Sonntag, 5. August 2012

Predigt am 5. August 2012 (9. Sonntag nach Trinitatis)


Liebe Schwestern und Brüder,

was ist der Sinn des Lebens? Nein, konkret, was ist der Sinn deines Lebens? Wozu bist du auf der Welt? Was ist dein Auftrag, deine Bestimmung, deine Berufung? Weißt du das? Hast du dir darüber Gedanken gemacht? - Vermutlich ja. Du kommst ja in die Kirche, du glaubst ja an einen Gott, der deinem Leben seinen Sinn gibt – SEINEN Sinn, also Gottes Sinn. Du glaubst ja an einen Gott, der dich gewollt und geschaffen hat. Du bist also für etwas gut.

Wofür ganz genau, was der ganz große Plan Gottes ist, oder was der ganz kleine und spezielle Plan für dein Leben ist, das wirst du wahrscheinlich nicht ganz so klar beantworten können. Du wirst es vielleicht immer neu herausfinden müssen. Und wahrscheinlich ist es am einfachsten, wenn du Gott jeden Tag, jeden Morgen fragst: "Was ist dein Plan für mich heute? Was ist dein Auftrag, den ich diesen Tag erfüllen soll? Was ist der Sinn, nicht meines ganzen Lebens, sondern was ist der Sinn des heutigen Tages?" Und genau so kannst du am Abend Bilanz ziehen: "Was war der Sinn dieses Tages? Wo habe ich Gottes Auftrag erfüllt, wo nicht?"


Hört als Predigttext die Worte eines Menschen, der den Sinn seines Lebens gefunden hat, weil er Gottes Ruf gehört und verstanden hat. Es sind Worte des Propheten Jeremia, aufgeschrieben im 1. Kapitel des gleichnamigen Prophetenbuchs:

Des HERRN Wort geschah zu mir: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ – Ich aber sprach: „Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.“ – Der HERR sprach aber zu mir: „Sage nicht: 'Ich bin zu jung', sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“ Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst – und bauen und pflanzen.“


Liebe Schwestern und Brüder,

wahrscheinlich hätte Jeremia gerne auf diese Berufung verzichtet. Obwohl, wenn er gewusst hätte, dass sein Name und seine Geschichte noch nach über zweieinhalb Jahrtausenden bekannt sein würde … Aber ist es das wirklich? Kann das der Sinn des Lebens sein: Berühmt werden, so dass noch spätere Generationen von einem sprechen? – Ich denke, zumindest käme es darauf an, wofür einer berühmt wird … Jeremia ist berühmt geworden, nicht weil er dazu berufen wurde, berühmt zu werden, sondern weil er seiner Berufung gefolgt ist.

Jeremias Berufung war es nicht, berühmt zu werden oder gar populär zu werden. Jeremias Berufung war es, Gottes Wort zu sagen, und zwar denen, bei denen es gerade nicht populär war. Jeremia war kein selbst ernannter Querdenker, kein unbequemer Intellektueller, keiner, der gerne irgendwie auf sich aufmerksam machen wollte. Im Gegenteil, er hätte gerne ein ganz normales und unscheinbares Leben gelebt. Von der Familientradition her hätte er einen recht angenehmen, wohl geordneten und gut bezahlten Job als Priester machen können. Das wäre es doch gewesen.

Aber Gottes Berufung für sein Leben war halt eine andere. Eine, gegen die er sich sträubte: "Ich kann nicht, ich will nicht, ich bin zu jung." Und später mit verzweifelten Anklagen: "O Gott, was hast du mir angetan mit dieser Berufung! Wäre ich doch nie geboren worden!" Und noch später mit stiller Ergebung, als ihn seine Landsleute mitschleppen nach Ägypten, wohin sie fliehen vor den Babyloniern. Vor den Babyloniern, vor denen Jeremia gewarnt hatte. Nach Ägypten, wohin sie nie hätten gehen dürfen, wenn sie auf seine Worte gehört hätten. Dort verlieren sich seine Spuren …

War das der Sinn seines Lebens? Vor einem Schicksal warnen, das dann doch unausweichlich kam, weil es kommen musste? Gottes Wort sagen in der Gewissheit, dass sich doch keiner drum scheren würde? Und die Konsequenzen dieser geistlichen Gehörlosigkeit, dieses Ungehorsams, dieser Verstocktheit am eigenen Leibe erleiden müssen? War das der Sinn seines Lebens? – Jeremia hat sich diese Frage gestellt, und er hat von Gott die Antwort bekommen: "Ja, das ist dein Auftrag. Dazu habe ich dich bestimmt und berufen. Das ist der Sinn deines Lebens. Und darin stehe ich auch zu dir, von Anfang bis Ende."


Die Berufung Jeremias ist eine sehr spezielle. Sie ist nicht deine und nicht meine. Was deine Berufung ist, das erfährst du im täglichen Umgang mit deinem Gott.

Aber wir können lernen auch aus der Berufung Jeremias:

Und da lernen wir zuerst, dass der Sinn des Lebens nicht unbedingt dasselbe ist wie ein immer glückliches und leidfreies Leben. Auch ein hartes und leidgeprüftes Leben kann sinnvoll und gesegnet sein. So wie es das Leben Jeremias war.

Und dann lernen wir noch drei Dinge, die nicht nur für Jeremia richtig und wichtig sind, sondern für jeden, den Gott beruft.

