Sonntag, 22. Juli 2012

Predigt am 22. Juli 2012 (7. Sonntag nach Trinitatis)


Es gibt doch bei euch Ermutigung im Namen von Christus, es gibt doch liebevollen Zuspruch, es gibt doch geistliche Gemeinschaft, und es gibt doch Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Macht mir doch die größte Freude, indem ihr einmütig gesinnt seid, allen die gleiche Liebe erweist und miteinander dasselbe Ziel verfolgt. Nicht Eigennutz und Selbstgefälligkeit sollen euch bestimmen, sondern die Haltung der Demut, die den anderen wichtiger nimmt als sich selbst. Achtet also nicht auf euren eigenen Vorteil, sondern auch darauf, was dem anderen nützt. Seid so gesinnt, wie es auch Jesus Christus entspricht.
Philipper 2, 1-5 (eig. Übersetzung)


Liebe Schwestern und Brüder,

stell dir vor, du willst dir ein neues Auto kaufen, oder einen neuen Computer, oder neue Schuhe. Wirst du in das erstbeste Autohaus, den nächsten Computerladen oder irgendein Schuhgeschäft gehen und einfach etwas kaufen? Oder wirst du dir nicht vorher einigermaßen klar werden, was du genau willst und brauchst, und dann schauen, wo du es am günstigsten bekommst, vielleicht mit Rabatt oder noch ein paar Extras zusätzlich. Ok, beim Schuhekaufen kann das auch anders sein. Aber normalerweise bist du beim Einkaufen oder überhaupt im geschäftlichen Leben auf deinen eigenen Vorteil bedacht. Du willst das Beste rausholen zum günstigsten Preis. – Und ich finde das in Ordnung so.

Umgekehrt wird auch der Verkäufer versuchen sein Produkt so günstig wie möglich abzusetzen, zum eigenen Vorteil. Er wird dir keinen Rabatt gewähren, wenn er sein Produkt auch so los wird – weil es gute Qualität hat oder anderswo schwer zu kriegen ist.

Es gibt dieses klassische Zitat von Adam Smith: „Es ist nicht die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten.“ – So funktioniert die Wirtschaft, die Marktwirtschaft: Jeder sucht seinen eigenen Vorteil, und allen ist damit gedient. „Der Wohlstand der Nationen“ beruht nach Smith' Überzeugung – und das ist auch meine Überzeugung –, auf einer funktionierenden kapitalistischen Marktwirtschaft, in der jeder seinen eigenen Vorteil sucht.

Ich teile überhaupt nicht die Ansicht, dass die gegenwärtige Krise auf ein Versagen des Marktes zurückzuführen ist, sie beruht eher darauf, dass man Regeln des Marktes außer Kraft gesetzt hat und immer wieder außer Kraft setzt – wenn nämlich z.B. der Staat zahlungsunfähige Marktteilnehmer „rettet“ und das unternehmerische Risiko sozialisiert. Wenn der Handlungs- und Handelsmaßstab die Wohltätigkeit wird, statt die wirtschaftliche Vernunft und der eigene Vorteil.

Ich habe vor ein paar Tagen ein schönes Zitat gelesen – sinngemäß: Früher hieß Sparen, Geld, das man hat, nicht auszugeben. Heute heißt Sparen, von dem Geld, das man nicht hat, etwas weniger auszugeben. – Es mag zwar wohltätig sein, Geld, das man nicht hat, auszugeben, aber am Ende fehlt es einem selber und man ist selber auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen. Wer bezahlt am Ende das, was fehlt? – Das ist die große Frage, um die es bei der derzeitigen Krise geht. Über kurz oder lang werden wir wohl beim Leben über unsere Verhältnisse alle ärmer werden.


Aber gut, ich möchte eigentlich keinen ökonomischen Vortrag halten, sondern eine christliche Predigt. – Und, ja, unser Predigttext ist nun gerade das Gegenteil von dem, was ich gesagt habe: keine Anleitung zur volkswirtschaftlichen Vernunft, keine Mahnung, doch bitte den eigenen Vorteil zu suchen, sondern die eindringliche Bitte, den eigenen Vorteil zurückzustellen, das Wohl des anderen zu sehen und höher zu achten als das eigene. Usw. usf., das alles, was wir unter christlicher Nächstenliebe verbuchen können. Da geht es nicht um ökonomische Vernunft im Großen, sondern um ein vernünftiges Zusammenleben im Kleinen.

