Sonntag, 5. Mai 2013

Predigt am 5. Mai 2014 (Sonntag Rogate)

Jesus lehrte seine Jünger und sprach: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.
Und wenn ihr betet sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“
Matthäus 6, 5-15



Liebe Schwestern und Brüder,
in Hamburg war Kirchentag – bis heute morgen: Größtmögliche Öffentlichkeit für den Glauben. Größtmögliche Offenheit für alles und jedes. Markt der Möglichkeiten und der Unmöglichkeiten. Fest des Glaubens und Fest der christlichen Selbstbespiegelung: Wir zeigen uns und der Welt, wie viele wir sind. Wir zeigen, was wir auf die Beine stellen können. Wir zeigen, wie nahe wir dem Zeitgeist und dem postmodernen Lebensgefühl sind. Politiker der verschiedenen Schattierungen waren in großen Scharen präsent; immerhin sind die evangelischen Christen als Wählerklientel nicht zu vernachlässigen. Und schon immer gibt sich die Kirchentagsbewegung politisch engagiert. – Kirchentag, das ist das Gefühl von Masse, von politischer Relevanz, von Offenheit und Öffentlichkeit des Glaubens.
Ich muss gestehen: Ich war in meinem ganzen Leben nur auf zwei Kirchentagen, und die waren auch nur regional bei uns in Sachsen, und der letzte davon ist 30 Jahre her. – Inzwischen bin ich bekennender Kirchentagsmuffel. Ich mag überhaupt keine Massenveranstaltungen. Wenn wir unsere Kirche voll haben oder den Festplatz auf der Finca, dann ist das ok. In Stadien und Messehallen fühle ich mich nicht wohl.
Und mein Glaube? – Nein, der lebt nicht davon, dass ich ihn mit 100.000 anderen gemeinsam zelebriere, sondern er lebt von der Begegnung mit zwei oder drei anderen in Jesu Namen – vielleicht bei unserem Bibelgespräch – oder bei einem ganz informellen gemeinsamen Abend mit Gesprächen über Gott und die Welt – und eben nicht nur die Welt! Und mein Glaube lebt von der ganz persönlichen Zwiesprache mit Gott: wenn ich vor der aufgeschlagenen Bibel sitze oder vor der zugeschlagenen und Gott sage, was mich bewegt, und vielleicht etwas gesagt bekomme von dem, was ihn bewegt. – So viel du brauchst: das sind für mich die zwei oder drei in Jesu Namen, Bibel und Beten.
Glaube – das heißt ja Vertrauen. Ich vertraue nicht anonymen Menschenmassen. Ich vertraue nicht irgendwelchen Stars und Selbstdarstellern, die einen Kirchentag als Bühne nutzen. Ich vertraue einem Menschen, der mir in der persönlichen Begegnung vertraut wird. Und ich vertraue einem Gott, der mir persönlich begegnet. (Ja, der mir gerade als Mensch persönlich begegnet.)
Mag sein, dass andere anders empfinden, und dass sie auch von kirchlichen Massenevents Gewinn für ihren Glauben haben. – Trotzdem: das Wesentliche ist, dass der Glaube sich auch im Alltag, fern aller Events bewährt und das Leben trägt.
Wenn ich mir die Anfänge des Glaubens anschaue, wenn ich zu den Quellen gehe, zu Jesus, dann sehe ich vor allem persönliche Begegnungen und Gespräche im kleinen Kreis. Selbst die berühmte Bergpredigt ist nur an eine kleine Runde seiner Jünger gerichtet: Kirchentag mit 12 oder 20 Beteiligten und einem Prediger, den sie persönlich kennen und dem sie vertrauen.
Und worum geht es da, in der Bergpredigt? – Genau: um die jeweils einzelnen Menschen und wie sie mit Gott und ihrem Nächsten leben sollen.
Heute geht es ums Beten. Und da sagt Jesus es mit aller Deutlichkeit: Das Beten gehört nicht in die Öffentlichkeit; das Beten gehört ins Kämmerlein. Es gehört dahin, wo du mit Gott ganz allein bist!
Warum? – Weil es seinem Wesen nach Zwiesprache mit Gott ist. Das Intimste und Vertrauteste, was es gibt. In der wichtigsten Beziehung deines Lebens.
Es ist wie in einer Liebesbeziehung: Die intimsten und vertrautesten Worte reden wir nicht in der Öffentlichkeit. Die intimsten und vertrautesten Dinge tun wir im Kämmerlein. Ich muss es der Welt nicht durch öffentliches Rumknutschen beweisen, dass ich meine Frau liebe. Die Welt merkt es auch so.
Genau so ist es mit Gott. Ich muss der Welt nicht durch öffentliche Gebete und religiöse Rituale zeigen, wie fromm ich bin, aber ich brauche eine gepflegte Gottesbeziehung im stillen Kämmerlein.
In der Öffentlichkeit verkommt der Glaube leicht zur Show. Im Verborgenen, wo du mit Gott allein bist, kannst du niemandem mehr etwas vormachen. Und Gott schon am allerwenigsten. Denn er sieht ins Verborgene, gerade auch in die verborgenen Bereiche deines Herzens, und er weiß, was du ihm sagen willst, bevor du es auch nur aussprichst. Und er weiß auch, was du dich nicht mal auszusprechen traust.
Beten ist Beziehungspflege mit Gott. Genau wie wir in einer Liebesbeziehung Zeit füreinander, Zeit miteinander brauchen, genau so brauchen wir in unserer Gottesbeziehung Zeit miteinander und füreinander. Damit wir – Gott und ich – sich immer wieder aufeinander einstellen können. Gott stellt sich auf mich ein: Er hört mir zu und er spricht mir zu. Und ich stelle mich auf Gott ein: Dein Wille geschehe.
Was gehört hinein in diese Zweisamkeit mit Gott? – Alles, mein ganzes Leben eigentlich. Und doch braucht dieses Alles nicht viel: keine ausgefeilten Formulierungen, keinen endlosen Wortschwall – das alles ist beim Beten nicht wichtig.
Es ist wieder wie in einer Liebesbeziehung. Wenn wir miteinander das Leben teilen, dann müssen wir uns nicht jeden Tag unser ganzes Leben erzählen. Es genügt, wenn wir uns immer mal wieder auf den laufenden Stand bringen: „Wie geht’s dir heute, Liebste?“ Oder auch: „Was hast du eingekauft?“ oder: „Hattest du einen schönen Skatabend?“ – So sieht sie doch aus, die ganz normale Vertrautheit in einer gewachsenen Beziehung.
Es bilden sich bestimmte Rituale der Zweisamkeit heraus. So gibt es auch bestimmte Rituale des Betens. So ein Ritual des Betens, in dem ich selbstverständlich zu Hause bin, ist das Vaterunser. Was brauche ich komplizierte Worte und eigene Formulierungen, wenn ich dieses Gebet habe, in dem alles enthalten ist? Natürlich – es darf immer auch dein spezielles Anliegen, deine Sorge, deine Not oder auch dein persönlicher Dank sein, den du vor Gott aussprichst. Aber im Vaterunser ist das auch immer schon alles enthalten.
Was für ein wunderbares Gebet! Und was für eine Schlichtheit und Einfachheit, in der du Gott begegnen kannst! Keine Gebetsmühlen oder Gebetsteppiche, kein Rosenkranz und keine Kniebeugen sind nötig – nur das Gottvertrauen, das sich in den einfachen Worten Jesu ausspricht.
Liebe Schwestern und Brüder,
ich bin jetzt mit Jesus und seinen Worten ganz ins Innere, in die Innerlichkeit unserer Gottesbeziehung gegangen, und ich will euch Mut machen, eure Gottesbeziehung da in der Innerlichkeit des Gebetes auch zu leben. Ich weiß aber auch, dass manche sagen werden: Das kann doch nicht alles sein! Der Glaube muss doch auch nach außen gehen, zu unseren Mitmenschen. Es reicht doch nicht, wenn es in der Beziehung zwischen Gott und mir nur Ich und Du gibt. Wo bleiben Er, Sie, Es: meine Mitmenschen und die Dinge, die in der Welt geschehen? Wo bleiben Wir, Ihr, Sie: die anderen, mit denen ich verbunden bin, oder auch entzweit?

