Sonntag, 19. August 2012

Predigt am 19. August 2012 (11. Sonntag nach Trinitatis)

Weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht. Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sein ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.
Galater 2, 16-21



Liebe Schwestern und Brüder,

es war einmal ein Land, in dem war alles genau geregelt und vorgeschrieben. Es gab da Gesetze und Verordnungen für alle Lebensbereiche. Nicht nur wie lang Gurken und wie krumm Bananen sein dürfen, war da vorgeschrieben. Nicht nur wie schnell man auf der Straße fahren darf und wie weit man zu Fuß gehen darf. Natürlich waren Diebstahl, Raub und Mord und was dergleichen mehr ist, verboten. Auch Ehebruch stand unter Strafe. Aber es ging noch weiter. Es gab Regelungen, wer wen zu heiraten hatte. Es gab Vorschriften für die richtige Ernährung. Es gab natürlich auch eine Steuer- und Abgabenordnung, an die sich alle zu halten hatten. Aber nicht nur das Verhalten der Menschen war reglementiert, auch ihr Denken und Fühlen. Die Religion, was sie zu glauben hatten, war vorgeschrieben, denn mit einem falschen Glauben würden sie ja zur Hölle fahren; davor mussten sie geschützt werden. So war falscher Glaube und auch falsches Denken verboten. Es reichte nicht, sich äußerlich an die Gesetze zu halten, man durfte nicht mal daran denken, ein Gesetz zu übertreten. Auf einen anderen wütend zu werden, ihn gar zu hassen, das war schon fast ein Mord. Dafür konnte man vor Gericht gestellt werden. Einer Frau oder einem Mann hinterherzusehen, erst recht wenn sie oder er gut aussah, das war schon fast Ehebruch. Auch dafür wurde man zumindest öffentlich verwarnt. Es war auch untersagt, über ein festgelegtes Maß hinaus mehr zu besitzen als der Durchschnitt der Menschen. Es wurde darüber gewacht, dass jeder freiwillig – so nannte man das – abgab, bis alle ungefähr gleich viel hatten.

Diese Gesetze wurden, wie gesagt, streng überwacht. Man passte aufeinander auf, dass sich auch die anderen daran hielten. Es war selbstverständlich, den Nachbarn anzuzeigen, wenn man ihn bei etwas Verbotenem erwischte. Es war schließlich in seinem Interesse. So konnte er noch rechtzeitig zurecht gebracht werden. Wie das geschah, blieb den zuständigen Behörden überlassen. In einigen Fällen wurde schnell eine harte Strafe verhängt – ein paar Jahre Haft. Oft beließ man es aber bei einer öffentlichen Ermahnung. Manchmal passierte auch gar nichts, jahrelang. Aber das war eigentlich das schlimmste, denn man wusste, dass nichts verjährt und irgendwann würde die Strafe kommen. Man würde ausgeschlossen und ausgestoßen werden aus der Gemeinschaft, an einen Ort verbannt, der nach allem, was man hörte grausam, kalt und finster war und wo Heulen und Zähneklappern herrschte.

So ungefähr ging es zu in diesem Land. Die Menschen waren durch Gesetze und Ordnungen zu einem vernünftigen Leben gezwungen. Die Herrschenden in diesem Lande waren der Meinung, die Menschen müssten glücklich sein. Denn sie waren ja vor Verbrechen und Armut geschützt. Sie waren sogar davor geschützt, dass ihnen jemand den Ehepartner ausspannte oder dass jemand ein böses Wort über sie sagte. Aber in Wahrheit waren sie nicht glücklich. Sie spürten es, dass ihnen etwas fehlte, und sie merkten, wie beständig ein Druck auf ihnen lastete, die Angst davor, doch etwas Falsches zu machen, etwas Falsches zu tun, zu sagen, zu denken und dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, vielleicht sogar verurteilt und für immer verbannt an jenen grausamen, finsteren Ort.