Die Regeln, die ich bewusst oder unbewusst befolge, wenn ich mir ein Auto oder Schuhe kaufe, sind andere Regeln als die, die zum Beispiel in einer Ehe oder Familie gelten.

Da mag es zwar auch so was wie geschäftliche Beziehungen geben: etwa gute Noten in der Schule gegen gutes Taschengeld. Aber das ist nicht das Wesentliche, und man darf auch fragen, ob das überhaupt so gut ist. In der Familie geht es nicht um Leistung und Gegenleistung, um die Maximierung des eigenen Vorteils, sondern in der Familie werden alle, vor allem die Eltern und Ehepartner das Wohl der anderen, der Kinder, des Partners, im Blick haben und nicht nur das eigene.

Jedenfalls kann ich mir das schlecht vorstellen, dass ein eheliches, partnerschaftliches, familiäres Miteinander funktioniert, wenn jeder nur den eigenen Vorteil sucht.

Manche meinen zwar, die Ehe wäre auch nur eine Art Geschäftsmodell: geregelter Sex gegen geregelte Versorgung, und dass die Ehe heute häufig nicht mehr so gut funktioniert, das läge daran, dass die Frau für die Versorgung nicht mehr auf die Ehe angewiesen ist, während umgekehrt für den Mann Sex auch außerhalb der Ehe leichter verfügbar geworden ist.

Ich muss gestehen, in mir sträubt sich alles gegen ein solches Verständnis von Ehe und Partnerschaft. Und merkwürdig: So viele Paare ich getraut habe, so viele Traugespräche ich geführt habe, so oft ich auch Eheleute zu Silbernen oder Goldenen Hochzeiten eingesegnet habe, so hat keiner von ihnen je seine Ehe beschrieben. Was da zwei Menschen zusammengeführt und beieinander gehalten hat, das war regelmäßig etwas anderes – nämlich Liebe, kein Geschäft.

Häufig schon habe ich den zweiten Teil unseres Predigttextes im Traugottesdienst gelesen, in der traditionelleren Lutherübersetzung. Und immer habe ich Zustimmung gefunden, dass das eine zutreffende Beschreibung, ein gutes Ideal für das gemeinsame Leben sei: Einmütigkeit, Liebe, Demut. Und meistens ist das auch ein Thema in den Traugesprächen gewesen, wie Einmütigkeit aussieht und sich herstellt, was eigentlich Liebe ist – über die Verliebtheit und das erotische Begehren hinaus, und was Demut bedeutet: nämlich nicht den eigenen Vorteil suchen, jedenfalls nicht nur, sondern immer auch den Vorteil, das Wohlergehen des anderen im Blick haben.

Jemand hat mal zugespitzt gesagt: „Wer glücklich werden will, soll nicht heiraten, sondern wer glücklich machen will.“ – Liebe heißt, das Glück des anderen suchen. – Ja, das ist zugespitzt. Natürlich heiraten Menschen, weil sie miteinander glücklich werden wollen. Meistens sind sie schon miteinander glücklich, wenn sie den Hafen der Ehe ansteuern. Sie wollen nun dieses Glück auf Dauer stellen. – Aber dazu ist dann eben doch der zweite Teil entscheidend wichtig. Menschen können nur miteinander glücklich werden, wenn sie einander glücklich machen. Woher soll das Glück denn sonst kommen? Man muss etwas dafür tun, und das versuche ich den jungen Eheleuten regelmäßig mit auf den Weg zu geben.

Und wenn ich mit anderen auf 25, 50 oder 60 Ehejahre zurückblicke, dann stellen wir meistens fest, dass sie genau das gemacht haben: etwas dafür getan, um einander immer wieder glücklich zu machen und so miteinander glücklich zu bleiben.

Es ist komisch, wenn von Glück und von Liebe die Rede ist, dann lande ich immer wieder bei dem Modell der Ehe …


Unser Predigttext ist nicht speziell für Eheleute geschrieben, auch wenn er für Eheleute sehr geeignet ist. Er ist für eine christliche Gemeinde geschrieben.