Ja, es ist tatsächlich so: Der Glaube geht nach außen. Und genau da beginnt es, in der Innerlichkeit des Gebets. Es beginnt damit, dass ich Unser Vater bete. Das Gebet der Christen ist eben nicht das Mein Vater, sondern das Unser Vater. Wir beten es als einzelne. Aber wir beten es miteinander und füreinander. Und es ist an uns, dass wir das Unser im Beten groß machen. Unser Vater ist nicht nur der Vater meiner Familie oder meiner Freunde, oder meiner Glaubensgeschwister, mit denen ich mir einig bin. Es ist doch mindestens das Unser aller Menschen, die dieses Gebet beten. Vielleicht ist es sogar das Unser auch der Menschen, die dieses Gebet selber nicht oder noch nicht sprechen. Denn wir Menschen alle brauchen, worum wir bitten: das tägliche Brot, die Vergebung der Schuld, die Bewahrung vor dem Bösen; und wir brauchen es, dass Gottes Wille geschehe und sein Reich komme und sein Name über alle Namen sei.
Der Mitmensch ist in meinem Gebet enthalten: Indem ich Gott als unser aller Vater anspreche, mache ich mich allen anderen zum Bruder oder zur Schwester.
Und das erklärt dann auch, weshalb es Jesus so wichtig ist, gerade auf die Vergebung noch mal besonders einzugehen: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Es soll nichts zwischen Gott und mir stehen, und es soll auch nichts zwischen Gott und meinen Schwestern und Brüdern stehen, denn wir sind gemeinsam seine Kinder.
Wer so betet, der kann auch so handeln: vergebungsbereit und geschwisterlich mit den Mitmenschen. So geht der Glaube von innen nach außen. Aus meinem Kämmerlein hinaus in die Welt. Wird vom Gebet zur tätigen Liebe.
Aber er lebt von der Innerlichkeit des Gebetes, nicht von der Äußerlichkeit festiver Glaubensevents.