Sonntag, 15. Juli 2012

Predigt am 15. Juli 2012 (6. Sonntag nach Trinitatis)

Der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: "Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist." Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten. Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
Der Geist aber sprach zu Philippus: "Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!" Da lief Philippus hin und hörte, dass er den Propheten Jesaja las, und fragte: "Verstehst du auch, was du liest?" Er aber sprach: "Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet?" Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53, 7-8): "Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen." Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: "Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?" Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.
Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: "Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse?" Und er ließ den Wagen halten und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
Apostelgeschichte 8, 26-39





Liebe Schwestern und Brüder,

Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit – das könnte ein Slogan sein für Kirche im Ausland, besonders für Tourismus-Kirche, wie wir sie hier bei uns erleben.

Wir waren vorletzte Woche zur Auslandspfarrerkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland. Fünf Tage gemeinsam unterwegs auf den Straßen von Wittenberg und auf den Spuren Martin Luthers und der Reformation. Ein Geschenk für uns: Schwestern und Brüdern aus der ganzen Welt treffen, miteinander reden, miteinander hören, singen und beten. Und zum Abschluss miteinander Abendmahl feiern. Dann sind wir wieder auseinander gegangen auf unterschiedlichen Straßen, aber fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.

Wir haben voneinander gehört, wie unterschiedliche Kirche im Ausland aussehen kann. Doch was die meisten Auslandsgemeinden verbindet, ist dieses Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit. An vielen Orten, auch da, wo nicht der Tourismus dominiert, ist ständiges Kommen und Gehen. Ich habe erst vor kurzem das Wort Expat gelernt: das ist der Expatriate, der für meist nur zwei, drei Jahre für eine Firma oder eine Organisation im Ausland tätig ist. Solche deutschen Expat-Gemeinden, wie es sie in vielen Hauptstädten gibt, zum Beispiel in Addis Abeba, in Äthiopien, haben nach spätestens vier Jahren eine völlig neue Zusammensetzung. – Christen im Ausland sind gemeinsam unterwegs für kurze Zeit.

Und wir Pfarrer sind ein Teil dieses Kommens und Gehens. Sechs Jahre sind normal, manchmal werden es neun. Dann kommt wieder ein anderer.

Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit, das sind auch wir hier. Manchmal ist es nur diese eine Stunde Gottesdienst, wo wir einander begegnen: Kirche im Urlaub, und dann wieder auf anderen Wegen unterwegs. Aber hoffentlich fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.


Ich finde es wunderbar, dass die Geschichte, die wir gehört haben, genau von diesem Gemeindemodell erzählt: Der Bildungsreisende aus dem fernen Land und der Tourismusseelsorger Philippus sind für ein paar Stunden gemeinsam unterwegs, und es ist erfüllte Zeit, die die beiden bewegt und verändert und sie auf ihren unterschiedlichen Straßen fröhlich weiter ziehen lässt.

Zwei Menschen begegnen sich, und sie begegnen Gott, sie begegnen dem Herrn Jesus Christus. Und ihre Begegnung ist kein Zufall – das kriegt man sofort mit –, sie ist organisiert vom Heiligen Geist. Er hat die beiden vorbereitet. Der Heilige Geist zieht im Hintergrund die Strippen.

Da ist Philippus, Diakon und Evangelist im Reisedienst. Er hört die Stimme eines Engels, der schickt ihn los in Richtung Süden, Richtung Gaza, Richtung Wüste. Er weiß noch nicht genau, warum. Vielleicht ist er sich nicht mal sicher, ob das wirklich ein Engel war oder bloß eine verrückte Idee. Auf jeden Fall geht er los, und irgendwann sieht er von ferne diesen exotischen Reisewagen, und er spürt den Impuls des Heiligen Geistes: Geh hin, halte dich zu diesem Wagen. – Philippus ist vorbereitet für das, was dann kommt, auch wenn er noch nicht weiß, was ihn erwartet.

Ihn erwartet ein äthiopischer Hofbeamter, der als Bildungsreisender und Pilger unterwegs ist. Ziemlich außergewöhnlich: Da hat sich einer aus dem oberen Niltal, aus Schwarzafrika, auf den Weg gemacht nach Jerusalem. Er hat erfahren von dem einen wahren Gott, der in Jerusalem verehrt wird. Er will ihn besser kennen lernen. Will die jüdische Religion studieren, obwohl er ihr niemals wird angehören können, denn er ist ein Eunuch, ein Kastrat – anders konnte man kein Hofbeamter der äthiopischen Königin werden – und Eunuchen durften nach dem Gesetz des Alten Testaments nicht zu Gottes Volk gehören.