Eine christliche Gemeinde ist im Grunde genommen auch eine Liebesgemeinschaft. Dass ich zur christlichen Kirche gehöre, ist keine Geschäftsbeziehung.

Wenn das so wäre, würden die meisten ein ziemlich schlechtes Geschäft machen. Wie viel Tausende oder Zehntausende an Kirchensteuern, Kollekten und Spenden geben wir im Leben für die Kirche aus, und dafür bekommen wir dann Taufe, Trauung und Bestattung umsonst, vielleicht mal ein Gespräch mit dem Pfarrer oder einen Blumenstrauß zum Achzigsten. Lohnt sich das?

Nun ja, man könnte es auch anders sehen: Im christlichen Glauben geht es schließlich um etwas mehr. Also: Bezahle ich und mache ich mit, damit ich einen guten Platz im Himmel bekomme? – Wenn ich das glaube, dann wäre die Kirchenmitgliedschaft vielleicht gar kein so ein schlechtes Geschäft!

Aber das alles ist es ja nicht! Vielleicht erinnert sich der eine oder andere daran, dass das Wort gratis aus der christlichen Lehre kommt, genau genommen sogar aus der Bibel. Wir kommen gratis in den Himmel. Gott nimmt uns an, ohne dass wir dafür etwas tun oder bezahlen müssen, ohne dass erst das Geld im Kasten klingen muss. – Es könnte sogar sein, es kommt jemand in den Himmel, der in seinem Leben keine Kirchensteuer bezahlt hat. Denn: Glaube ist kein Geschäft. Die christliche Kirche ist keine Versicherungsanstalt für geistliche Betreuungssleistungen oder fürs ewige Leben. Sondern sie ist eine Gemeinschaft, die auf Liebe beruht – so ähnlich wie eine Ehe oder Familie.

Ich glaube, daran werden wir als christliche Kirche im Großen und als christliche Gemeinde im Kleinen immer noch zu lernen haben. Denn wer von uns sucht ihn denn nicht, den eigenen Vorteil, auch bei uns in der Kirche?

Der eigene Vorteil, das kann auch heißen: Anerkennung suchen und finden, sehen und gesehen werden, etwas gegen die eigene Langeweile tun oder im besten Falle etwas Erbauliches für die eigene Seele hören und erleben.

Ich glaube, wir kommen da gar nicht heraus, aus dem Blick auf den eigenen Vorteil, auf das eigene Wohl. Und ich glaube, das ist auch nicht wirklich schlimm. Achtet auch darauf, was dem andern nützt, hat Paulus geschrieben. Nein, reine Selbstlosigkeit gibt es nicht und braucht es auch nicht zu geben. Aber was es geben soll, wenn die christliche Gemeinde dem nahe kommen soll, wie Gott sie gedacht hat, das ist der Blick auch auf den andern. Am besten auch mit den Augen des andern. Wie geht es ihm (oder ihr)? Was könnte dem andern guttun und nützen – unabhängig davon, wie ich selber dabei wegkomme? …

Das Schöne ist: Wir sollten diesen Blick auf den andern und mit den Augen des andern ja schon kenne, schon gelernt und geübt haben: in unseren Ehen, Familien und engen menschlichen Gemeinschaften.

Wenn nicht, dann lernen und üben wir ihn in der christlichen Gemeinde.

Denn wir lernen ihn von Jesus Christus. Wenn einer um der Liebe willen den Vorteil der anderen und nicht den eigenen gesucht hat, dann nämlich war er es, Jesus. Von ihm und mit ihm können wir christliche Liebe lernen. Denn er war, er ist auf unseren Vorteil, auf unser Wohl, auf unser Heil bedacht. Und darum, weil wir ja von ihm schon alles haben, darum können wir auch auf das Wohl und das Heil unseres Bruders, unserer Schwester bedacht sein.


Ja, in der großen weiten Welt, in der Gesellschaft im Geschäftsleben, da muss ich selber auf meinen Vorteil bedacht sein. In der kleinen Gemeinschaft von Mensch zu Mensch, und gerade bei uns in der christlichen Gemeinde, da lasst uns darauf achten, was unserem Mitmenschen nützt!