Sonntag, 26. August 2012

Predigt am 26. August 2012 (12. Sonntag nach Trinitatis)

Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: "Sieh uns an!" Und er sah sie an und wartete darauf, daß er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: "Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!" Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war.
Apostelgeschichte 3, 1-10



Liebe Schwestern und Brüder,

dazugehören ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir gehören ja schon immer irgendwo dazu: zu einer Familie, zu einer Nation, zu einer Gemeinde … Wir haben Freunde, Verwandte, Kollegen, Nachbarn, Vereinskameraden, und viele mehr, denen wir uns zugehörig fühlen. Wir gehören dazu und wir wollen dazu gehören.

Das Gegenteil von dazugehören ist ausgeschlossen sein. Wir wollen dazugehören, aber wir dürfen nicht, man lässt uns nicht, wir sind behindert.

Oft dürfen wir nicht dazugehören, weil wir anders sind als die anderen. Das macht uns zu Außenseitern.
Wir erinnern uns vielleicht: Als wir Kinder waren, gab es immer welche, mit denen wir nicht spielen wollten, oder vielleicht auch nicht spielen durften. Kinder, die vielleicht zu langsam waren; die wollten auch gern mit Fußball spielen, aber sie standen eher beim Spielen im Weg rum, wurden deshalb nicht in die Mannschaft gewählt oder auf dem Spielfeld einfach nur rumgeschubst und umgerempelt. Oder wir selber waren diese Kinder ...

Wir kennen fast alle Leute, bei denen wir froh sind, wenn wir sie von hinten sehen. Sie reden anders oder denken anders als wir es gewohnt sind. Sie fordern von uns mehr Zuwendung, als wir zu geben bereit sind. Und wir zeigen ihnen: Ihr gehört nicht dazu.

Ganze Gruppen von Menschen haben es schwer dazuzugehören: Minderheiten, Randgruppen; Marginalisierte, sagt man im Soziologenjargon.

Nicht jeder, der nicht dazugehört, will überhaupt dazugehören. Natürlich grenzt man sich auch ab. Der eigene Clan, die eigene Gruppe, das eigene Milieu sind oft ausreichend, um dazuzugehören.

Schwierig ist es immer für die Menschen, die wollen und nicht können. Die behindert sind oder behindert werden.

Irgendwie tut es mir immer leid, wenn hier Menschen vor der Kirche stehen oder in die Kirche kommen, denen wir sagen müssen: "Wir feiern Gottesdienst in deutscher Sprache, leider nicht in Spanisch, Polnisch oder Russisch." – Dass ich seit ein paar Wochen möglichst einen Bibeltext des Sonntags in Spanisch und Englisch mit auf dem Gottesdienstplan abdrucke, hat damit zu tun, dass ich möchte, dass auch Leute, die kein Deutsch verstehen, wenigstens ein kleines Bisschen an unserem Gottesdienst teilhaben können.

Als mir jemand mal zu verstehen gab, dass er sich in unserer Gemeinde irgendwie nicht angenommen, sondern ausgegrenzt fühlte, tat mir das leid. Umgekehrt ist es etwas Wunderbares, wenn jemand sagt: "Bei euch fühlt man sich gleich zu Hause." Darum geht es uns doch: ums Dazugehören.


Der Mensch, von dem unsere heutige biblische Geschichte erzählt, hatte auch das Problem, nicht dazuzugehören. Alle kannten ihn vom Sehen, denn er saß jeden Tag am Tempeltor und bettelte. Er gehörte schon mit zur Szenerie. Aber er gehörte nicht mit zu den Menschen, die hinein gingen in den Tempel, um zu beten und Gott zu loben. Er gehörte nicht mit zu den Menschen, die heraus kamen aus dem Tempel mit Dankbarkeit und neuem Lebensmut. Er war ausgeschlossen.

