Sonntag, 11. November 2012

Predigt am 11. November 2012 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres)

“Kinder.” Noch drei Sekunden lang.
“Wir müssen euch etwas ganz, ganz, wir müssen euch”, seine Augen und Stimme brachen in Tränen, und wir starrten ihn erschrocken an. Papa weinte nie, er schluchzte nie.
Mama griff ohne aufzusehen Papas Hand, sie griff richtig fest, wir waren schon versteinert, und ich sah auf den Scheitel ihres geneigten Hauptes, auf die weiße Linie zwischen dem schwarzen Haar. Von da kam es leise “Wir müssen euch etwas sehr Trauriges sagen”, und Papa unterbrach sie wieder mit Schluchzen, fing sich, und ich atmete  nicht, weil es mir schien, als wüchse da ein Albtraum in den Raum, aus den Wänden herein, die sich auflösten und nur noch den runden Tisch mit uns daließen, der im Dunkeln schwebte. Der sich genauso schnell auch zurückziehen könnte, wieder Wände fest am Boden halten und das Zimmer Zimmer sein ließe. Aber dann sagte Papa, dass er bald sterben müsse. Dass der Arzt schlechte Nachricht gehabt hätte und er unheilbaren Krebs hätte und nichts mehr für ihn getan werden könne.


Vor wenigen Tagen, liebe Schwestern und Brüder, habe ich diese Sätze gelesen, in einem Buch, auf das ich beinahe durch Zufall aufmerksam geworden bin. Es ist eine moderne Hiobsgeschichte. Nicht erfunden, sondern erfahren.


Esther wird mit 15 Jahren aus der heilen Welt ihrer Kindheit gerissen, da am Tisch, wo etwas für sie Unvorstellbares ausgesprochen wird: Ihr Vater muss sterben. Und er stirbt dann auch wirklich, obwohl sie es bis zuletzt nicht glauben konnte. Im Angesicht des drohenden Todes hatte sie mit ihren Geschwistern das Beten gelernt. Und miteinander waren sie im Beten Gott begegnet. – Das sagt sich so dahin. Aber wie sie es beschreibt, war Gott für sie seither so real, dass eine Welt ohne Gott, eine Welt als absurdes Theater ohne Geschäftsleitung, gar nicht denkbar war. Gott war da. Ganz gewiss. Und sie und ihre Geschwister waren sich ganz sicher, dass Gott ihre Gebete erhört hatte und ihr Vater nicht sterben würde.


Gott ließ ihn sterben. Und das wurde für sie zur Krise ihres Lebens – mit allen Zeichen einer Depression bis hin zu Selbstmordgedanken, zuerst und vor allem aber zur bitteren Enttäuschung und zum Hass auf Gott.


Das Schlimme war ja, dass ich wusste, dass es ihn gab. Diese Gewissheit war ganz klar da, das gebot mir auch nach wie vor mein Intellekt. Also, was für ein Schwein ist das, das nicht mal meinen Glauben an seine Wunder will!!!
Ich habe ihm gesagt: “Ich glaube nicht mehr an dich. Du bist tot. Ich hasse dich.”
Und dann war wieder Stille.


Die Geschichte Hiobs, des biblischen Hiobs, ist für mich ziemlich weit weg. Sie ist zu gut ausgedacht. Weit weg mit ihren Übertreibungen: Haus, Hof und Besitz, Mitarbeiter und zehn Kinder auf einmal habe er verloren, kurz darauf die Gesundheit eingebüßt und mit unerträglichen schmerzhaften Geschwüren sei er geschlagen worden. Das ist dick aufgetragen. Und dann wird einem das alles schon im Vorhinein als teuflische Versuchung und göttlicher Glaubenstest erklärt. Das ist mir ein bisschen zu einfach.


Da ist mir das Mädchen Esther näher, die nur – nur – ihren Vater verliert. Oder auch unsere Nachbarin von damals, die ihren zwölfjährigen Sohn verloren hat, nachdem sie fünf Jahre lang um ihn gekämpft hatte und ihr über dem allen die Ehe zerbrochen war. Oder das Ehepaar um die 60, dem ich zusammen mit einem Polizisten gegenübersaß, um ihnen die Nachricht vom Unfalltod ihres Sohnes zu überbringen. Oder, oder … Ihr könnt eure Geschichten hinzufügen: Geschichten von unverschuldetem und unerträglichem Leid, das euch nahe gekommen ist, nahe gegangen ist.


Was machst du da mit Gott, der so was mit dir macht? Schreist du ihn an? Schweigst du ihn an? Erklärst du ihn für tot?


Nicht so sehr die Geschichte, aber die Worte Hiobs, die gehen mir nahe. Worte, in denen er mit Gott kämpft, zu Gott schreit, an Gott abprallt, verzweifelt und sich dann doch wieder an seinen Hals wirft.
Ein kurzer Ausschnitt der Worte Hiobs ist heute der Predigttext:


Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.


Hiob 14, 1-6

Das Erschütterndste an diesen Worten ist dieses Blicke doch weg von ihm, damit er – der Mensch – Ruhe hat!

Wenn das Leben an sich schon kurz und sinnlos ist, warum quälst du, Gott, den Menschen noch zusätzlich, gönnst ihm nicht mal das kleine Glück eines Tagelöhnerfeierabends? Ohne dich, wäre es besser. Schau weg! Lass uns in Ruhe!


