Sonntag, 21. April 2013

Predigt am 21. April 2013 (Sonntag Jubilate)


Predigttext: 1. Mose 1,1 - 2,4a

Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Predigttext steht ganz am Anfang der Bibel. Und am Anfang geht es um den Anfang: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Am Anfang der Bibel lesen wir die Geschichte oder besser: die Erzählung vom Anfang. Es ist eine der großartigsten Erzählungen der Bibel, weil es die Erzählung von allem, ist vom All, vom Universum, von der Welt vom Allerkleinsten bis zum Allergrößten, und weil es die Erzählung davon ist, wie alles miteinander zusammenhängt, weil alles mit Gott zusammenhängt.
Am Anfang schuf Gott. – Ich möchte einem Missverständnis vorbeugen. Wir hätten die Schöpfungserzählung missverstanden, wenn wir uns zu sehr an den Details aufhalten würden. Etwa wenn wir die sechs oder sieben Tage und die Reihenfolge der Schöpfungswerke allzu wörtlich nehmen würden. Darum geht es nicht. Worum es geht, verstehen wir ein bisschen besser, wenn wir ausnahmsweise mal den lateinischen Bibeltext zu Hilfe nehmen: In principio creavit Deus caelum et terram. In principio: Das kann ja auch ganz wörtlich heißen: Im Prinzip. Und darum geht es: Um die Prinzipien von Gottes Schöpfung. Es geht nicht um einen Ersatz für naturwissenschaftliche Forschung und Erklärung der Welt. Da wissen wir heute natürlich viel besser Bescheid als zu biblischen Zeiten. Es geht um das, was die Naturwissenschaft nicht erforschen und eklären kann: die Prinzipien von Gottes Schöpfung. Und darüber können wir beim Lesen der Schöpfungserzählung eine ganze Menge lernen.
Wenn wir die ganze Schöpfungserzählung lesen, dann ist sie ziemlich lang. Aber ich möchte gerne, dass wir die ganze Geschichte hören. Und darum teilen wir sie in drei Teile. Und hören jetzt den ersten – und längsten – Teil:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.  Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.  Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.  Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.
Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.
Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.
Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.


Und Gott sah, dass es gut war. – Wie oft haben wir diesen Satz jetzt gehört? – Genau: sechs mal.
Das ist nämlich ein Grundprinzip von Gottes Schöpfung: Was Gott geschaffen hat, ist gut. Das Licht ist gut. Das Nebeneinander von Land und Meer ist gut. Die Pflanzen der Erde sind gut. Sonne, Mond und Sterne sind gut. Vögel in der Luft und Fische im Meer sind gut. Und die Landtiere sind ebenfalls gut.
Wir können das auch sehen – und staunen: Es stimmt und es passt alles in Gottes Schöpfung: Es ist gut.
Menschen von heute könnten das auch ganz anders ausdrücken: Die Quantenemissionen auf subatomarer Ebene sind gut. Die Plattentektonik der Erde ist gut. Die Photosynthese der Pflanzen ist gut. Die Gravitationskräfte sind gut. Die Evolution des Lebens ist gut. Die Neukombination von genetischen Merkmalen bei der geschlechtlichen Fortpflanzung ist gut. Usw. usw.
Und auch wenn uns das Staunen des Naturwissenschaftlers nicht so nahe sein sollte, dann lasst uns einfach staunen über die Schönheit und Sinnhaftigkeit der Welt, in der wir leben! Es ist alles gut. Es ist ja auch so, dass eines zum andern passt: Ohne Licht kein Leben. Ohne die Bewegung der Himmelskörper auch kein Leben. Denn überlegen wir mal: Allein schon wenn die Erde nur ein wenig langsamer rotieren würde, vielleicht statt 24 Stunden 48 Stunden für eine Umdrehung brauchte: Wie groß wären dann die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, was würde das für das Wetter bedeuten? Und wenn die Erde langsamer um die Sonne kreisen würde – wie groß wären dann die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten, was würde das für das Klima bedeuten? – Wie perfekt sind die Lebewesen ihren Lebensräumen angepasst! Das können wir in den verschiedenen Vegetationszonen, die hier auf unserer Insel so nahe beieinander liegen, wunderbar beobachten. – Es ist gut, und es ist schön!
Und dann können wir staunen, dass es uns Menschen gibt, das einzige Geschöpf, das diese Schönheit und Perfektion der Schöpfung sehen und begreifen kann. Ja, man könnte fast meinen: Das alles ist allein für uns geschaffen: damit wir es sehen und begfreifen und bestaunen können.
Hören wir auf den zweiten Teil der Schöpfungserzählung, genau genommen nur den zweiten Teil des sechsten Schöpfungstages.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