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest. Gott sagt: Ich kenne dich! Das ist das erste.

Gott kennt dich von Anfang an, von Ewigkeit her. Und er hat etwas vor mit dir. Von Anfang an, von Ewigkeit her. Dazu musst du kein Jeremia sein. Auch du bist von Gott gewollt und erwählt.

Wir haben mit dem Psalm am Anfang die Antwort darauf, das Gebet eines Menschen mitgesprochen, der das für sich erkannt hat: Herr, du erforschst mich und kennst mich.

Es ist für mich etwas ganz Großes und eben auch etwas ganz Wesentliches in dieser Gewissheit: Der ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er kennt mich – persönlich und besser als jeder andere. Da fühle ich mich geborgen und gehalten und verstanden. Da werde ich mir ganz sicher, dass mein Leben bei ihm seinen Sinn hat.

Gott sagt: Ich kenne dich! Du bist erwählt.

Weiter: Du sollst gehen, wohin ich dich sende. Gott sagt: Ich brauche dich! Das ist das zweite.
Da kommt fast immer eine Ausrede, ein Einwand: "Warum gerade mich? Ich bin zu jung. Ich kann das gar nicht, was du verlangst. Nimm doch einen anderen." – Man könnte das an vielen Berufungsgeschichten der Bibel durchdeklinieren: Mose, Jesaja, ja schon Abraham (Der sagt nicht: „Ich bin zu jung“, sondern „Ich bin zu alt.“).

Welchen Einwand hast du, wenn Gott dich ruft? Zu alt, zu faul, zu unqualifiziert, zu schüchtern, zu eitel, zu kleingläubig, zu großspurig …? – Eins musst du wissen: Im Ernstfall zählt das alles nicht bei Gott. Er räumt deinen Einwand beiseite. Sage nicht: Ich bin zu … - jung, sagt er zum Beispiel zu Jeremia. Und dann schafft er Abhilfe: Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Wem Gott einen Auftrag gibt, dem gibt er auch die nötigen Fähigkeiten dazu. Gabe und Aufgabe gehören zusammen. So und so: Wenn Gott dir eine Aufgabe gibt, dann gibt er dir auch die nötige Gabe.

Es kann auch umgekehrt sein: Wenn du noch nicht weißt, wozu du von Gott beauftragt bist, dann schau auf deine Gaben, was du damit tun kannst. Gaben sind auch Aufgaben.

Eines sollst du wissen: Wenn Gott etwas von dir fordert, so wird er dich doch nicht überfordern.

Gott sagt: Ich brauche dich! Du bist begabt.

Und nun das dritte: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten. Gott sagt: Ich schütze dich!

Fürchte dich nicht!, ist ein ganz wichtiges und immer wiederkehrendes Wort Gottes an die, die er kennt und braucht. Denn beängstigend, ja furchteinflößend ist das allemal, wenn der allmächtige Gott etwas von dir fordert. Beängstigend und furchteinflößend ist es zumal, wenn du etwas tun sollst, das den gängigen Meinungen und Verhaltensweisen entgegensteht. Opposition erfordert Mut. Das ist schon im Kleinen so, wenn ich sagen muss: "Nein, das sehe ich anders." Oder: "Ich glaube, da liegst du falsch." Es kostet immer ein bisschen Überwindung, anders zu sein als die anderen.

Jeremia war berufen extrem anders zu sein, dem Mainstream und den Mächtigen offen zu widersprechen, und dafür ist er nicht nur gehasst, sondern auch verhört, verhaftet, gefoltert, verschleppt und gedemütigt worden. Das erforderte viel Mut und Durchhaltevermögen, ja Furchtlosigkeit. Und es ging wohl nur, weil er es nicht nur wusste, sondern immer auch wieder spürte, dass der HERR bei ihm war und ihn errettete – trotz allem. Am Ende zählt es eben nicht, auf der Seite der Mehrheit oder der Mächtigen gewesen zu sein, sondern auf Gottes Seite.

Wenn ich das sage, schwingt da immer ein bisschen unserer Erfahrung vom Christsein in der DDR mit. Aber ich glaube, auch Christsein in der Bundesrepublik oder im heutigen Europa wird nicht einfacher werden. Christlicher Glaube ist nicht mehr Mainstream. Und einige Vorreiter der öffentlichen und veröffentlichten Meinung treten immer aggressiver gegen Religion und Christentum auf. Ich will das heute nicht vertiefen.

Aber ich will dir sagen: Wo und wann immer du Angst bekommst, wo die Furcht nach dir greift, du könntest Gottes Berufung nicht gewachsen sein, da sagt er dir: "Fürchte dich nicht! Ich schütze dich. Ich behüte und bewahre dich. Was auch kommen mag!"

Gott sagt: Ich schütze dich! Du bist gesegnet.

Woher ich das weiß, dass Gott das auch zu dir sagt: Ich kenne dich. Ich brauche dich. Ich schütze dich? – Ich weiß es, weil du getauft bist. Und weil Gott genau das einem jeden Christenmenschen in der Taufe zusagt und verspricht, und es so auch dir zugesagt und versprochen hat: Ich kenne dich. Ich brauche dich. Ich schütze dich.

Gott gibt deinem Leben seinen Sinn: Er beruft dich nach seinem Willen. An dir ist es, seinen Ruf zu hören und ihm zu folgen, Tag für Tag. Dazu bist du erwählt, begabt und gesegnet.