Sonntag, 5. Oktober 2014

Predigt am 5. Oktober 2014 (Erntedanktag)

Lasst uns nun durch Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Hebräer 13, 15-16


Liebe Schwestern und Brüder,
es war immer so: Sie brachten Körbe mit Obst und Gemüse, Kofferräume voll Marmelade und Kompott, Nudeln und Mehl, sie brachten Unmengen von Blumen, große Sonnenblumen, Astern und Dahlien, sie brachten Ährenbündel und Maiskolben, und riesige Kürbisse natürlich. Sie flochten einen Blütenkranz und zogen die Erntekrone hoch. Sie legten Brot und Weintrauben auf den Altar. Und die Kirche begann zu duften: nach Obst und Korn – nach Erntedank. Und dann, am Sonntagmorgen sangen sie miteinander, begleitet vom Posaunenchor: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. Drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt, und hohohofft auf ihn.
Es war immer so: In dem Ort, wo ich aufgewachsen bin, der sich gerne Gartenstadt nannte und vor hundert Jahren noch ein Bauerndorf gewesen war.
Es war immer so oder so ähnlich: In den verschiedenen Orten, wo ich Vikar oder Pfarrer war.
Hier ist es ein bisschen weniger. Die Bewohner von Apartmentanlagen und Hotels können natürlich keine üppigen Erntegaben bringen. Aber der eine oder andere, der einen Garten hat, hat etwas beigesteuert. Und manche industriell gefertigten Lebensmittel, die haben wir halt im Laden gekauft und hierher gebracht. Ob nur geerntet oder zu fertigen Speisen verarbeitet, es ist, wie wir gesungen haben: Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.
Es war immer so. Auch 2002, kurz nachdem das Hochwasser viele Gärten überschwemmt und zerstört hatte, das Korn auf den feuchten Feldern verschimmelte und die Kartoffeln faulten. Trotzdem haben wir Erntedank gefeiert. Oder erst recht.
Meine Erinnerung reicht nur ein knappes halbes Jahrhundert zurück. Aber ich weiß, dass auch in den Jahre des Krieges, des Mangels und der Not Erntedank gefeiert worden ist. Vielleicht mit weniger Erntegaben, aber die waren dann um so wertvoller. Was haben wir manchmal geklagt über die riesigen Kürbisse – was sollte man damit tun? – Vor 65 oder 70 Jahren haben sie es sicher gewusst.
Erntedank ist nie ausgefallen. Nicht, weil es zu wenig gab zum Danken. Auch nicht, weil es zu viel gab und wir uns die Ernteerfolge selber auf die Fahnen geschrieben hätten. Nach dem Motto von Ulbricht: „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.“ Es ist ihm jedenfalls nicht gelungen, Erntedank abzuschaffen. Die Erntekapitäne auf den Mähdreschern, die einen unter der Woche von den Zeitungsseiten anschauten, waren häufig genug am Erntedanksonntag dann doch in der Kirche zu sehen.
Lasst uns nun durch Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen!
Allezeit! Es war immer so, es soll immer so sein.
Gott hat versprochen, dass nicht aufhören soll Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht – solange die Erde steht (Gen 8,22).
Und es hat nicht aufgehört. Es gab gute Jahre und schlechte Jahre. Es gab Hunger und Elend. Und doch immer wieder eine neue Saat, eine neue Hoffnung, eine neue Ernte.
So lasst uns Gott versprechen, dass auch unser Dank nicht aufhören soll: solange die Erde steht, solange Lebensodem in uns ist! In guten und in bösen Tagen. Auch dann, wenn Danken zum Opfer wird. Aber darum heißt es ja auch Dank-Opfer.

Es war immer so, und es ist auch bei uns so: Zum Erntedankfest bringen wir unsere Früchte zur Kirche. Die Früchte des Feldes und des Gartens, die Früchte der menschlichen Arbeit. Alles ist durch unsere Hände gegangen, alles ist von Gott gekommen: der Wachstum und Gedeihen schenkt und seinen Segen gar zart und künstlich einwickelt in unser Feld und Brot. Wir wickeln ihn aus und bringen ihn heute zurück zu Ihm, von dem er gekommen ist. Hierher in die Kirche.
Und dann nehmen wir ihn wieder mit zu denen, die ihn noch brauchen. Was hier vorn steht, das ist bestimmt für unser Partnerprojekt in Valle San Lorenzo, wo Kinder und Jugendliche aus problematischen Verhältnissen unterstützt werden.
Es war immer so: Am Erntedankmontag sind Autoladungen voll Obst und Gemüse, Marmelade und Kompott, Nudeln und Mehl und vieles vieles mehr in Einrichtungen der Diakonie gebracht worden, wo sie verzehrt wurden und zu wirtschaften halfen.
In einem unserer Dörfer im unteren Erzgebirge, da war es immer so, dass am Freitag vor dem Erntedanktag die Kinder von der benachbarten Grundschule in die Kirche kamen und in einer kleinen Erntedankfeier ihre Gaben nach vorn brachten. Fast jedes Kind hatte ein paar Dinge, die Kinder gerne essen: Müsli und Nutella, Nudeln und Tomatensoße in Dosen, Kekse und Süßigkeiten und vieles, vieles mehr. – Das war für ein christliches Sozialprojekt in Chemnitz, wo vor allem Kinder betreut wurden, die mehr oder weniger auf der Straße lebten und von zu Hause kaum das Nötigste bekamen.
So oder so ähnlich war und ist Erntedank immer. Wir teilen, die Erntegaben. Gaben, die wir empfangen haben. Gaben, die wir gegeben haben.
Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.

Dankopfer. Gott fordert keine Opfer für sich selbst. Die hat er nicht nötig. Nicht mehr. Seitdem Jesus sein Leben für alle geopfert hat.
Gott gefallen Opfer, die anderen nützen und helfen. Und so tragen wir die Früchte des Feldes und der menschlichen Arbeit in die Kirche hinein und mit Gottes Segen wieder aus der Kirche heraus zu den anderen, denen sie guttun. Heute symbolisch die Lebensmittel, sonst meistens Geld, das für die Früchte unserer Arbeit steht und kaufen kann, was Menschen zum Leben brauchen.

Aber nicht nur die Früchte des Feldes und der menschlichen Arbeit bringen wir als Dankopfer. Sondern auch unsere Gebete und unseren Lobgesang: Die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gerade am Erntedanktag.
Wir sagen Danke und wir singen Danke.
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn...
So war es immer.
So ist es auch bei uns heute.
So soll es sein, solange Lebensodem in uns ist.