Hier ist es, das Geschöpf, das das Gute sehen kann. Und es ist selber gut, sehr gut. Die Krone der Schöpfung! – Nein, ich lasse mich nicht von den Spinnern beeindrucken, die die Menschen für eine Tierart neben anderen betrachten, die gegenüber Affen, Mäusen und Moskitos nichts Besonderes wäre. Nur vom Menschen sagt die Bibel, Gott habe ihn zu seinem Bilde geschaffen. Und das aus gutem Grund.
Worin besteht sie die Gottebenbildlichkeit des Menschen? – Nun, zum einen in dem, was ich schon gesagt habe: Der Mensch ist das Geschöpf, dass sehen und erkennen kann, dass Gottes Schöpfung gut ist. Er kann sich selbst und die ganze Welt sehen und bestaunen und begreifen. Gott sagt: Siehe, es ist sehr gut, was ich gemacht habe. Und der Mensch sieht und sagt: Ja, ich sehe es: Es ist sehr gut, was du gemacht hast.
Gott ist Geist, und der Mensch ist Geist. Damit meine ich: Er hat Bewusstsein von sich und der Welt.
Und: Er hat Bewusstsein von Gott seinem Schöpfer. Der Mensch ist das einzige Wesen, das Religion hat, eine Ahnung, ein Wissen davon, dass er nicht aus sich selber existiert, dass er nicht aus Zufall existiert, ja, dass es einen gibt, der ihn geschaffen hat und seinem Dasein Sinn gibt.
Der Mensch kann Gott antworten. Auf das göttlicheEs ist gut” kann er mit seinem menschlichenEs ist gut” antworten. Und das macht ihn auch ver-antwortlich. Der Mensch ist das einzige Wesen, das für sein Tun und Lassen verantwortlich ist. Ein Tier handelt aus Instinkt, nicht in freier Verantwortung. Einen Hund, der den Briefträger beißt, kann man nicht dafür zur Verantwortung ziehen; wohl aber den Hundehalter, der das hätte verhindern können und müssen. – Wir Menschen sind verantwortlich. Wir sind verantwortlich für –  nämlich für die Welt, in der wir Leben, für die Schöpfung, insbesondere für das Leben, und am allermeisten für den Menschen, für den Menschen, der ich bin, und für den Mit-Menschen, der mir anvertraut ist.
Gott überträgt dem Menschen Verantwortung. Ihm allein. Der Mensch kann kann nicht nur das Gute sehen, er soll das Gute tun.
Verantwortung für die Schöpfung schließt dabei keineswegs aus, sich ihre Ressourcen zunutze zu machen, Pflanzen zu kultivieren, Tiere zu züchten, die erkannten Naturgesetze selber anzuwenden und technische Lösungen und Erleichterungen für das Leben zu schaffen. Denn das ist das Dritte, worin die Gottebenbildlichkeit des Menschen besteht: Der Mensch ist schöpferisch. – Gott ist der Schöpfer der Welt. Der Mensch ist der schöpferische Gestalter der Welt. Das ist von Gott so gewollt. Gott hat den Anfang gemacht, die Prinzipien der Schöpfung festgesetzt. Wir machen weiter auf Grundlage dieser Prinzipien, gestalten die Schöpfung zu einem Ort, an dem wir gut und hoffentlich immer besser leben können.
Also: der Mensch ist Geist, der Mensch ist verantwortlich, der Mensch ist schöpferisch. So ist er Gottes Ebenbild und Partner inmitten der Schöpfung!
Und nun lasst uns den Abschluss der Schöpfungserzählung hören.

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.  Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

Der Mensch ist zwar die Krone der Schöpfung, aber nicht das Ziel der Schöpfung. Zum Ziel kommt die Schöpfung erst am siebten Tag. Gott ruht sich aus. Das Ziel der Schöpfung ist, dass Gott seinen Ruhetag, seinen Feiertag hat. Am Ende steht nicht mehr das Tun, das Machen, das Schaffen, sondern das Nichts-Tun. Und wenn Gott schon nichts tut, dann soll der Mensch als sein Ebenbild und Partner auch nichts tun.
Das Ziel jedes Arbeitstages ist der Feierabend. Das Ziel jeder Arbeitswoche ist das Wochenende. Das Ziel jedes Arbeitsjahres ist der Urlaub. Und das Ziel jedes Arbeitslebens ist der Ruhestand. – Nicht andersherum: Die arbeitsfreie Zeit ist nicht dazu da, uns wieder fit zu machen fürs Weitearbeiten, sondern die Arbeitszeit ist dazu da, um uns die Ruhezeit zu ermöglichen. Seht es mal so herum! Dann ist auch der Altersruhestand kein Verlust, sondern ein Gewinn! Ihr dürft jetzt ausruhen, faulenzen, feiern; ihr habt es euch verdient!
Gottes siebter Schöpfungstag ist in Wahrheit noch nicht angebrochen; er ist eine prophetische Ansage. Denn noch kann sich Gott nicht ausruhen und zurücklehnen. Dafür hat er sich mit seinem letzten und großartigsten Geschöpf zu viel Mühe und Ärger eingehandelt. Der Mensch braucht Gott rund um die Uhr und jeden Tag, 24/7, wie das heute so schön heißt. Stellt euch das mal vor, Gott würde uns und diese Welt, einen ganzen Tag sich selbst überlassen, weil er Feierabend hat! Nein, so ist das nicht. Gott hat noch nicht Feierabend. Sein Feierabend kommt noch. Und unserer auch. Der ganz große Feierabend, den wir gemeinsam haben werden in Gottes Ewigkeit.
Hier und jetzt aber haben wir wenigstens schon Feiertage, Zeit um die Schöpfung zu feiern und den Schöpfer zu feiern. Der Feiertag, für uns der Sonntag, ist ein Geschenk des Schöpfers an uns – in Vorwegnahme der Vollendung, die noch kommt.
Gott sah an, alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.
Wir können das Gute sehen. Wir sollen das Gute tun. Und wir dürfen das Gute feiern.