Unter den Einwohnern des Landes ging – trotz aller Verbote – ein Gerücht um, dass es da noch ein Nachbarland gäbe, in dem es ganz anders zuginge. Es sollte ein Land sein, in dem es gar keine Gesetze gäbe, wo jeder frei leben und entscheiden könne, so wie er wollte. Aber so richtig vorstellen konnte man sich das nicht. Das mochte ja schön sein: ganz frei und ohne Vorschriften zu leben. Aber wie sollte das funktionieren? Wer sagte einem denn dann, was man überhaupt tun und lassen sollte? Und würde es da nicht am Ende Mord und Totschlag geben, weil jeder sich auf Kosten des anderen durchsetzen wollte? Würde es nicht zwangsläufig dazu kommen, dass die Starken auf Kosten der Schwachen lebten? Und musste man nicht täglich um Hab und Gut, Frau und Kind, Leben und Gesundheit fürchten, wenn da keiner da war, der alle in die Schranken des Gesetzes wies? – Nein, so verlockend die Freiheit auf den ersten Blick sein mochte, am Ende stimmte wohl doch das alte Motto: FREIHEIT IST SKLAVEREI.

Und doch sehnte man sich insgeheim nach der Freiheit, vor der man sich zugleich fürchtete. Und so blieb alles, wie es war.

Aber dieses Nachbarland, es existierte wirklich: Ein Land, wo vollständige Freiheit herrschte, wo es keine Gesetze gab und wo es – anders als man vermuten könnte – allen gut ging, wo alle glücklich waren und ohne Angst leben konnten.

Wie war das möglich? – Es lag an den Menschen dieses Landes. Sie brauchten keine Gesetze, weil sie sich ohne Zwang immer wieder dafür entschieden, niemand anderem zu schaden, dem Mitmenschen dasselbe zu gönnen, was man selber für sich in Anspruch nahm. Warum sollte einer einen anderen bestehlen, berauben, töten, ihm die Frau ausspannen oder auch nur ihn beleidigen, wenn man doch selber nicht bestohlen, beraubt, getötet, betrogen oder beleidigt werden wollte? Man wusste oder ahnte wie es jemandem geht, der arm war oder krank, der Schmerzen litt oder Mangel; und darum half man ihm, wieder auf die Beine zu kommen, körperlich oder materiell oder auch mit seelischem Beistand. Selbst eine Straßenverkehrsordnung war überflüssig, weil sich alle vernünftig und zuvorkommend verhielten. Gewisse Regeln, wie das Rechtsfahren hatten sich schon eingebürgert, aber dafür brauchte man doch keine Gesetze! Und mit den Steuern und Abgaben – tja, wozu hätte man die gebraucht? Man gab dem, der etwas brauchte. Man sammelte und legte zusammen, wo es ein größeres Projekt erforderte. Man unterstützte freiwillig seine Kirche oder seinen Verein. Wozu sollte man denn zu etwas verpflichtet werden, wofür man sich doch freiwillig engagierte? – In diesem Land konnten die Menschen völlig frei und ohne Gesetze und Vorschriften leben, weil diese Menschen völlig erfüllt waren vom Geist der Liebe.

Eines Tages kam einer in das Land der Gesetze und der Unfreiheit und sagte den Menschen: "Ihr könnt frei sein. Ihr könnt mit mir kommen ins Land der Freiheit. Die Grenzen sind offen." Aber leider war das nicht erlaubt, dass man das sagte. Und deshalb wusste es lange Zeit keiner, und deshalb auch wurde er bestraft, hingerichtet dafür, dass er vom Land der Freiheit erzählte und die Menschen einlud, mit ihm dorthin zu gehen.
Aber jetzt wussten sie es. Und sie würden es nicht wieder vergessen: Man konnte, wenn man wollte, dorthin, da, wo man ohne Zwang und ohne Angst in Freiheit und in Liebe miteinander leben konnte.


Liebe Schwestern und Brüder, Gott stellt uns vor die Wahl: Wollen wir im Land des Gesetzes leben oder im Land der Freiheit?

Wenn wir im Land des Gesetzes leben, dann müssen wir Gottes Vorschriften erfüllen, bis zum letzten Komma und bis in unsere Gedanken und unsere Gesinnung hinein. Ansonsten werden wir früher oder später bestraft, schlimmstenfalls sogar mit ewigem Heulen und Zähneklappern.

Wenn wir im Land der Freiheit leben, dann müssen wir gar nichts erfüllen, sondern dann sind wir erfüllt: nämlich von Gottes Geist der Liebe. Wir sind frei, wir müssen uns nicht vor Gericht und Strafe fürchten, wir müssen nicht in Angst leben, wir könnten etwas falsch machen oder vielleicht auch nur falsch denken oder glauben und würden irgendwann dafür die Quittung präsentiert bekommen.