Wir dürfen uns diese Begegnung nicht ganz so klein und einsam vorstellen. Als Minister wird er keinen Kleinwagen gefahren haben, sondern ein großes eindrückliches Gespann. Er wird auch nicht selber gefahren sein, sondern hatte einen Fahrer, der wahrscheinlich neben den Pferden herging. Und dazu hatte er sicherlich noch Personal dabei und ausreichend Garderobe und vieles mehr. Wir müssen uns also eher eine recht eindrückliche kleine Karawane vorstellen mit einer Staatskarosse in der Mitte. – Und dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, dass Philippus erst noch einen besonderen Impuls des Heiligen Geistes braucht, um sich diesem Wagen wirklich zu nähern.

Der Minister hat es geschafft, sich eine handgeschriebene Schriftrolle mit Originalbibeltext zu beschaffen. Die gibt es nicht am Andenkenkiosk, sie kostet ein Vermögen und wird normalerweise gar nicht an Nichtjuden verkauft. Wie auch immer, er hat sie irgendwoher bekommen, er möchte die Geheimnisse des jüdischen Gottesglaubens verstehen, und so liest er auf der langen Fahrt darin. – Es bringt ja auch nichts, eine wer weiß wie teure Bibelausgabe sein eigen zu nennen und dann nicht reinzugucken.

Als religiös offener und suchender Mensch und jetzt auch als Bibelleser ist er gut vorbereitet für eine geistliche Begegnung, für eine Begegnung mit dem lebendigen Gott.

Selbst bei der Auswahl des biblischen Buches und der Bibelstelle, die er gerade liest, hat wohl der Heilige Geist im Hintergrund die Fäden gezogen: Jesaja 53 – das rätselhafte Lied vom leidenden Gottesknecht. Was für Uneingeweihte rätselhaft ist, ist für die Christen einer der klarsten Hinweise auf Jesus Christus im ganzen Alten Testament: Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf. – Klar, das ist Christus, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt! – Aber wenn einer Christus noch nicht kennt, dann ist das einfach ein Rätselwort.

Verstehst du auch, was du liest?, fragt Philippus. Genau die richtige Frage.

Verstehst du auch, was du liest, wenn du in der Bibel liest, falls du in der Bibel liest? – Vielleicht hast du sie ja schon wieder weggelegt, weil du nichts verstehst …

Nein, die Bibel ist nicht selbst-verständlich.

Ja, es gibt Worte in der Bibel, die sprechen ganz für sich selbst. Sie sind groß und klar.
Und dann gibt es noch viel mehr Worte in der Bibel, die machen Mühe, die müssen erklärt, interpretiert, verständlich gemacht werden.

Glauben weitergeben, das geht nicht, wenn wir den Leuten Bibeln in die Hand drücken und sagen: Nimm und lies! Glauben geben wir weiter, wenn wir miteinander die Bibel lesen und auslegen. So kommt der Glaube aus der Predigt, heißt es zu Recht (Römer 10, 17). Nicht aus dem Lesen, sondern aus dem Hören.

Verstehst du auch, was du liest? – Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und der Bibelleser bittet den Bibelausleger zu sich auf den Wagen.

In diesem Moment ist sie da: die Gemeinde unterwegs. Dort, hoch auf dem äthiopischen Wagen sitzen zwei und reden über die Bibel. Einer fragt, einer erklärt … und es öffnen sich neue Horizonte.

Man spricht heute so gerne von der gleichen Augenhöhe. Ich finde es beeindruckend, dass die beiden, der reiche Finanzminister und der arme Wanderprediger, der ahnungslose Heide und der gebildete Theologe sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. Philippus darf auf dem Wagen mitfahren. – Das gehört für mich dazu zum Gemeindesein: dass wir kein Oben und Unten haben. Dass soziale Stellung und Bildung unwichtig werden, wenn wir von Gottes Geist bewegt, einander begegnen.

