Sonntag, 28. Oktober 2012

Predigt am 28. Oktober 2012 (21. Sonntag nach Trinitatis)

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte:
So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt Frauen und zeugt Söhne und Töchter; nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.
Denn so spricht der HERR: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werden mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.
Jeremia 29, 1.4-7.10-14


Liebe Schwestern und Brüder,

die Wahrheit hat oft zwei Seiten. Die Zeit ist kurz, habe ich vorige Woche gepredigt. Das war die eine Seite der Wahrheit. Heute kommt die andere: Die Zeit ist lang.


Das eine Grundproblem unseres Lebens ist, dass die Zeit zu kurz ist, zu schnell vergeht, dass wir auf ein Ende, oder, besser gesagt: auf ein Ziel hin leben. Wir wollen den Weg dahin gern ausdehnen, weil er ja meistens auch schön ist.


Aber da ist eben auch das andere Grundproblem: dass uns die Zeit zu lang wird. Wir haben’s eilig, wir sind ungeduldig, wir können’s nicht erwarten, unser Ziel zu erreichen.


Ich denke an junge Männer, mit denen ich das Zimmer in einer muffigen Armeebaracke geteilt habe, eineinhalb Jahre lang als Bausoldat damals in der DDR. Die waren oft schon 26 Jahre alt, hatten Frau und kleine Kinder und durften nur aller paar Wochen mal raus: von Freitag Abend bis Montag früh, einmal im halben Jahr auch mal eine ganze Woche. Und dazwischen gab es nur Briefe, Telefongespräche auch nur einmal in der Woche für ein paar Minuten, verbunden mit großem Aufwand. Diesen jungen Männern wurde die Zeit sehr lang. Manche haben die letzten 150 Tage immer einen Zentimeter von einem Bandmaß abgeschnitten. Dass ihnen die Zeit dadurch schneller verging, glaube ich nicht.


Ich denke überhaupt immer wieder an diese Jahre, die ich in der DDR gelebt habe. Eine Zeit, in der wir das Warten eigentlich schon aufgegeben hatten. Wir hatten uns an unser Gefängnis gewöhnt, meinten, es sei für lebenslänglich, und hofften darauf, vielleicht mal zum runden Geburtstag der Westtante für ein paar Tage Freigang zu bekommen. Anfangs hatte das ja kaum einer geglaubt, dass eine Grenze, die Deutschland undurchlässig teilte, lange Bestand haben könnte. Am Ende hat es kaum noch einer geglaubt, dass diese Grenze jemals verschwinden würde. Das, was nicht gut war, redete man sich irgendwie gut. Während gleichzeitig die Verzweiflung wuchs, weil nichts besser wurde, und doch auch die Hoffnung wuchs, weil es so nicht weitergehen konnte. Aus dieser Hoffnung wurde zuletzt drängende Ungeduld, und dann ging alles ganz schnell; wir kennen die Geschichte …


Ich denke nicht nur an die schlechte alte Zeit, ich denke auch an Menschen, denen heute die Zeit lang wird. Menschen, die auf einen anderen Menschen warten, der um ihn sei, weil es nicht gut ist, dass der Mensch allein sei. Menschen, die noch immer auf einen Arbeitsplatz warten, der zu ihnen passt. Menschen auch, die warten, dass das Glück bei ihnen vorbeischaut, ohne sich selber noch darum zu bemühen; die werden wohl immer warten und nie glücklich werden. Schließlich denke ich aber auch an Menschen, die warten, dass ihre lange Lebenszeit ein  Ende nimmt. “Mich hat der liebe Gott vergessen”, habe ich schon manche sagen hören, denen das Leben erfüllt war und nun nur noch Last war. Manchmal sind es auch die Angehörigen, die darauf warten, dass das Leiden eines lieben Menschen ein Ende haben möge. “Es war eine Erlösung”, sagen sie, wenn dann das Ende gekommen ist.


