Sonntag, 7. Oktober 2012

Predigt am 7. Oktober 2012 (Erntedanktag)

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.
1. Timotheus 4, 4-5



Liebe Schwestern und Brüder,

Alles ist gut.

Der ernte-dankbare Blick in die Welt entdeckt, was gut ist. Jeden Tag neu.

Mir ist Dankbarkeit leicht, so leicht in dieser Zeit, an diesem Ort. Ich trete morgens auf den Balkon. Das Morgenlicht ist so klar. Mein Blick geht ins Weite, übers Meer, lichthell und tiefblau. Die andere Insel da drüben. Jeden Morgen derselbe Wettlauf zwischen den zwei Fähren. Die eine bekommt eine Viertelstunde Vorsprung. Die andere ist trotzdem eher drüben. Das Leben ist schön, ich bin beschenkt. Wenn ich rausgehe, wärmt mich die Sonne auf der Haut und kühlt mich der Wind. Jeden Tag kann ich unter Palmen wandeln. Manchen Tag am Strand liegen. Leben wie im Paradies! Ich bin dankbar und glücklich.

Und da ist die Frau, die mich liebt und die ich liebe. Da sind die Kinder in Deutschland, denen es gut geht. Wir sind dankbar und glücklich.

Ich lebe, ich bin gesund. Wenn ich nicht in dieser wunderbaren Zeit mit ihren großartigen medizinischen Möglichkeiten leben würde, wäre ich schon vier- oder fünfmal gestorben. Aber ich lebe und ich bin dankbar und glücklich.

Mühe und Arbeit ist dem Menschen aufgetragen. Meine Arbeit ist mein Beruf, meine Berufung. Sie erfüllt mich, macht mich glücklich. Es ist Arbeit am Sinn des Lebens. Es ist Begegnung mit Menschen und Begegnung mit Gott. Ja, es ist gut mit Gott und den Menschen, und ich darf davon singen und sagen.

Alles ist gut.

Der ernte-dankbare Blick ist darauf gerichtet, was gut ist, was gelungen ist, was geschenkt ist. In jedem Leben ist Gutes. Davon bin ich überzeugt. Manchmal müssen wir etwas genauer hinschauen, etwas mehr danach suchen, manchmal liegt es auf der Hand.

Es ist wie mit dem Erntedanktag: Wir feiern ihn jedes Jahr. Weil Gott immer wachsen lässt, weil Gott immer Leben gibt. Mal mehr und mal weniger. Ja, es gibt unfruchtbare Jahre und Zeiten der Dürre, Missernten und Unwetter, die die Mühe und Arbeit von Monaten zunichte macht. Aber es kommen auch wieder fruchtbare Jahre mit reicher Ernte. Menschen die fröhlich und zuversichtlich in den Winter gehen, weil sie reichlich Vorräte in die Scheuern eingefahren haben. – Wir sind hier auf unserer Insel sicher weniger betroffen und berührt vom landwirtschaftlichen Jahreslauf als in Deutschland. Und doch ahnen wir ja auch hier in diesem trockenen Jahr etwas davon, wie gefährdet Wachstum und Gedeihen sein können. Von Dieter weiß ich, wie katastrophal und existentiell bedrohlich so ein Dürrejahr vor Jahrzehnten noch war. Heute sind wir – dank Globalisierung und weltweiter Warenströme – vor Hungerkatastrophen ziemlich sicher. Gott sei Dank! – Was ich sagen will: Dass nach schlechten Jahren wieder gute Jahre kommen, dass nach Missernten wieder reiche Ernten kommen – das ist auch ein Bild für unser Leben. Mal ist es mehr, mal ist es weniger, wofür wir danken können. Aber wir können, sollen, dürfen danken.

Alles ist gut.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.
Und Gott hat alles geschaffen.
Also ist alles gut.
Logisch.

Zumindest war alles gut, als er es geschaffen hatte: Und Gott sah an, alles was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut … Und Gott … ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Gottes Erntedankfest, wenn man so mag: „Es ist gelungen! Alles ist gut geworden! Mir sei Dank!“ Und so sagen wir, seine Geschöpfe: Gott sei Dank! Jede Woche. Für alle gute Gabe.

