Sonntag, 21. Oktober 2012

Predigt am 21. Oktober 2012 (20. Sonntag nach Trinitatis)

Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

1. Korinther 7, 29-31

Liebe Schwestern und Brüder,


die Zeit ist kurz. – Ich höre es immer wieder: Die Zeit rast, sie vergeht immer schneller, je älter wir werden. Und ich erlebe es auch selber: Schon ein Jahr und acht Monate hier; dabei haben wir doch gerade erst angefangen. Die 5 als erste Ziffer meines Lebensalters rückt immer näher, wo ich doch gerade erst die 4 gefeiert habe. Noch gar nicht so lange her, da waren meine Eltern so alt. Und da war ich doch auch schon ein erwachsener Mann ...


Es ist die unaufhaltsame Beschleunigung, weil das, was wir kennen und erlebt haben, immer mehr wird, das, was wir noch zu erleben haben, immer weniger. Und so stürzen wir, scheint es, durch die Zeit, obwohl wir uns in Wahrheit immer langsamer bewegen. Was haben wir doch für eine Entwicklung durchgemacht in den ersten zehn Lebensjahren: vom schreienden Baby zum munteren Zehnjährigen. Und dann immer noch zum jungen Erwachsenen von 20 Jahren – was für eine Entwicklung! Damals waren wir schnell, aber die Zeit langsam. Jetzt werden wir immer langsamer, aber die Zeit vergeht um so schneller.


Die Zeit ist kurz. Wie kurz, wissen wir nicht. Aber da ist auf einmal dieses und jenes, was früher immer nur andere hatten: Was mit dem Herzen, was mit den Augen, was mit den Beinen, was mit dem Kopf … – Es sind Symptome; ich meine nicht Krankheitssymptome, sondern ich meine: Unsere Krankheiten sind Symptome. Unsere Krankheiten sind Symptome, die anzeigen, dass unser Körper nicht für die Ewigkeit gemacht ist – nur für eine bestimmte Zeit, und diese Zeit ist kurz.


Im Grunde genommen ist das unser Dauerthema, das Dauerthema von Religion und Philosophie: Wie gehen wir um mit uns, mit unserem Leben, mit unserer Welt angesichts der kurzen Zeit, die wir nur haben?


Zur Zeit geht der Trend wohl in Richtung Ignorieren: Wir tun so, als stimmte es nicht, dass die Zeit kurz ist. Wir leben, als hätten wir unendlich Zeit. Das Ideal einer alternden Gesellschaft ist paradoxerweise die ewige Jugend. Die Band Kettcar singt passenderweise: Opa skatet wieder, Oma hat jetzt noch ein Tattoo. – Und ich, der ich Bands wie Kettcar kenne und höre, stelle fest: Es ist dieselbe Musik, die meine Kinder hören, denn an Mozartsonaten im Autoradio kann ich mich immer noch nicht gewöhnen. Offenbar habe auch ich Probleme mit dem Älterwerden … Also: Ignorieren! Ignorieren, so lange es geht.


Selbst manche Formen von Religion bieten dieses Rezept an: Ignorieren. Seelenwanderung, Wiedergeburt, die nächste Chance. Ich glaube, östliche Religionen sind auch deshalb so populär geworden bei uns, weil sie diesen scheinbaren Ausweg bieten: Immer wieder von vorn anfangen. Da ist die Zeit dann nicht mehr kurz, sondern sie wird lang und länger: Ich komme wieder und wieder und wieder. – Nur dass man im Westen gerne übersieht, dass die Hindus und Buddhisten im Osten das gar nicht so gut finden. Da wollen die Menschen lieber raus aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten und ins Nirwana verschwinden. Denen ist die Zeit nicht zu kurz, sondern zu lang.


Ehrlicherweise müssen wir sagen: Mit dem christlichen Glauben ist das auch nicht immer besser gewesen. Da meinte man, im Himmel ginge es immer und unendlich weiter – so ähnlich wie auf der Erde. Mit weniger Arbeit und mehr Freizeit, mit mehr Musik und weniger Schwerkraft, aber im Grunde doch ein verlängertes Erdenleben. Wenn man anfängt sich das auszumalen, entdeckt man fast zwangsläufig: Das muss doch langweilig sein! Zeit ohne Ende, und keine Ziele mehr zu erreichen; denn man ist ja schon am Ziel, und ein Ziel wäre ja auch wieder ein Ende, aber das soll es ja nicht mehr geben. – Langweilig!


