
Aufgehoben – das heißt auch: Es gilt nicht mehr. Ein Gesetz kann aufgehoben werden. Das Gesetz, das unsere Sünde Gottes Zorn nach sich zieht, wird aufgehoben, ist schon aufgehoben. Darum wird Gottes Zorn nicht mehr sein, sondern nur noch Trost und Heil.
Aufgehoben – das heißt schließlich: Es wird hinaufgehoben zu Gott. Und bei Gott ist dann alles gut.
Ja, das ist Zukunftsmusik. Aber es ist auch die Musik einer Zukunft, die schon begonnen hat. Die Musik spielt ja schon. Mindestens seitdem die Engel vom Himmel gekommen sind und es gesungen haben: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden! Und erst recht seitdem Jesus seine Arme ausgebreitet hat und gesagt hat: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! (Matthäus 11, 28; Evangelium des Sonntags) Und ganz gewiss seitdem der Auferstandene seine Jünger in alle Welt gesandt hat, gemäß dem Wort des Propheten: Machet kund unter den Völkern sein Tun! – seitdem singt und spielt die Zukunftsmusik Gottes mitten unter uns, und wir singen und spielen mit.