Samstag, 25. Oktober 2014

Zündfunke (Rundfunkandacht) am Sonnabend, dem 25. Oktober 2014

Guten Morgen, liebe Hörer,

bei uns vor der Kirche sitzt fast jeden Sonntag eine Bettlerin. Viele von uns Gottesdienstbesuchern gehen an ihr vorbei; manche legen was in ihren Plastikbecher; einige tun das regelmäßig, jeden Sonntag. Manchmal hat ihr jemand ein Bocadillo gekauft und ihr zu essen gegeben. Ob sie darüber wirklich glücklich war, oder lieber Geld gehabt hätte, blieb unklar.

Mir sind Bettler unangenehm. Wenn ich ihnen nichts gebe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Wenn ich ihnen etwas gebe, habe ich auch kein gutes Gefühl. Vielleicht wird die Frau zum Betteln gezwungen. Vielleicht machen sich andere einen Fetten mit dem, was wir aus Mitleid spenden.

Eigentlich finden wir ja den Sozialstaat gut, wo jeder zum Amt gehen kann und das Minimum für den Lebensunterhalt bekommt. Wir bezahlen unsere Steuern und der Staat verteilt sie an die Bedürftigen; wir brauchen nichts mehr zu machen und können mit gutem Gewissen an den Bettlern vorbeilaufen.

Auf der anderen Seite fände ich eine Gesellschaft fast schon unmenschlich, in der Solidarität nur noch vom Staat organisiert ist und nicht einer dem anderen hilft und gibt. Auch ohne Bedürftigkeitsprüfung.

Das heutige Losungswort schlägt eine Brücke zum vergangenen Montag, wo es schon einmal um Arme ging. Heute heißt es: Ich gebiete dir und sage, dass du deine Hand auftust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist (5. Mose 15,11).

Diesem Wort zur Seite gestellt ist ein weiteres aus dem Neuen Testament: Macht auch ihr euer Herz weit (2. Korinther 6,13).

Offene Hände, weite Herzen.

Natürlich werde ich mir weiterhin Gedanken machen, wem ich was spende. Aber im Zweifelsfall möchte ich nicht engherzig sein und meine Hände lieber ein bisschen zu viel öffnen als zu wenig.