Sonntag, 4. November 2012

Predigt am 4. November 2012 (Reformationsgedenken)

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.
Galater 5, 1-6


“Muss mich mal wieder beim lieben Gott sehen lassen”, sagt ein seltener Gottesdienstbesucher und legt am Ausgang einen größeren Schein in die Kollekte. – Da wird sich der liebe Gott aber freuen! Und sich besser an diese Person erinnern, wenn sie dann mal vor der Himmelstür steht. “Ja”, wird Gott zu Petrus sagen, “lass ihn rein, den kenn ich, der war hin und wieder mal bei mir in der Kirche.” – Ob das so funktioniert?

Vielleicht sagst du: Nein, das reicht nicht. Da muss schon ein bisschen mehr dazukommen. Ein einigermaßen anständiges Leben, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und so.


Vielleicht sagst du sogar: Das ist auch eigentlich viel wichtiger. Und um ein anständiger Mensch zu sein, muss man eigentlich auch gar nicht in die Kirche gehen.


Dabei kommt das alles auf dasselbe raus: Der liebe Gott führt Buch über dein Leben, ob nun über die Zahl deiner Kirchenbesuche oder über deine guten Taten, und wenn das reicht und das aufwiegt, was nicht so gut war, dann kommst du auch in den Himmel.


Früher hat man da wohl noch etwas strengere Maßstäbe vermutet, aber da der liebe Gott ja ein lieber Gott ist, meint man heute, wird es schon nicht so schlimm werden, und wenn er nur ein bisschen guten Willen bei uns erkennt – “wer immer strebend sich bemüht ...” –, dann wird er über das andere schon hinwegsehen.


Liebe Schwestern und Brüder, im nächsten Lied werden wir singen: Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten (EG 342). – Das war der springende Punkt für Martin Luther, den Reformator. Die Werk, die helfen nimmermehr: Ablass kaufen – ein gutes Werk für meine Seele und für die Kirche in Rom, die so wieder zu Geld kommt. – Das nützt nichts, sagt Luther. Es ist Betrug. Du kannst dich bei Gott nicht freikaufen.


Wenn man sich die verkorkste Theologie anguckt, die hinter dem Ablass stand, dann wurde da Handel mit guten Werken betrieben, mit so genannten Verdiensten. Ein paar besonders fromme Menschen, die Heiligen, so meinte man, hatten so viel Gutes getan, dass das mehr war, als was man brauchte, um in den Himmel, genauer gesagt: auf dem kürzesten Weg in den Himmel zu kommen. Und dieses Mehr, dieser Überschuss an Verdiensten, konnte nun im Ablasshandel weiterverkauft werden. Damit meinten die Leute, sie könnten sich die Zeit im Fegefeuer verkürzen und wären dann schneller im Himmel. – Eine wüste Vermischung von mittelalterlicher Religion und frühkapitalistischem Geschäftsgeist.


Ein System, nach dem heute wieder der Handel mit so genannten Klimazertifikaten funktioniert: Ein bestimmtes Maß an klimaschädlichem CO2 darfst du ohne Strafe produzieren, für das, was darüber ist, musst du bezahlen. Moderner Ablasshandel.


Was bist du bereit zu bezahlen, damit du in den Himmel kommst? – Kirchensteuer? Gemeindebeitrag? Regelmäßige Gottesdienstbesuche? Ein halbwegs anständiges Leben? Und was wäre, wenn Jesus zu dir sagen würde: Eins fehlt noch: Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen? – Würdest du dann traurig weggehen, weil du dich überfordert fühlst?


Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten. Das heißt: Du kannst dir viel oder wenig Mühe geben, das Ergebnis ist ungefähr dasselbe wie bei den CO2-Zertifikaten: Du bezahlst ein bisschen mehr, aber an der Gesamtbilanz wird das nichts ändern.


Ein Kohlekraftwerk bleibt ein Kohlekraftwerk, das produziert nun mal Kohlendioxid (Kohlenstoffdioxid sagt man neuerdings, habe ich von meiner Tochter gelernt). Das ist zwar nicht sein eigentlicher Daseinszweck. Es soll vor allem Energie produzieren – bzw. umwandeln. Aber das geht nun mal bei einem Kohlekraftwerk nicht anders als mit dem Nebenprodukt Kohlendioxid – CO2.


Und der Mensch bleibt ein Mensch bleibt ein Sünder, und der produziert nun mal … richtig: Sünde. Also die ganzen schädlichen Nebenprodukte der menschlichen Existenz: Lieblosigkeit, Untreue, Gier, Unbeherrschtheit, Gottlosigkeit, Aberglauben, Unversöhnlichkeit, Streit, Eifersucht, Hass, Wut, Zorn, Intrigen, Neid, Fressen, Saufen und andere Süchte. (Dieses Liste habe ich fast wörtlich ein paar Verse weiter im selben Kapitel abgeschrieben: Gal 5,19ff.) So ungefähr sieht Sünde aus. Aber die Sünde ist nicht unser eigentlicher Daseinszweck. Jedoch: der Mensch, so wie er nun mal ist, wie er mit allen Mitteln nach Glück, Erfüllung und Seligkeit strebt, kann nicht anders, als dabei Sünde zu produzieren.


