Sonntag, 18. November 2012

Predigt am 18. November 2012 (Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres/Volkstrauertag)

Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans. Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tod.

Offenbarung 2, 8-11


Liebe Schwestern und Brüder,
ein Satz aus diesem schwierigen Abschnitt hat den Weg in aller Herzen gefunden: Sei getreu bis an den Tod (oder wahlweise: bis in den Tod), so will ich dir die Krone des Lebens geben. Er ist beliebt: auf Grabsteinen zum Beispiel und in Todesanzeigen:

“In Liebe und Dankbarkeit nehmen wir Abschied von meinem geliebten Mann, unserem guten Vater, Opa, Schwiegervater, Bruder und Schwager … geboren … 1923 – verstorben … 2012”
Da hat einer ein schönes Alter erreicht, ist friedlich eingeschlafen … Wofür steht jetzt das Wort treu, getreu? – War er seiner geliebten Frau Zeit Lebens treu? Schön – dann hat er die Krone des Lebens verdient. Oder war er seinen Vereinskameraden ein getreuer Freund? – Wir wissen es nicht. War er seinen Überzeugungen treu? Seiner Kirche? Ja, vielleicht war er sogar dem Herrn Jesus Christus treu – dann wäre er der Krone des Lebens tatsächlich nahe.

Ich befürchte aber, dieser schöne Satz am Ende des Lebens gesprochen, ist allzu wohlfeil. Für wie viel richtige oder falsche Treue steht er denn? Mit welcher Selbstverständlichkeit dürfen wir seine Verheißung – die Krone des Lebens – für uns und unsere Lieben in Anspruch nehmen?


Ich gestehe: Ich habe nach Beispielen gegoogelt. Ich habe auf “Bilder” geklickt und bekam neben Todesanzeigen, Grabsteinen und Glocken auch das Bild eines Hundes angezeigt. Ich habe das Bild aufgerufen und fand auf einer Hundezüchterseite den Nachruf für einen verstorbenen Hund und dazu dieses Bibelwort. – Vielleicht, so habe ich mir gesagt, ist Hundetreue für manche ja ein Vorbild für menschliche Treue. Trotzdem: der heilige Hund mit der Krone des Lebens – das geht mir zu weit. Da ist der Glaube im wörtlichen Sinne auf den Hund gekommen.


Ich habe auch gefunden, was ich eigentlich gesucht hatte: efeuumrankte Gedenksteine für die Gefallenen des Weltkrieges – meistens des ersten – mit diesen Worten drauf. Treue bis in den Tod – das hieß dann Treue zum Vaterland – auch in einem sinnlosen Krieg. Einem Krieg, in dem auf der anderen Seite ebenso die Treue bis in den Tod erwartet wurde, und die Krone des Lebens dem versprochen, der, wie der Herr Jesus, sein Leben gab für seine Freunde. – Da schmeckt so ein Bibelwort bitter. Es tröstet nicht, wie es sollte. Weil es Schuld verschweigt und das Wort des Herrn für menschliche Zwecke vereinnahmt.


Es ist ja auch noch im nächsten Weltkrieg gebraucht worden, dieses Wort. Treue zu Führer, Volk und Vaterland hieß das dann – bis in den Tod.


Dabei waren es andere, die genau die Treue bewiesen haben, die Jesus Christus von den Seinen erwartet. Die nämlich, die jenem falschen Führer die Treue verweigert haben, weil sie nur einem treu sein konnten.
Ich bin – immer noch beim Googeln – auf den Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg gestoßen*. Er hatte eine Kanzelvermeldung (wir würden sagen Abkündigung) verfasst mit folgenden Worten: “In Berliner Häusern wird ein anonymes Hetzblatt gegen die Juden verbreitet. Darin wird behauptet, daß jeder Deutsche, der aus angeblicher falscher Sentimentalität die Juden irgendwie unterstützt, Verrat an seinem Volke übt. Laßt euch durch diese unchristliche Gesinnung nicht beirren, sondern handelt nach dem strengen Gebote Jesu Christi: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’” Noch bevor er das verlesen konnte, wurde Lichtenberg verhaftet. In den Abendgebeten der St.-Hedwigs-Kathedrale hatte er Tag für Tag zum Gebet aufgerufen: “Lasset uns beten für die Juden und für die armen Gefangenen in den Konzentrationslagern, vor allem für meine Amtsbrüder …” Dafür war er angezeigt worden und wurde dann zu zwei Jahren Haft verurteilt. Nach diesen zwei Jahren wurde er nicht freigelassen, sondern zusammen mit anderen Gefangenen ins Konzentrationslager Dachau abtransportiert. Unterwegs ist er verstorben.


