Sonntag, 29. Juli 2012

Predigt am 29. Juli 2012 (8. Sonntag nach Trinitatis)


Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. [...] Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.
1. Korinther 6, 9-14. 18-20

Liebe Schwestern und Brüder,

seid vorgestern, genau genommen erst seit gestern, feiert die Welt wieder das große Fest der Leiblichkeit. Natürlich sind die Olympischen Spiele vieles mehr. Vor allem, wenn man etwas von der großen Idee spürt, die dahintersteht: die Welt im friedlichen Wettkampf vereint. Trotzdem, sie sind vor allem ein Fest der Leiblichkeit, denn im Mittelpunkt steht der Sport, stehen die Höchstleistungen menschlicher Körper. Wir staunen, was sie vollbringen. Und wir bewundern auch die Kraft und Schönheit eines athletischen Körpers. Viele Sportler präsentieren genau das, ihren fantastischen Körper, unterstrichen und verschönert vielleicht auch durch eindrucksvolle Tattoos …

Die Olympischen Spiele fügen sich ein in eine Zeit, in der der menschliche Körper wiederentdeckt worden ist. Ein Kennzeichen der Moderne, und damit meine ich das 19. und vor allem das 20. Jahrhundert, ist die Wiederentdeckung der Leiblichkeit. Der Mensch hat nicht nur einen Körper, der sich irgendwie dem Geist unterzuordnen hat, sondern der Mensch ist Körper. Wie wichtig das ist, das kann man daran ablesen, welche Bedeutung die Themen des Körpers, der Leiblichkeit gewonnen haben.

Der Sport ist wiederentdeckt worden. Der menschliche Körper ist eben nicht nur ein Arbeitstier, sondern etwas, das Freude bringt, wenn man es in Bewegung setzt.

Das Thema Gesundheit ist immens wichtig geworden. Denken wir an die Entwicklung der Medizin in den letzten 200 Jahren. War man davor den meisten Krankheiten ziemlich hilflos ausgeliefert, so können wir heute unheimlich viel für die Gesundheit tun. So viel, dass wir Krankheit schon fast als etwas wahrnehmen, das eigentlich gar nicht sein soll, woran wir oftmals selber schuld sind und das mit der richtigen Behandlung und mit der richtigen Einstellung überwunden werden kann. – „Ich habe den Krebs besiegt“ - ein Satz, auf den vor 200 Jahren kein Mensch gekommen wäre.

Der ganze Bereich der Sexualität, der körperlichen Liebe, ist aus seiner dunklen Tabuzone – das ist peinlich, darüber spricht man nicht – herausgetreten. Sexualität wird offen – mancher empfindet es allerdings auch schamlos – thematisiert und praktiziert.

Und denken wir einfach auch an die Freizügigkeit, mit der heute der menschliche Körper, auch und gerade der weibliche Körper der Öffentlichkeit präsentiert, manchmal muss man auch sagen: zugemutet wird (Da müssen wir ja nur vor die Tür gehen.).


Wir müssen zugeben: Als Christen und als Kirchen standen wir bei all diesen Entwicklungen hin zu mehr Leiblichkeit und Körperbewusstsein nie an der Spitze der Bewegung. Uns umgibt immer ein Hauch von Leibfeindlichkeit, von Prüderie und Schamhaftigkeit. Dazu kommt, dass in den Kirchen weltweit immer noch die heftigsten Schlachten um die Sexualmoral geschlagen werden.

Irgendwie ist es nicht ganz aus der Luft gegriffen, dass der Kirche Lust- und Leibfeindlichkeit nachgesagt wird. Man kann das sicherlich geschichtlich aufdröseln. Ein wichtiger Punkt dabei wird sein, dass der christliche Glaube sich sehr früh mit der Philosophie des alten Platon und seiner Nachfolger angefreundet hat, die das Gute, Wahre und Schöne in einem Reich der Ideen erblickte, zu dem man sich hinwendete, indem man sich von den vergänglichen körperlichen Dingen abwendete. Abtötung des Leibes wurde zum Ideal des platonisch beeinflussten Mönchtums. Das hat die Christenheit geprägt.

Dabei steht am Anfang der christlichen Botschaft etwas ganz anderes: die Bejahung des Leibes, des Körpers, des ganzen Menschen.

Jesus hat Menschen körperlich geheilt. Er hat sie berührt und gesund gemacht. Hat ihnen nicht gesagt: Dein Leib ist unwichtig, Hauptsache deine Seele wird gerettet. Er hat ihnen ausdrücklich das Heil für Seele und Leib gebracht.

Und Jesus selbst – er war ja Mensch, ganz und gar: mit einem Leib, einem Körper, der Hunger und Durst hatte, der Schmerz und Lust kannte, der wusste, was Mühe und Entspannung bedeutete. Das Wort ward Fleisch, heißt es. Gott wurde Mensch, sagt das Glaubensbekenntnis. Warum? – Weil es Gott eben nicht nur um unsere Seele geht, sondern auch um den Leib, um den ganzen Menschen. Christus hat leiblich gelitten am Kreuz – das war in der frühen Christenheit ein ganz wichtiges Thema: Indem er ganz wie wir war, auch in seinem leiblichen Leben und Sterben, konnte er uns auch ganz erlösen, mit Seele und Leib.