Es muss eine Art archetypisches Verhalten sein, denn so ist es bis heute an vielen Orten: Die Menschen gehen ins Gotteshaus hinein und kommen wieder heraus, die Bettler aber sitzen vor der Tür. Sie gehören nicht zu der Gemeinschaft der Kirchenbesucher. Sie sind draußen, sie appellieren an das schlechte Gewissen und an an die milde Gestimmtheit derer, die zum Gotteshaus gehen. Gewissermaßen unter den Augen des Allmächtigen, beeindruckt von der Menschenfreundlichkeit Jesu, bewegt von Gottes Geist müssen Menschen doch eher bereit sein, zu geben und zu helfen. Und so ist es ja auch. Entweder wir geben oder wir haben ein schlechtes Gefühl – oder beides. Aber der Bettler, er bleibt draußen. Unser Almosen wird zur frommen Tat, aber sie ändert nichts an dem Zustand, der den Almosenempfänger zum Almosenempfänger macht. Er wird auch morgen wieder vor der Tür sitzen und übermorgen.

Genau so waren es die Jerusalemer Tempelbesucher gewöhnt. Der gehbehinderte Bettler gehörte dazu als einer, der nicht dazugehörte.

Bis zu diesem Tag, als Petrus und Johannes in den Tempel gingen und auf ihn aufmerksam wurden. Anders aufmerksam wurden, als sonst. Wer weiß, wie oft auch sie schon an ihm vorbeigegangen waren. Heute aber hören sie seine Bitte um ein Almosen, seine Bitte um Erbarmen. – Das ist der ursprüngliche Sinn des Wortes Almosen. Es kommt vom griechischen Wort elemosyne, das genau Erbarmen heißt. – Der behinderte Bettler bettelt um Erbarmen: "Habt Erbarmen! Habt Erbarmen!" murmelt er unentwegt den Vorbeigehenden zu. Und bei Petrus und Johannes macht es Klick: Was erwarten wir, wenn wir Gott um Erbarmen bitten? – Herr, erbarme dich! Kyrie eleison! – Ein Almosen? – Und was sind wir bereit zu geben, ja, was können und wollen wir geben, wenn wir um Erbarmen gebeten werden? Nur ein Almosen? – Es ist ihnen schlagartig klar: Es geht nicht um eine milde Spende. Es geht nicht um ein paar Kupferstücken aus dem Portemonnaie. Es geht um das Erbarmen mit einem Menschen, der anders ist, der behindert ist, der nicht dazugehört, der mehr braucht als ein paar Münzen, die ihm das Überleben bis zum nächsten oder übernächsten Tag sichern.

Petrus weiß – geistesgegenwärtig –, was er zu tun und zu sagen hat: Sieh uns an! – Blickkontakt herstellen. Kommunikation ermöglichen. Die Kommunikation, die wir an solchen Stellen normalerweise vermeiden. Wir sehen ihn nicht gerne an, den Bettler. Wir wollen, auch wenn wir ihm etwas geben, nicht gerne in ein Gespräch verwickelt werden, uns vielleicht seine wahre oder erfundene Leidensgeschichte anhören. Wir wollen, wenn wir ihm schon was geben, schnell weitergehen und ihn schnell vergessen. Er gehört ja nicht dazu, zu unserem Leben. Petrus tut hier das Gegenteil. Er signalisiert dem Mann: 'Wir interessieren uns für dich. Wir wollen etwas mit dir zu tun haben.'

Und er erwidert den Blick, freilich noch in der Erwartung des zu Erwartenden: vielleicht eine größere Spende als gewöhnlich. Aber immerhin: Ihre Blicke treffen sich, und es kann etwas geschehen zwischen ihnen.
Und es fallen die entscheidenden, berühmt gewordenen Sätze: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Und dann wird aus dem Blickkontakt Körperkontakt. Er reicht ihm die Hand, zieht ihn in die Höhe, und der Gehbehinderte, der Lahme, er steht – auf eigenen Füßen. Und er geht – eigene Schritte. Und er läuft – ohne fremde Hilfe. Und er springt – wie ein junges Reh, hin und her und auf und ab. Nicht mehr gelähmt, nicht mehr behindert, nicht mehr ausgeschlossen.

