Sonntag, 12. August 2012

Predigt am 12. August 2012 (10. Sonntag nach Trinitatis)


O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!
Der HERR hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den HERRN rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.
Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen „Heiliges Volk“, „Erlöste des HERRN“ und dich wird man nennen „Gesuchte“ und „Nicht mehr verlassene Stadt“.
Jesaja 62, 6-12


Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!
Jerusalem, du hoch gebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir!
Wachet auf, ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne, wach auf, du Stadt Jerusalem!

Liebe Schwestern und Brüder,

unser christliches Gesangbuch ist voller zionistischer Lieder. Ich meine Lieder und Texte, die von Zion und Jerusalem singen, von Israel und Gottes Volk. Und doch ist das ein sehr merkwürdiger Zionismus; er hat mit dem, was wir normalerweise unter 'Zionismus' verstehen, wenig zu tun. Denn das Israel, das da besungen wird, das sind keine Juden, sondern das sollen wir Christen sein:
Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit, lobt ihn mit Schalle, werteste Christenheit! Er lässt dich freundlich zu sich laden. Freue dich, Israel, seiner Gnaden.
Das Jerusalem, das da besungen wird, ist nicht die faszinierende Stadt im Nahen Osten, die heute Hauptstadt des jüdischen Staates Israel ist, sondern ein überirdisches, himmlisches Jerusalem, die ewige Heimstadt der erlösten Christen. Und Zion, das steht hier nicht für diesen Berg und dieses Land, wo sich heute das jüdische Volk sammelt, sondern für die „werteste Christenheit“, die ihren König Jesus mit offenem Herzen empfängt:
Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn.
Das alles ist ein vergeistigter, ein symbolisch umgedeuteter christlicher Zionismus.

Ich will gar nicht sagen, dass das nicht seine Berechtigung hätte. Aber es schwingt da etwas Unangenehmes mit: Die Enterbung derer, die diese Worte geprägt haben und denen sie bis heute etwas anderes, etwas Großes bedeuten. Nichts Vergeistigtes, sondern eine irdische und reale Wirklichkeit, die für sie doch zugleich etwas vom Himmel hat: die real existierende Stadt Jerusalem, das alte Land und der moderne Staat Israel.

Christen haben gemeint, sie seien das neue Israel, und das hieß dann auch: das bessere Israel. Das neue erwählte Gottesvolk, und das hieß dann auch: das alte Gottesvolk war verworfen. Es hatte seine Schuldigkeit getan in Gottes Heilsgeschichte, und nun konnte es gehen, verschwinden aus der Geschichte. Die Eroberung und Zerstörung des irdisch-realen Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. schien das zu bestätigen: Die Juden, die Jesus Christus abgelehnt hatten, konnten jetzt mit ihrem Tempel, mit ihrer Heiligen Stadt und ihrem von Gott gegebenen Land verschwinden. Die Geschichte, die sie mit Gott gehabt hatten, war nur noch Vorgeschichte für das, was Gott mit Jesus Christus neu begonnen hatte. Die Worte ihrer Propheten und ihrer Gebete konnten als Hinweise auf Jesus Christus verstanden oder als symbolische Aussagen über die christliche Erlösung neu interpretiert werden. Insgesamt waren sie aber nur noch Altes Testament, denn Gott hatte ja ein Neues Testament aufgesetzt. Das alte galt eigentlich gar nicht mehr.

Kurz: Die Christen verstanden sich als die legitimen Erben des alten Volkes Israel. Dass es überhaupt noch Juden gab, dass dieses Volk mit seinem Glauben nicht ausstarb und nicht totzukriegen war, bzw. dass sie nicht zur Einsicht kamen, dass sie doch besser Christen werden sollten, das war fast so etwas wie ein Fehler im System.

Wir alle wissen von der Geschichte des jüdischen Volkes im vergangenen Jahrhundert. Wir wissen von dem Versuch, diesen „Systemfehler“ zu beseitigen, die Juden auszurotten. Und wir wissen, dass das nicht gelungen ist und wie dieses geschundene Volk wieder eine Heimstatt fand im Land ihrer Väter, im Land der Verheißung, und einen eigenen Staat.