Einige, viele ziehen daraus die Konsequenz: Wir müssen den Ausstoß an schädlichen Nebenprodukten des Menschseins reduzieren und den verbleibenden Rest mit guten Werken aufwiegen. Dann wird alles irgendwie gut.


Aber ein Kohlekraftwerk bleibt ein Kohlekraftwerk. Wenn es kein CO2 mehr ausstoßen soll, dann hilft kein Zertifikathandel, sondern es muss stillgelegt werden.


Ein Sünder bleibt ein Sünder. Wenn er keine Sünde mehr tun soll, dann helfen keine guten Werke, sondern dann muss er stillgelegt werden. Der Sünder muss sterben.


Das ist ein kleines bisschen mehr, was Gott da von dir verlangt, ein bisschen mehr als Kirchgang und Nächstenliebe. Gott will dir ans Leben. Gott will dein Leben. Der Sünder muss sterben. Du, Sünder, musst sterben.


Du kannst dich nicht auf deine guten Werke und deinen Kirchenbesuch herausreden: Die Werk, die nützen nimmermehr, sie können nicht behüten. Nicht behüten vor dem ewigen Tod.


Die einzige Rettung für dich: Du bist gar nicht der Sünder, der sterben soll, sondern du bist ein anderer, ein neuer Mensch, wie Gott ihn wollte, der nicht sterben soll, sondern leben.


Du bist ein neuer Mensch, wie Gott ihn wollte. Du sollst nicht sterben, sondern leben.


Paulus und Luther erklären es so:

Jesus Christus ist der erste neue Mensch. Im Leben von Jesus gibt es das Nebenprodukt Sünde nicht. Er muss also nicht sterben. Aber er tut es. Freiwillig. Für dich. Er tauscht mit dir. Er macht für dich den Sünder, und dich macht er zum neuen Menschen. “Der fröhliche Wechsel und Streit”, von dem Martin Luther schreibt (Von der Freiheit eines Christenmenschen XII): Was sein ist, wird dein: sein Leben, seine ewige Gemeinschaft mit Gott. Was dein ist, wird sein: dein Unvermögen, deine Sünde, dein Tod.

Du bist wie ausgewechselt. Du bist ausgewechselt. Bzw. eingewechselt – ins wahre Leben.


Das falsche Leben, das Sünderleben zählt nicht mehr. Das ist mit Christus am Kreuz gestorben. Aber du lebst: neu, frei!


Das meint Paulus, wenn er schreibt: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Du bist frei von der Sünde. Sie zählt nicht mehr. Sie führt nur noch ein Schattendasein in diesem alten Stück Fleisch, das irgendwann sterben muss. Und darum musst du nun auch nichts mit guten Werken gutmachen; es nützt ja nichts: Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten.


Was dir helfen und dich behüten kann, das sind nicht die Werke, sondern der Glaube. Glaube es, vertraue darauf, dass es so ist: Dass du dir das ewige Leben nicht selber verdienen kannst, sondern dass du es geschenkt bekommst, bzw. eingetauscht bekommst gegen deine Schrottbilanzen!


Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan, er ist der Mittler worden. So geht das Lied weiter.


Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen. – Paulus zieht hart zu Felde gegen alle, die behaupten, man könnte und müsste doch etwas tun, um dem lieben Gott zu gefallen. Bei ihm damals war das Thema die Beschneidung. “Wer zu Gott gehören will, muss beschnitten werden”, sagten einige von den Christen, die zuvor schon Juden gewesen waren. – Nein, sagt Paulus, damit stellst du das infrage, was Christus getan hat. Es gibt kein “Du musst aber noch”.


Es gibt auch heute kein “Du musst aber noch”. Du musst gar nichts: Du musst dich nicht beschneiden lassen. Du musst nicht zur Kirche gehen. Du musst nicht immer nett und freundlich sein. Du musst nicht so und so viel von deinem Einkommen spenden. Du musst nicht den Sabbat einhalten. Du musst nur, weil und insofern du ein Sünder bist, sterben.


Aber weil und insofern du in Christus kein Sünder mehr bist, sondern ein neuer Mensch, wirst du auch als neuer Mensch leben und aus dir heraus tun, was ein Gottesmensch tut. Vielleicht wirst du zur Kirche gehen, weil du Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott und mit deinen Glaubensgeschwistern hast. Vielleicht wirst du nett und freundlich sein, weil du deinen Mitmenschen mit den Augen von Jesus siehst. Vielleicht wirst du Geld und Güter teilen, weil dir dein Mitmensch so nahe ist wie du selbst. Vielleicht wirst du dir Zeit nehmen für dich, für deinen Mitmenschen, für deinen Gott. Und gewiss wirst du, weil und insofern du ein neuer Mensch bist, leben. In Ewigkeit leben. Amen.