Wisst ihr, warum es in der Kirche überhaupt erhöhte Kanzeln gibt? – Nicht etwa weil der Pfarrer über dem Rest der Gemeinde steht. Es sind zwei andere Gründe: Der eine Grund ist schlicht und einfach die Akustik. Die Kanzel wurde ja erfunden, als es noch keine Lautsprecheranlage gab. Der andere Grund ist die Symbolik: Gottes Wort soll über allem stehen. Nein, nicht der Pfarrer als Person, sondern Gottes Wort, das er sagt. – Ich soll euch nämlich nicht von oben herab abkanzeln, sondern euch Gottes Wort nahe bringen, indem ich wie Philippus dem Minister die Bibel erkläre und euch Jesus Christus verkündige, und das möglichst verständlich und auf Augenhöhe mit euch.

Es ist für mich hoch interessant, wie Philippus mit der Bibel umgeht, wie er die Schrift auslegt, wie er das Wort Gottes sagt. Es heißt: Philippus tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Das Entscheidende ist: Philippus predigt das Evangelium von Jesus. Er fängt mit einem Schriftwort an, aber er bleibt nicht bei dem Schriftwort stehen. An keiner Stelle in der Bibel finden wir das, was manche fromme Hardliner behaupten, dass die Bibel selber das Wort Gottes sei. Die Bibel ist der Ausgangspunkt für die Verkündigung des Wortes Gottes. Das Wort Gottes selber ist Jesus Christus – so steht es in der Bibel! – Ich finde diese Erkenntnis unheimlich wichtig, wenn sich Leute in frommer Absicht auf Bibelworte berufen, die sie aus dem Zusammenhang gerissen haben, und dann behaupten, das wäre Gottes Wort. Nein, Gottes Wort ist das Wort, das einen Menschen erreicht und anspricht, das ihm das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus zuspricht und den Glauben in ihm weckt.

Genau das geschieht hier: Der Glaube ist geweckt bei diesem äthiopischen Finanzminister. Das muss er gar nicht weiter erklären. Er will sich sofort taufen lassen.

Denn Glaube und Taufe gehören zusammen. Wer glaubt und getauft wird, wird selig werden, hat Jesus versprochen. Glaube und Taufe gehören zusammen. Wenn bei einem Menschen der Glaube geweckt ist, dann soll er getauft werden. Und umgekehrt, wenn ein Mensch getauft ist, so wie bei uns meistens schon als Kind, dann soll in ihm auch der Glaube geweckt werden.

Siehe, da ist Wasser; was hindert's, dass ich mich taufen lasse? – Nichts. Und so steigen sie beide hinab vom hohen Wagen, Philippus und der Minister. Gleiche Augenhöhe auch in der Taufe. War Philippus erst zu dem hohen Beamten hinaufgestiegen, so steigt der jetzt mit Philippus hinunter in einen einfachen Wasserlauf, um sich taufen zu lassen.

Ja, Glaube und Taufe, das ist auch ein Herabsteigen, ein Kleinwerden, ein Abtauchen. Ich werde klein vor Gott, ich erkenne ihn an als Herrn über mein Leben. Ich vertraue mich ihm an und tauche in ihn ein. Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir. So hat es der Apostel Paulus ausgedrückt (Galater 2, 20).

Der äthiopische Eunuch, der nach den Ansprüchen des alttestamentlichen Gesetzes nie wirklich zu Gottes Volk gehören durfte, kommt durch das Evangelium von Jesus Christus nun doch zu Gott, darf zum neuen Gottesvolk gehören.

Die Begegnung der beiden ist an ihr Ziel gekommen. Gottes Geist hat neue Aufgaben und neue Wege für jeden der beiden bereit. Ihre Wege trennen sich. Aber sie gehen anders weiter, als sie gekommen sind: fröhlich, gestärkt, bewegt, verändert.

Bewegt durch den Heiligen Geist. Gestärkt durch Wort und Sakrament. Verändert durch das Evangelium, die Gute Nachricht von Jesus Christus. Fröhlich, weil sie auch auf getrennten Wegen nicht allein sind, sondern mit Jesus Christus gehen.


Gemeinsam unterwegs für kurze Zeit – das ist nicht wenig. Das kann etwas ganz Großes sein. Die kurze Weggemeinschaft vielleicht nur heute hier im Gottesdienst kann uns berühren und kann uns neu mit Gott in Berührung bringen. Und dann ziehen wir unsere Straße fröhlich.