Ja, und Erlösung mit Seele und Leib, das heißt dann eben auch leibliche Auferstehung. Auferstehung des Fleisches, habe ich als Kind noch gelernt, bevor dann die neue ökumenische Fassung des Glaubensbekenntnisses eingeführt wurde. Auferstehung, wie Christen sie glauben, ist eben nicht nur ein Weiterleben der unsterblichen Seele nach dem Tod, sondern eine neue leibliche Existenz. Weil eine Seele ohne Leib unvollständig ist. Weil Gott uns leiblich geschaffen hat und wir in Ewigkeit zur Leiblichkeit bestimmt sind.

„Leiblichkeit ist das Ende der Werke Gottes“ , so der Württemberger Theologe Friedrich Christoph Oetinger bereits im 18. Jahrhundert.

Richtig verstanden ist also unser Leib, unser menschlicher Körper immens wichtig. Gott hat uns zu einem leiblichen, körperlichen Leben geschaffen. Wir erfahren und gestalten unsere Welt durch unseren Leib. Wir geben und empfangen mit unserem Leib. Wir kommunizieren mit unserem Leib. Wir sind unser Leib. Und ohne Leib sind wir nicht. Gott liebt nicht nur unsere Seele, sondern auch unseren Leib. Und deshalb sollen wir selber unseren Leib, unseren Körper auch wichtig nehmen, ihn nicht verachten oder vernachlässigen, sondern ihn pflegen, ihm Gutes tun und Gutes mit ihm tun.


So ist auch unser Predigttext gemeint. Vielleicht hat er beim ersten Hören etwas von dieser alten prüden Leibfeindlichkeit anklingen lassen, wenn da von sexuellen Lastern und Hurerei die Rede ist. Aber die Pointe ist ja eine ganz andere: Unser Leib ist kostbar, ist wertvoll, ist wunderbar. Euer Leib ist ein Tempel des Heiligen Geistes. – Was für eine Ehre, was für eine Auszeichnung! Gottes Geist wohnt in unserem Leib. Gott selber wird leiblich in unserem Leib. – Wie anders sollen Menschen Gott begegnen, als durch uns, durch unsere leibliche Existenz!

Und deshalb geht es hier überhaupt nicht darum, den Leib mit seinen Bedürfnissen zu verachten, sondern es geht darum, ihn zu ehren – als Gottes Werk und Gottes Wohnung.

Geht achtsam um mit eurem Leib!, sagt der Apostel. Überlegt, was ihr tut mit eurem Leib!

Dabei geht es gar nicht um Verbote und Tabus, sondern darum, was mir nützt und was mir schadet. Alles ist mir erlaubt, schreibt Paulus, aber nicht alles dient mir zum Guten.

Christliches Leben, Leben mit Christus ist Freiheit, nicht Zwang. Leben mit Christus heißt, nicht immer erst fragen zu müssen, was ich darf, und darauf zu achten, was vielleicht verboten ist. Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, was für mich und für die anderen gut ist, und was nicht, und darüber soll ich in Freiheit entscheiden. In Freiheit entscheiden, heißt Verantwortung übernehmen. Ich bin verantwortlich für das Leben, das ich führe. Ich bin verantwortlich dafür, was ich mit meinem Körper anstelle.

Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangennehmen. – Pass auf, heißt das, dass du deiner Freiheit nicht neue Fesseln anlegst! Pass auf, dass du nicht zum Sklaven deines Leibes wirst! Es geht um die Freiheit.

Wir kennen doch die Beispiele von Unfreiheit, gerade im Blick auf unseren Körper. Da werden aus Trieben Süchte. Da wird aus Essen, das uns guttut, Völlerei, die uns fett und krank macht. Da wird aus dem Genuss von belebenden Getränken der zwanghafte Griff zur Flasche, der uns hässlich und am Ende auch krank macht. Da wird aus dem Bedürfnis nach Bewegung und Sport ein suchtartiges Nicht-Aufhören-Können. Da wird aus dem Wunsch nach einem schönen Körper krankhafte Magersucht oder der Zwang, immer neue chrirurgische Verschlimmbesserungen am eigenen Körper vornehmen zu lassen, bis überhaupt nichts mehr echt daran ist. Und da wird aus dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe und sexueller Befriedigung bindungsloses Umherschweifen, die Gefährdung und Zerstörung von Beziehungen oder gar Missbrauch und Gewalt. Um diese Gefahren der Unfreiheit, des Zwanges, der Sucht und der Zerstörung geht es Paulus, wenn er vor Hurerei und anderen Lastern warnt.


Gott hat uns einen großartigen, wunderbaren Körper geschenkt. Wir können herrliche Dinge mit ihm erleben und tun. Wir können ihn schmücken und ehren und ihm wohltun. Wir können ihn in den Dienst unserer Mitmenschen und der menschlichen Gemeinschaft stellen. Wir können ihn als Tempel von Gottes Geist bewohnen lassen, so dass wir Gott damit Ehre machen.

Es ist gut, dass der menschliche Körper in den letzten Jahrhunderten wieder zu Ehren gekommen ist. Dass wir ihn wahrnehmen können. Dass wir seine Schönheit und Leistungsfähigkeit bewundern können, so wie jetzt wieder bei den Olympischen Spielen.

Wir können heute vielleicht sogar wieder etwas besser verstehen, was leibliche Auferstehung bedeutet. Wir sollen einmal den Himmel genießen.

Es ist gut, dass uns unser menschlicher Körper, unser Leib wichtig ist. Weil er Gott wichtig ist. Und darum auch wollen wir mit unserem Leib wie mit unserer Seele, mit unserem ganzen Leben Gott die Ehre geben.