Ist das Gotteslästerung? Gleich gar, wenn Esther ihren Hass auf Gott, dieses Schwein, herausschreit?


Oder ist es viel mehr das Erschrecken, der verstörende Blick in die Abgründe des heiligen Gottes?
Schrecklich ist’s in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. Das steht in der Bibel, im Neuen Testament (Hebräer 10, 31). – Wer wagt es noch, einen solchen Satz zu sagen?

Einfacher wäre es, Gott für tot zu erklären. A-theist zu werden – Gott-los. Denn dann wäre man diesen grausamen Gott los.

Aber einfach ist es nicht. Esther wird diesen Gott nicht los. Er holt sie ein, er zwingt sie, das arrogante Kokettieren mit der Nichtexistenz Gottes zu durchschauen als verzweifelte Verdrängung der Wahrheit über das eigene Leben. Dieses Leben, das ohne Gott noch viel sinnloser ist als mit einem schrecklich-heiligen Gott, der einem geliebte Menschen nimmt, inbrünstige Gebete verschmäht und, ohne sich zu erklären, sein grausames Spiel treibt. Immer noch besser, wir verstehen Gott nicht, als es gibt ihn nicht! Wie soll man Atheismus ernsthaft aushalten?


Hiob wird diesen Gott nicht los. Gott schickt ihm hilflose Freunde, die ihn zwingen, alle gängigen Theorien über Gottes Macht und Gerechtigkeit durchzudeklinieren. Mit dem Ergebnis, dass es keine Antwort gibt, die den verzweifelt Leidenden retten könnte. Alles Theorie, alles äußerlich. Und so bleibt Hiob nur die Zuflucht vor seinen falschen Freunden mit den falschen Antworten hin zu Gott.


Er betet. Er sagt Du. Und mit jedem Du klammert er sich an den, dem er doch zugleich sagt: Lass mich los! 


Du wirst Gott nicht los. Weil Gott dich nicht loswerden will.

Das Buch von Esther Maria Magnis heißt: Gott braucht dich nicht: Eine Bekehrung*.


Gott braucht dich nicht. Der Satz verlangt nach einem Aber. Naheliegend wäre: Gott braucht dich nicht, aber du brauchst Gott. Wahrscheinlich ist das nicht das richtige Aber. “Du brauchst Gott” – “Gerade du brauchst Jesus” – das klingt nach frommer Überredung, klingt nach den neunmalklugen Freunden Hiobs, die nicht selber drinstecken im Dreck, in der Not, die gar nicht mitbekommen, dass da einer nicht zu wenig, sondern zu viel hat von Gott.

Gott braucht dich nicht, aber Gott will dich. So muss es wohl heißen. Er lässt nicht ab von dir. Im Bösen wie im Guten. Und selbst in seinem Schweigen spricht er noch zu dir.

Oder – und das klingt nach allem, was ich gesagt habe, jetzt vielleicht sehr verrückt –, das richtige Aber heißt: Gott liebt dich.Gott braucht dich nicht, aber er liebt dich.


Esther kann es an keiner Stelle erklären, warum Gott ihr zumutet, was er ihr zumutet. Aber am entscheidenden Punkt weiß sie: Gott liebt mich.


Für mich die bedeutendste Stelle im Buch:

Gott ist schrecklich. Gott brüllt. Gott schweigt. Gott scheint abwesend. Und Gott liebt in einer Radikalität, vor der man sich fürchten kann.

Diese Liebe kann man nicht erklären, man muss sie erleben.


Hiob erlebt sie, indem Gott am Ende alles gut macht für ihn: ihm das, was er verloren hat, vielfach zurückgibt. Er darf noch glückliche Tage erleben. – Und doch habe ich am Ende des Hiobbuches dann wieder dieses Gefühl: das ist ziemlich weit weg, berührt mich nicht wirklich. Da ist dem Dichter der Hiobsgeschichte nichts Besseres mehr eingefallen, als das Glück des Tagelöhners, der nach aller Beschwer noch einen angenehmen Feierabend erleben darf. Es fehlt noch was. Aber der Hiob-Dichter kann nichts dafür. Er war zu früh. Denn es fehlt – Jesus Christus.


Esther erlebt die Liebe Gottes als Jesus-Christus-Liebe, als Liebe am Kreuz und im Tod. Als sie die nächste Hiobsbotschaft erreicht – nein, ich möchte das jetzt nicht vorwegnehmen; lest das Buch! –, da ist alles anders. Da ist irrsinnigerweise alles gut – trotz Leiden und Tod.


Ein Satz, der nicht im Buch Hiob steht, der auch nicht im Buch von Esther Maria Magnis steht, aber ein Satz aus dem Römerbrief, an dem ich mich festhalten möchte, wenn es mal ganz schlimm kommt, den möchte ich euch noch sagen:


Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn. (Römer 8, 38f)


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* Esther Maria Magnis: Gott braucht dich nicht: Eine Bekehrung, Rowohlt 2012, 16,95 € (E-Book 12,99 €) (Selbstverständlich kann man Bücher auch woanders kaufen als bei amazon, trotzdem verlinke ich es hier.)