Die Zeit ist lang, zu lang: Wenn die erfüllte Zeit schon zurückliegt und nichts mehr zu erwarten ist. Oder wenn die erfüllte Zeit noch nicht da ist und immer noch nicht kommen will.



Die lange Zeit, nicht nur die kurze Zeit, ist ein Grundproblem des christlichen Glaubens. Jesus hat seinen Jüngern angekündigt, bald wiederzukommen. Und nun warten sie, und die Zeit wird immer länger. Paulus hatte noch – das war der Hintergrund des Predigttextes letzte Woche – gemeint, die Zeit sei so kurz, dass man sich am besten von allen irdischen Verpflichtungen wie Ehe, Familie, Haus und Geschäften frei machen sollte. Aber dann wurde die Zeit lang und immer länger. Wir Christen haben uns gut in der Welt eingerichtet, und warten nicht mehr ernsthaft darauf, dass morgen der Herr Jesus kommen und alles neu und anders machen könnte.


Nur bei einigen wenigen ist die Naherwartung lebendig geblieben. Sie sind ungeduldig schon seit bald 2000 Jahren, rechnen anhand der biblischen Prophezeiungen und apokalyptischen Visionen die Zeit nach und kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass das Ende nun ganz, ganz nahe ist. Seit bald 2000 Jahren schon ist das so: Das Kommen Jesu wird als ganz, ganz nahe erwartet. Und jedes Mal dauert es doch länger als erwartet. Die Zeit ist gar nicht so kurz, die Zeit ist lang.


Ein Problem ist das deshalb, weil es niemand so erwartet hatte. Weil es uns zur Anfechtung werden kann: Die endgültige Erlösung bleibt aus. Die Welt geht ihren Gang, immer weiter, und das Ziel rückt auch in immer weitere Ferne. Vor ein paar Jahrzehnten haben wir noch geglaubt, wir Menschen könnten selber das Ende herbeiführen – im schlechten Sinne: die Welt zerstören. Inzwischen sieht es eher so aus, als hätten wir uns da überschätzt: so leicht gelingt uns das nicht. Der Weltuntergang fällt offensichtlich aus, und die Zeit wird immer länger. Und dass Jesus in nächster Zeit sichtbar wiederkommt, glauben nur die wenigsten. Also: Die Zeit ist lang. Und wir müssen sie sinnvoll gestalten.



Unser Predigtwort führt uns heute wieder in jene alte Zeit, als das Volk Israel seinen Staat und sein Heiligtum verloren hatte und die wichtigsten, klügsten und einflussreichsten Teile des Volkes, einschließlich Priester und Propheten, ins ferne Babylon verbracht worden waren. Ich habe vor ein paar Wochen schon mal darüber erzählt, wie dort, im babylonischen Exil das eigentliche Judentum mit seiner Bibel und seinen Synagogen entstanden ist. Viele der Juden in Babylon lebten auch zuerst in so einer Art Naherwartung: Sicher würden sie schon sehr bald zurückkehren dürfen in ihr Heimatland, in ihr geliebtes Jerusalem, die Stadt und den Tempel wieder aufbauen. Religiöse Träumer mit überspannter Naherwartung gab es damals auch schon: Sehr bald würde alles wieder gut werden, verkündeten sie.