Dort, bei ihnen, bei den Juden, die den Vernichtungslagern entkamen, die nach Israel zurückgekehrt sind oder sich immer noch nach Rückkehr sehnen oder die, wo immer sie auch gegenwärtig leben, doch dem Land Israel verbunden sind, bei ihnen, die dieses Land lieben und bewahren und verteidigen, die ihm in einer Weise verbunden sind, die wir gar nicht nachempfinden können, bei ihnen ist der Ausdruck Zionismus eigentlich und mit Recht zu Hause. Sie reden mit Recht von ihrer Sehnsucht nach Zion und von ihrer Liebe zu Jerusalem. Und sie berufen sich mit Recht auf die Worte und Verheißungen Gottes für Israel, für Jerusalem, für Zion.

Zu diesen Worten und Verheißungen gehört auch unser Predigttext aus dem Jesajabuch.

Es ist ein Hoffnungswort aus einer Zeit, als Jerusalem halb zerstört darniederlag, als man nicht wissen konnte, wie es weitergehen würde mit dieser gedemütigten Stadt, weil sie immer unter fremder Herrschaft stand.

Aber doch war da Gottes Verheißungswort: Sie würde wieder Heimat und Glaubenszentrum für das Gottesvolk sein. Gott würde wieder hier wohnen, und die Völker der Welt würden auf diese Stadt schauen und zu dieser Stadt pilgern. Sie würde wieder das werden, was ihr Name bedeutet: Stadt des Friedens. Gottes Volk würde hier in Frieden leben und die Früchte seiner Arbeit genießen. Gott hatte es geschworen, Gott, der sein Volk vor vielen hundert Jahren aus der ägyptischen Sklaverei geführt hatte, Gott, der seinem Volk vor wenigen Jahren den Weg aus der babylonischen Gefangenschaft geebnet hatte, dieser mächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, er würde sein Jerusalem wieder erstehen lassen und sein Volk dort in Frieden und Sicherheit leben lassen.

Und dann wurde diese Hoffnung weiter getragen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende, in denen es manchmal so aussah, als sei diese verheißene Zeit des Friedens, des Schalom Gottes für Jeruschalajim zum Greifen nahe, in denen es aber viel, viel öfter so aussah, als würde nichts davon bleiben als die christlich vergeistigte Version des neuen Jerusalems im Himmel.

Das irdische Jerusalem wurde in diesen Jahrhunderten regiert von Babylon, Schuschan, Theben, Alexandria, Antiochia, Rom, Byzanz, Damaskus, Bagdad, Kairo, Aleppo, Konstantinopel, London und Amman aus. – Heute ist es die Hauptstadt eines Staates der nach Gottes Volk genannt ist. Es gibt sie noch, und es gibt dieses Volk noch, wo doch die meisten derer, die es einmal beherrscht haben, untergegangen sind!

Damals, vor zweieinhalb Jahrtausenden prägte der Prophet das Wort von den Wächtern über Jerusalems Mauern, die Gott erinnern sollten an seine Verheißung. – Und es hat sie wohl gegeben diese Wächter, all die Jahrhunderte hindurch. Diejenigen, die für Jerusalem gehofft und gebetet haben, die für ihr Volk bei Gott eingetreten sind. – Und wir Christen haben nicht dazugehört; wir waren nur mit dem himmlischen Jerusalem beschäftigt, wenn wir nicht gerade das irdische Jerusalem im Kreuzzug für uns erobern mussten.

Heute sieht es so aus, als seien diese Wächtergebete erhört. Was Jerusalem und Israel heute ist, darin erfüllt sich die biblische Verheißung. Freilich noch nicht vollkommen, freilich immer noch gefährdet. Jerusalem ist immer noch die Stadt eines sehr unsicheren Friedens. Aber es ist doch der Ort einer großen Hoffnung, und wer einmal dort gewesen ist, wer mit israelischen Juden gesprochen hat, der ahnt etwas davon, was sie dort gefunden haben, was ihnen ihr Land und ihre Stadt bedeuten, und der versteht ein wenig besser, warum das moderne Israel ist, wie es ist.