Im Gefängnis hatte er gedichtet:

Ich will nichts anderes habenals was mein Heiland will,Drum hält der Strafgefangenebis an das Ende still.Und was der Heiland will,das steht schon lange fest:Apokalypse Zweivom 10. Vers den Rest.
Ihr wisst, was da steht, Apokalypse 2, Vers 10b: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben! – Da gehörte es wirklich hin, dieses Wort: da, wo einer sein Leben gelassen hat in Treue zu seinem Glauben, in Treue zu Jesus Christus, in Treue auch zu den geringsten Brüdern und Schwestern des Herrn Jesus Christus, gerade auch den jüdischen.

„Was kann einem denn besseres passieren, als für seinen heiligen katholischen Glauben zu sterben! Ich bin bereit, heute noch, ja diese Stunde noch, für ihn zu sterben.“ – Das waren seine Worte, die er seinem Bischof sagte, als der ihn im Gefängnis besuchte.


Vor solcher Treue bis in den Tod stehe ich mit tiefem Respekt und Bewunderung. Und weiß, dass dieses  Wort des Herrn viel zu schwer wiegt, um es leichthin über die Todesanzeige eines friedlich verstorbenen Menschen oder Hundes zu setzen.


Zu Menschen, die die Treue zum Herrn das Leben kosten konnte, zu solchen Menschen ist dieses Wort zuerst gesagt worden: Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, und ihr werdet in Bedrängnis sein … – das ist vom 10. Vers der Anfang, und er traf zu.


Aber dann trifft auch der Rest zu: so will ich dir die Krone des Lebens geben. – Den Kranz des Siegers, den der bekommt, der bis zum Schluss durchgehalten hat. Den Strahlenglanz der erlösten Heiligen. – Ja, da kommt er her, der Heiligenschein. Es ist die Krone des Lebens, die Christus denen verleiht, die ihm die Treue halten. – Es ist in diesem Sinne konsequent, dass die katholische Kirche ihren Domprobst Bernhard Lichtenberg seliggesprochen hat.


Vor solchen Menschen fühle ich mich sehr klein. Ich weiß nicht, wie es um meine Treue bestellt wäre, wenn es ernst würde. Ich weiß nur, dass ich in den Zeiten, in denen es nur ein bisschen ernst war, genug Kompromisse gemacht habe, um nur ja nicht etwa ins Gefängnis oder auch nur in die Klauen der Stasi zu geraten. Ich weiß, was ich gesagt habe, ohne es zu glauben, und was ich nicht gesagt habe von dem, was ich glaube. Ich weiß, wo ich mitgemacht habe und nicht hätte mitmachen sollen. Und ich weiß, wo ich nicht mitgemacht habe, wo man mich gebraucht hätte. Ich weiß um die Geschichten mancher, die mehr Mut hatten als ich, und die Geschichten vieler, die noch weniger Mut hatten und sich mit Lügen und falschen Bekenntnissen durchgeschummelt haben. Und ich weiß um die Angst, und was für viele auf dem Spiel stand. Und so bin ich fern davon, über andere zu urteilen. – Nur: Die Krone des Lebens, den Siegeskranz des Überwinders den werde ich so leicht niemandem auf den Kopf setzen, und mir selbst am allerwenigsten.


Wie gut, dass es nicht darauf ankommt: was ich von mir und anderen weiß. Wie gut, dass ich nicht zu urteilen und keine Siegespreise zu verteilen habe! – Der Herr Jesus Christus, der sagt zu seiner Gemeinde: Ich weiß es. Ich kenne dich. Ich beurteile dich. Und ich gebe dir die Krone des Lebens. Er sagt: Ich weiß, wie es um dich steht. Ich kenne deine Situation, deine Bedrängnis, deine Angst, deine Versuchung.


Ja, er weiß es wirklich. Es ist ihm nicht fremd. Denn es ist seine Angst, seine Bedrängnis, seine Versuchung, sein Leiden und Sterben. Er weiß, was das alles bedeutet. Er hat es am eigenen Leibe erfahren.


Vor allem aber eines hat er erfahren, und das bezeugt er und das sagt er uns: Im Tod ist Leben. Er war tot und ist lebendig geworden. – Darum fürchte auch du, Mensch, den Tod nicht!


Bei Menschen wie Bernhard Lichtenberg ist wohl dieser Zuspruch durchgedrungen bis ins Herz: Im Tod ist Leben. Darum: Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!


Ob es uns weiterhin leicht sein wird, unseren Glauben zu leben, oder ob es uns künftig wieder schwerer werden wird, was ich befürchte, der Herr Jesus Christus macht uns Mut und gibt uns Kraft, um getreu zu sein bis in den Tod. Ich habe sie nicht, diese Kraft, aber ich erbitte sie mir.


Es ist ja Gottes Kraft, die aus dem Tod Leben schafft.

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* http://brautdeslammes.blogspot.com.es/2010/11/die-krone-des-lebens-sel-bernhard.html