Jeremia, der Prophet war noch dort, wo sie herkamen und wieder hinwollten, er erlebte das ganze Elend und die Hoffnungslosigkeit eines zerstörten und seiner Eliten beraubten Landes. Und er schrieb ihnen einen Brief nach Babylon, den wir in großen Ausschnitten gehört haben. Seine Botschaft hieß – genau: Die Zeit ist lang. Stellt euch aufs Warten ein! Aber nicht aufs tatenlose Abwarten, bis Gott irgendwann mal eingreift, sondern aufs aktive Warten. Gestaltet die Zeit, die ihr jetzt habt! – Jeremia nennt eine Zahl: 70 Jahre. Eine schreckliche Zahl für die, die sie hören, denn sie bedeutet: Keiner von euch, die ihr jetzt in Babylon lebt, wird seine Heimat Jerusalem wiedersehen. Deshalb baut für eine lange Zeit vor. Sorgt dafür, dass ihr da, wo ihr seid, ein vernünftiges Leben führen könnt: mit Häusern und Gärten: Sorgt für euren Lebensunterhalt. Mit Kindern und  Enkeln: Sorgt dafür, dass neue Generationen heranwachsen, die einmal dorthin zurückkehren, woher ihr aufgebrochen seid. Mehret euch, dass ihr nicht weniger werdet. – Ein Satz, über den es sich auch heute nachzudenken lohnte. – Und schließlich dieses bekannte Wort: Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn ihr’s wohlgeht, so geht’s auch euch wohl. – Für Babylon beten – das ist ein Stück gelebte Feindesliebe. Aber es ist auch ein Stück gelebter Eigennutz. Es geht ums Überleben, ums Durchhalten unter widrigen Bedingungen, die man sich nicht selber ausgesucht hat. Es geht darum, die Zeit des Wartens so zu gestalten, dass es keine leere, keine verlorene, keine sinnlose Zeit ist.



Auch in meiner Erinnerung an unsere schlechte alte Zeit spielt dieser Satz eine Rolle. Wir haben damals darüber gestritten, wie das auszusehen hätte, der Stadt oder des Staates Bestes zu suchen, in dessen babylonischer Gefangenschaft wir uns befanden und der nun seinerseits gerade nicht unser Bestes suchte. Wie viel oder wie wenig sollte man mittun? Sollte man vielleicht auf kommunaler Ebene in der Ost-CDU mitarbeiten oder sich doch lieber in kritischen Umwelt- oder Friedensgruppen engagieren? Sollte man sich in seine private Nische zurückziehen? Oder sollte man lieber die erstbeste Gelegenheit zur Flucht ergreifen – mit der Nebenwirkung, dass man selber den Zurückgebliebenen fehlte?


Ja, und auch heute kann man sich fragen: Ist dieser Satz als Aufforderung für ein bewusst politisches Christentum oder im Gegenteil gerade für ein unpolitisches Christentum zu verstehen? – Oder ist sogar ein äußerlich nicht so politisches Christentum unterderhand gerade politisch?



Wir sind mit diesen Fragen mitten in unserer Welt angekommen, in der wir leben. Dabei sind wir ja eigentlich nicht von dieser Welt. Manchmal merkt man uns das auch an, dass wir nicht ganz von dieser Welt sind. Wir sind ja eigentlich im Reich Gottes zu Hause. Nur leben wir nun mal in der Welt und haben voraussichtlich auch noch eine lange Zeit in dieser Welt vor uns. Und darum sagt uns Gott: Lebt bewusst in dieser Welt. Mit Haus und Garten, Familie und Kindern. Übernehmt Verantwortung für die Menschen und Gemeinschaften, mit denen ihr lebt. Und betet für sie alle. Das ist euer Privileg, dass ihr für die anderen beten dürft, denn ihr habt ja die exklusive Verbindung ins Reich Gottes.


Und das ist nun genau so wichtig: Haltet diese Verbindung aufrecht, die Verbindung ins Reich Gottes! Betet, dass es kommen möge! Betet aber auch, dass Gottes Wille geschehe hier auf Erden, auch und gerade weil wir noch nicht im  Reich Gottes angekommen sind!


Mag sein, dass die Zeit noch lang ist. Mag sein, dass unsere Zeit nur noch kurz ist. Wir wissen es nicht. Aber wir wissen, dass Gott Gutes mit uns vorhat, dass er Gedanken des Friedens für uns hat. Mit seinen guten Gedanken muss uns die Zeit nicht lang werden.