Jetzt gehört er dazu, zu denen, die stehen und gehen, tanzen und springen. Und auch und vor allem zu denen, die in den Tempel hinein gehen, um zu beten und Gott zu loben, und die aus dem Tempel herauskommen mit Dankbarkeit und neuem Lebensmut. Ja, auf wen, wenn nicht auf ihn, wird diese Beschreibung wohl am meisten zutreffen an diesem Tag?

Ich glaube, das ist das Entscheidende an dieser Geschichte: Einer, der eben noch draußen war, gehört jetzt dazu. Er ist nicht mehr behindert, er wird nicht mehr behindert. Er integriert sich und wird angenommen. – Wir lesen weiter, dass er sich zu den beiden Aposteln hält und mit ihnen im Tempel ist, dort, wo sich auch die christliche Gemeinde trifft. Er weiß oder er erfährt, wem er seine Heilung verdankt: dem Namen Jesu Christi. Auch oder gerade zu Jesus und zu seiner Gemeinde gehört er jetzt dazu.


Ihr Lieben, da ist einer der krank und behindert war, körperlich gesund geworden, und darum ist es ihm leicht geworden wieder dazuzugehören zur Gemeinschaft der Lebenstüchtigen, der Gesunden, Starken, Fröhlichen und Dankbaren. – Eine wunderbare Heilung, eine wunderbare Heilungsgeschichte, und die Leute sind voller Verwunderung und Entsetzen. Aber das ist eben nicht entscheidende Punkt. Es gibt wunderbare Heilungen, gewiss doch, und es gäbe noch mehr, wenn wir häufiger und zuversichtlicher für Kranke beten würden.

Und doch ist körperliche Heilung nicht alles und nicht das wichtigste. In den biblischen Heilungsgeschichten ist die Heilung allemal ein Zeichen für nicht nur körperliches, sondern umfassendes, wie man so schön sagt: "ganzheitliches" Heil. Es geht ums Dazugehören. Krankheit, körperliche und geistige Schwäche, materielle und geistige Armut, andere äußerliche Erscheinung und andere Herkunft – all das, sollen keine Behinderungen sein – Behinderungen in dem Sinne, dass das Dazugehören behindert wird.

Es ist zu allen Zeiten ein Markenzeichen der christlichen Kirche gewesen, dass sie es Menschen ermöglicht dazuzugehören. Sie hat sich immer um Arme und Bedürftige, um Kranke und Sterbende, um geistig, leiblich und materiell Minderbemittelte, ja auch um Gescheiterte und um Sünder gekümmert.

Vieles davon ist im säkularen Bewusstsein angekommen. Integration und Inklusion sind wichtige Wörter geworden, die genau das meinen: Dazugehören können. Ausländer und Migranten sollen dazugehören. Menschen mit Behinderung sollen dazugehören. Barrierefreiheit ist selbstverständlich geworden. Wie schön ist das, dass man unsere Kirche und unser Gemeindezentrum einfach mit Rollstuhl erreichen und betreten (bzw. befahren) kann!

Bleibt für mich die spannende Frage, wie leicht oder wie schwer wir es Menschen machen dazuzugehören, zu uns, zu unserer Gemeinde, zur christlichen Kirche, zu Jesus Christus, zu Gott. Bauen wir sichtbare oder unsichtbare Barrieren auf? Geben wir Menschen direkt oder indirekt zu verstehen: Ihr sollt nicht zu uns gehören?

Die Erzählung von Petrus und Johannes und dem behinderten Bettler gibt mir einen wichtigen Hinweis: Das Entscheidende geschieht in der persönlichen Begegnung. Im Hinsehen und Hinhören, im Blickkontakt und im Körperkontakt.

Was ich habe, das gebe ich dir, sagt Petrus. Vielleicht habe ich keine wunderbaren Heilkräfte, wahrscheinlich auch nicht viel Gold und Silber, aber hoffentlich Erbarmen – und ich übersetze das als: Menschlichkeit, Herzlichkeit, persönliche Zuwendung.

Das Entscheidende geschieht in der persönlichen Begegnung, und es geschieht im Namen Jesu Christi. Weil ich zu ihm gehöre, weil er mit mir Erbarmen hat, darum kann auch ich mich dessen erbarmen, der – wie ich – dazugehören möchte.