Aber dann kam der achte Tag, und nichts war mehr gut. Der Mensch wollte nicht mehr danken. Denn Danken ist ein Zeichen von Abhängigkeit. Ich will doch unabhängig sein, niemandem etwas verdanken, selber der Herr meines Lebens sein: Ich will selber sein wie Gott! – Das ist der Sündenfall. Der Riss, der durch die Schöpfung geht. Der Mensch nimmt in die Hand, was Gott geschaffen hat, und es gerät ihm unter der Hand zum Verderben. Sünde bedeutet Zielverfehlung: Unser Leben, das wir selber in die Hand nehmen, indem wir uns von Gottes Hand losreißen, verfehlt sein Ziel. Die Dinge, die wir in die Hand nehmen, ohne sie betend in Gottes Hand zurückzugeben, verderben und verfehlen ihr Ziel:

Aus Lebensmitteln werden Reichtümer.
Aus Lust wird Begierde.
Aus Mitmenschlichkeit wird Missgunst.
Aus Missgunst wird Mord und Totschlag.
Aus Werkzeugen werden Waffen.
Aus Welterkenntnis wird Gottesleugnung.
Aus Gottesfurcht wird Heidenangst.

Das durchsetzt unser Leben, zersetzt unser Leben. Nichts ist gut, meinte deshalb eine bekannte Bischöfin – damals noch Bischöfin – in einer umstrittenen Predigt. Im Blick auf unsere existentielle Situation jenseits von Eden hatte sie Recht: Nichts ist mehr wirklich und vollkommen gut. Alles, was der Mensch anfasst, ist infiziert, angekränkelt von Sünde und Tod.

So kann es nicht bleiben. Und so ist der Wunsch da, die Hoffnung, die Verheißung: Alles wird gut. Alles wird wieder gut. Wie es war im Anfang.

Manchmal ist das nur ein Trostwort für das weinende Kind: Alles wird gut. Und meistens sind die Tränen auch bald getrocknet.
Manchmal ist es auch ein Vertröstungswort: Alles wird gut. Wir glauben selber kaum noch daran.
Oder eine Beschwörungsformel: Wir sprechen die Dinge gut, reden sie schön: Alles wird gut.
Oder es ist nur noch ein zynischer Spruch, wo in Wirklichkeit alles schlechter wird.

Wenn Menschen sagen: Alles wird gut, dann ist auch dieses Wort angekränkelt und infiziert von Sünde und Tod. Es ist nicht wirklich vertrauenswürdig. Es reicht nicht über die Grenzen unserer Möglichkeiten hinaus. Es reicht vor allem nicht über die Grenze des Todes hinaus. Wie war das doch im Evangelium? – Alles wird gut, sagte sich der reiche Kornbauer. Aber Gott sagte: Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?

Wenn Gott sagt: Alles wird gut, dann ist dieses Wort wahr und gewiss.

Gott sagt: Siehe, ich mache alles neu. Er wird die Tränen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. – Alles wird gut!

Das steht am Ende der Bibel. Und ganz am Ende stehen die Worte von Jesus Christus: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende.

Ja, wie es war im Anfang … Am Anfang war alles gut – so auch am Ende: Am Ende wird alles gut sein.

Aber jetzt, hier, in der Mitte, mitten in unserem von der Sünde angekränkelten Leben?

Hier in der Mitte, da ist er auch – Jesus Christus. Gerade! Mitten unter uns Menschen, die wir wirklich alles verderben, und darunter leiden, dass wir es verderben. Mitten unter uns Menschen, die wir ihn selber, den wahren Menschen, den Menschensohn verderben – ihn töten, hier, mitten unter uns, da lebt er. Das ist das große, wunderbare Paradox des Kreuzes: Wo nichts gut ist, wo alles am allerschlimmsten ist, da wird alles gut, da ist alles gut: Karfreitag wird Ostern, Tod wird Auferstehung. Der Tod stirbt, die Sünde verfehlt ihr Ziel. Der Sündenfall läuft rückwärts ab: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Es ist vollbracht. Alles ist gut.

Alles ist gut.

Geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. Geheiligt durch das eine Wort Gottes – Jesus Christus. Wo wir ihn hören, wo wir das Wort Gottes hören, und wo wir ganz zu ihm hin sind, zu ihm beten, da ist alles gut. Da ist unser Leben wieder in Gottes Hand gelegt. Und die Dinge dieser Welt, die uns ängsten und sorgen, beschweren und belasten, sie sind wieder in Gottes Hand gelegt. Und wir werden wieder dankbar. Sehen die Welt mit dankbaren Augen. Sehen sie, wie sie von Gott gemeint war: als Paradies. Da ist alles gut. Weil es gut geschaffen ist und weil es gut vollendet wird.

Alles ist gut, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.