Erinnert ihr euch an Martin Luther? Er kannte Gott zuerst nur als den Gesetzgeber, der fordert und straft. Und weil Luther ein sehr gewissenhafter Mensch war, hatte er ständig ein schlechtes Gewissen vor Gott. Wenn Gott sogar die Gedanken kontrolliert, dann nützen auch die guten Taten nichts. Er durchschaut es ja, dass sie nur aus Angst vor der Strafe getan waren, mit Widerstand und ohne innere Freude. So ist Luther an Gott verzweifelt, so wie die Einwohner jenes Landes, von dem ich erzählt habe, verzweifelten, weil es keine Gewissheit gab, dass sie jemals alle Gesetze und Vorschriften wahrhaftig und von Herzen würden erfüllen können.

Und dann entdeckte Martin Luther das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu vom Land der Freiheit. Besonders deutlich aufgeschrieben fand er sie im Galaterbrief, aus dem der heutige Predigttext genommen ist. Dort steht es schwarz auf weiß: Der Mensch wird nicht durch die Werke des Gesetzes gerecht, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. – Nicht das Gesetz erfüllen, sondern sich erfüllen lassen – von dem, der allein das ganze Gesetz erfüllt hat – bis zur letzten Konsequenz, der Todes- und Höllenstrafe. Das ist Liebe: Leiden und sterben, damit die anderen Leben können! Das hat Jesus für uns getan – für uns! – damit wir, die wir Gottes Forderungen im Gesetz gar nicht erfüllen können, die Konsequenzen nicht tragen müssen, weil wir nicht mehr im Land des Gesetzes, sondern mit ihm im Land der Freiheit leben. – Durch Jesus Christus sind wir sind frei. Und wir sind erfüllt von der Liebe Jesu Christi.

Und so ist auch das Leben in diesem besseren Land, in diesem freien Land, im Reich Gottes, Leben in der Liebe. Wenn wir erfüllt sind von Gottes Liebe, dann brauchen wir keine Gesetze und Vorschriften mehr.
Martin Luther konnte dann in Freiheit entscheiden, welche Gesetze und Ordnungen für ihn noch sinnvoll waren und welche nicht, ohne Angst vor schlimmen Konsequenzen. So hat er den ganzen Klosterkram hinter sich gelassen: Du musst nicht fasten. Du musst keine Gebetszeiten einhalten. Du musst nicht deine Sexualität verleugnen … So hat er gesagt: Es kann verschiedene Formen von Gottesdienst geben: Es muss nicht die römische Messe sein. Hauptsache das Evangelium wird verkündigt. Und er hat gesagt: Taufe, Beichte und Abendmahl sind keine Gesetze, mit denen wir Gott einen Gefallen tun, wenn wir sie einhalten, sondern es sind Gottes Geschenke und Angebote an uns, die wir dankbar annehmen dürfen. Er hat über die Freiheit eines Christenmenschen gesprochen, der niemandem untertan ist, der sich an kein Gesetz halten muss, und der sich doch in der Liebe seinem Nächsten, seinem Mitmenschen unterordnet und ihm dient …

Liebe Schwestern und Brüder, wir müssen uns entscheiden, immer wieder, auch heute: Wollen wir in einer Kirche und in einer Gemeinschaft leben, die möglichst genaue Vorschriften macht, was man als Christ tun und lassen soll, was man zu glauben hat und was nicht, und die den Zugang zum Himmelreich daran knüpft, dass wir diese Vorschriften einhalten? Oder wollen wir eine Kirche sein, in der wir aus freien Stücken entscheiden, wie wir glauben und leben wollen, und uns dabei immer neu am Maßstab der Liebe ausrichten, eine Kirche, in der schon etwas vom Himmelreich da ist?

Du musst dich entscheiden: Willst du Gottes Gesetze und Vorschriften einhalten, alles richtig machen, ein moralisches Leben führen und die richtigen Glaubensüberzeugungen haben – mit der unsicheren Aussicht, dafür vielleicht mal, wenn du alles richtig gemacht hast, bei Gott anzukommen? Oder willst du in Gottes Freiheit leben – ohne Gesetze und Vorschriften, mit dem Risiko Fehler zu machen, aber in der Gewissheit geliebt und angenommen zu sein, schon jetzt und dann auch für alle Ewigkeit?

Was willst du: Sicherheit oder Freiheit? Gehorsam oder Liebe? Buchstabentreue oder geistliche Weite? Gesetz oder Evangelium?

Ich habe mich entschieden: für die Freiheit.