Nein, so stimmt das nicht. Im Himmel wird die Zeit nicht lang, denn im Himmel gibt es keine Zeit mehr. Im Himmel ist Ewigkeit. Und Ewigkeit, das ist etwas anderes als unendlich lange Zeit. Etwas, das wir uns nicht vorstellen können. Etwas, das wir nur in manchen Augenblicken erahnen, in Augenblicken, in denen wir die Zeit vollständig vergessen, wo wir einfach nur da sind, eins mit uns, eins mit der Welt, eins mit Gott. Ergriffen vielleicht von einer großen Musik, einer gewaltigen Natur, einer tiefen Liebe, oder von der Gegenwart Gottes. Aber so ein Augenblick vergeht wieder, dann fallen wir in die Zeit zurück, wir können die Ewigkeit nicht festhalten. Das Leben geht weiter in der Zeit, und die Zeit ist kurz und wird immer kürzer.


Irgendwann ist keine Zeit mehr. Dann ist Schluss. Bzw. dann ist Ewigkeit. Und wie die Ewigkeit für uns aussehen wird, das hängt davon ab, wie wir zu Gott, dem Herrn der Ewigkeit, stehen. Sind wir bei ihm, ist unser zeitliches Leben mit ihm verbunden, dann sind wir auch in Ewigkeit bei ihm. Sind wir fern von ihm, haben wir uns mit unserem zeitlichen Leben von seinem ewigen Leben getrennt, dann sind wir in Ewigkeit fern von ihm. Das ist der Sinn der Bilder von Himmel und Hölle: In Ewigkeit bei Gott sein, oder in Ewigkeit von Gott getrennt sein. Die Entscheidung darüber fällt in der Zeit, nicht erst in der Ewigkeit.


Die Zeit ist kurz. – Wie gehen wir um mit uns, mit unserem Leben, mit unserer Welt angesichts der kurzen Zeit, die wir nur haben?


So, dass diese Zeit Sinn macht für die Ewigkeit. So, dass wir uns auf den ewigen Gott ausrichten. Alle Lebensziele, die wir sonst erreicht haben, werden wir am Tor zur Ewigkeit hinter uns lassen. Alle Positionen und Titel, die wir in dieser Welt hatten, werden wir ablegen müssen. Vor Gott sind wir alle nur Bettler, das ist wahr. Unseren Besitz und unseren Zugewinn werden wir zurücklassen müssen. Ja, und auch unsere Lieben bleiben zurück. Am Tor zur Ewigkeit, im Angesicht Gottes steht jeder für sich. Jesus wurde gefragt, wie das denn wäre, wenn eine Frau mit mehreren Männern verheiratet gewesen war und einer nach dem anderen stirbt: Wessen Frau würde sie in der Ewigkeit sein? – Jesus sagt: Im Himmel wird nicht mehr geheiratet. Die Ehe ist für die Lebenszeit auf Erden gemacht – ja, für die Lebenszeit, nicht nur für einen Lebensabschnitt! Aber sie ist nicht gemacht für die Ewigkeit. Nichts ist für die Ewigkeit, denn das Wesen dieser Welt vergeht.


Aber wir Menschen, du und ich, wir alle, wir sind für die Ewigkeit gemacht. Und deshalb sollen wir in unserer kurzen Lebenszeit so leben, dass wir für die Ewigkeit bereit werden. Wir sollen mit Gott leben, der uns dazu bestimmt hat, in Ewigkeit bei ihm zu sein. Wir sollen, wie Luther es im Katechismus sagt, Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.


Nichts anderes sagt der Apostel Paulus, wenn er schreibt, dass wir alles, was wir in dieser unserer Lebenszeit haben – Ehegatten, Freude, Schmerz, Gewinn und Eigentum –, dass wir alles so haben sollen, als hätten wir es nicht. Alles kann wunderbar und gut sein. Und dann sollen wir es dankbar genießen, solange wir es haben. Aber alles kann uns genommen werden. Ja, alles wird uns genommen werden. Aber an dem ewigen Gott sollen wir festhalten. Ihn kann uns keiner nehmen. Er gibt allem seinen ewigen Sinn.


Nutzen wir also die kurze Zeit, um unser Leben bei dem ewigen Gott festzumachen!