Jerusalem braucht auch heute Wächter. Beter, die für Israel beten und Gott an seine Verheißung erinnern, jawohl. Aber auch Menschen, die offen und offensiv eintreten für das jüdische Volk, für die jüdische Religion und für den modernen Staat Israel.

Denn wir erleben auf der anderen Seite zunehmend wieder Hass auf Israel und die Juden. Manchmal nennt man das vornehm „Kritik an Israel“, und doch wird dabei oft nicht weniger kritisiert, als dass Israel sich nicht einfach von der Landkarte wischen lässt. Das Verständnis für Terroristen wie die Hamas im Gazastreifen oder für ausgemachte Antisemiten wie den Holocaustleugner in Teheran ist bei diesen Leuten weit ausgeprägter als das Verständnis dafür, dass man sich vor solchen Leuten schützt, auch mit Waffen schützt. Manchmal nennt man es auch „Kritik an archaischen Bräuchen“ und kann und will nicht verstehen, dass man mit der Beschneidung das Zeichen des Bundes Gottes mit seinem Volk angreift, das ihm heilig und verbindlich ist. Manchmal identifiziert man kurzerhand das angeblich so böse Finanzsystem mit bestimmten jüdischen Namen. Manchmal fantasiert man die jüdische Weltverschwörung herbei. Und manchmal sagt man, wenn Israelis Opfer eines Anschlags werden, wie kürzlich im bulgarischen Burgas: Die sind doch selber schuld. – Der moderne Antisemitismus und Antizionismus hat viele Gesichter; aber er greift um sich, und es gehört zunehmend Mut dazu, klar und eindeutig Partei für Israel zu ergreifen.

Gerade darum möchte ich zur Wachsamkeit aufrufen, dabei sein bei denen, die über Jerusalem wachen, und bei denen, die für Israel beten.

Ich möchte schließen mit einem Zitat von Avita Ben-Chorin*, die in Jerusalem lebt:

Der Prophet Jesaja ruft die Wächter der Stadt auf, dem HERRN keine Ruhe zu lassen, bis er Jerusalem wieder aufrichte zum Lobpreis auf Erden. Wir müssen heute dankbar erkennen, dass Jerusalem wieder aufgerichtet ist, größer als es je war. Die Bewohner der Stadt haben da allerdings dem HERRN etwas geholfen. Und dennoch: Das Wort des Propheten wurde Wirklichkeit in unseren Tagen. Aber es fehlt vorerst die Verwirklichung der Verheißung „zum Lobpreis auf Erden“. Die Völker – und auch wir – sollten erkennen, dass mit uns Großes geschehen ist. So richtet die Tochter Zion wirklich ein Zeichen für die Völker auf.
Ich möchte an dieser Stelle von einem Erlebnis in der so umstrittenen Stadt erzählen, das mir zu einem Zeichen wurde. Am 29. Juni 1967, kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg, als Stacheldraht und Minen im Niemandsland der 19 Jahre lang geteilten Stadt hinweggeräumt waren, Jerusalem wieder vereinigt war, wurde der Weg zwischen Ost und West freigegeben. Die Israelis strömten in die Altstadt, Araber (die sich damals noch nicht Palästinenser nannten) in die westliche Neustadt. Alle wollten wissen, wie es bei den anderen aussieht. Mir begegneten arabische Nachbarn und man lächelte sich an. Dies ganz kurz nach dem Krieg! Es wurde mir klar: Hier gingen neugierige Nachbarn aufeinander zu. Ich empfand es wie eine messianische Stunde.
Wer solches erlebt hat, glaubt daran, dass es wieder geschehen wird, dass zu der Tochter Zion ihr Heil kommen wird und vor allem Frieden.